So geht es, Gott sei Dank, auch. Thomas Hettche ist auf einem guten Weg. Seit seinem fulminanten Debüt „Ludwig muss sterben“, 1989, hat er sich stetig weiterentwickelt. Er nimmt sich allerdings auch Zeit zum Schreiben, versucht für jedes neue Buch auch eine entsprechende (neue) Form zu finden. 2006 hatte er, damals als Berliner Autor, mit „Woraus wir gemacht sind“ den Deutschen Buchpreis um Haaresbreite verpasst. Jetzt kommt er mit einem kleinen, geradezu intimen Roman, noch besser gesagt: mit einer Novelle nach Frankfurt am Main zurück und erzählt uns von den unerhörten Begebenheiten auf einer der deutschen Nordsee-Inseln. Und wieder ist er einen Schritt weitergekommen.
Dabei geht es hier nicht um ein bloßes Trauerspiel, sondern um eine echte Tragödie.
Silvester auf Sylt. Alte Freunde treffen sich nach vielen Jahren wieder einmal in einem Haus in den Dünen von Hörnum, um gemeinsam den Jahreswechsel zu feiern. Der Held, Peter, ein Verlagsvertreter, ist deutlich gekennzeichnet als Repräsentant eines absterbenden Gewerbes. Schon seine Mutter war Buchhändlerin. Sie hat lange Jahre im Sommer auf Sylt gearbeitet und ihren Jungen in den Ferien mitgenommen. Damit sind bereits zwei verklungene Motive angespielt, das Glück der Kindheit, das mit ihr vergangen ist, und die Verheißungen der Literatur, die ihre Strahlkraft verloren haben.
Jetzt kommt Peter mit seiner dreizehnjährigen Tochter Annika, die ihren Namen von der Freundin Pippi Langstrumpfs hat, erstmals wieder nach Sylt. Als sie zwei Jahre alt war, hat er sich von ihrer Mutter getrennt. Sie waren nicht verheiratet. Ansprüche darf der Vater darum nicht erheben. Die Rechtslage (deren Korrektur das Bundesverfassungsgericht soeben verlangt hat) hat psychologische Konsequenzen: Keiner kann, wie er will. Jede Handlung verursacht ungewollte Folgen.
Annika kann ihrem Vater nicht verzeihen, dass er sie verlassen hat. Seine Erklärungen interessieren sie nicht. Aber immer wieder stellt sie ihm die Frage: „Werdet ihr euch irgendwann wieder vertragen, du und Mama?“
Annikas Mutter schikaniert und provoziert den rechtlosen Vater – wobei es ausschließlich seine Sicht ist, die hier präsentiert wird. Hettche geht es nicht um eine ausgewogene Darstellung, sondern um eine Gemengelage aus diffusen, widersprüchlichen Erwartungen, Empfindungen und Hoffnungen, die bis in die feinsten Nuancen hinein ausgelotet werden. Er beschreibt die wechselseitigen Missverständnisse und die so provozierten Enttäuschungen mit den jeweils entsprechend verzerrten Reaktionen. Das ist grandios gemacht und teilweise erschütternd zu lesen.
In der Silvesternacht kommt es zum Eklat. Man feiert in der berühmten Sylter Strandkneipe „Sansibar“. Annika erzählt beiläufig, dass sie nicht mehr Hockey spielt und verkündet ihren bereits beschlossenen Schulwechsel. Eine Privatschule: „Da gibt es keine Noten und auch keine Klassen. Mama sagt, dann ist der Druck für mich nicht so groß.“ Peter, der Vater, flippt daraufhin, in aller Öffentlichkeit, buchstäblich aus. Annika läuft weg. Peter landet mit Glück und Hilfe des Schicksals (nur) im Krankenhaus. Mehr kann man von einer ordentlichen Novelle kaum verlangen. Die Handlung schlägt an ihrem Höhepunkt um: Vater halb tot. Tochter verschwunden. Freunde empört.
Es geht also hoch her, obwohl letztlich wenig passiert. Vieles wird unausgesprochen deutlich. Die Dramatik spielt sich im Inneren ab. Im Hintergrund, sehr schön ausgemalt, bleiben die Insel, das Meer. „Das Himmelsblau ist beinahe weiß, auflandender Wind reißt die Gischt von den Kämmen der hoch anrollenden Wellen und treibt sie als schaumige Flocken über den zerwühlten nassen Sand, in den man bei jedem Schritt tief einsinkt.“ Die Verknüpfung zwischen Natur und Erzählung, die sich der Autor, Theodor Storm sicher im Sinn, vermutlich gewünscht hat, ist ihm dabei allerdings nicht gelungen. Nur macht das nichts. Denn die wahren mythischen Mächte, die hier walten, spielen ihre Rolle in den Beziehungen der Menschen. Wobei sogar die Gruppe, die sich hier zusammengefunden hat, ebenfalls nur als Kulisse dient. Als Reflexionsfläche, auf der sich wunderbar aufgefächert das Verhalten dieser Menschen spiegelt, die überheblich, selbstgerecht und rücksichtslos agieren.
Peter bemüht sich vergeblich, seinen Ausbruch zu erklären. Er bleibt isoliert. Eine Frau bezeichnet ihn einmal als „verkniffen“. Ein Loser auf der ganzen Linie, nicht unbedingt sympathisch, aber glaubwürdig. Die Gruppe stößt ihn aus. Selbst Susanne, seine Jugendliebe, fügt sich dem Druck. Obwohl sie offenbar etwas nachholen möchte. Seinerzeit konnte Peter bei ihr nicht richtig landen. Jetzt scheint sie es zu bereuen. Susannes Mann betrachtet argwöhnisch die Szene. Dieses Beziehungsgeflecht wird genau beobachtet, sehr behutsam auseinandergelegt. Anders als die vor zwanzig Jahren noch gefragten „Beziehungskisten“ erschöpft sich diese Erzählung nicht in der breit ausgewalzten Beschreibung von Befindlichkeiten. Im Zentrum steht hier eine Aporie, für die es keine Lösung gibt.
Eine paradoxe Leistung. Hettche gelingt es tatsächlich, John Banville folgend, einen Roman (über das Meer) zu schreiben, der (in diesem Sinn) keine Handlung hat, und trotzdem von der ersten bis zur letzten Seite spannend bleibt. Gefährlicher als die tosende Oberfläche der sich brechenden Wellen wirkt die darunter verborgene Gegenströmung, die uns mit unsichtbaren Kräften ins Meer hinaus zieht.
Aus dieser verdeckten Spannung entwickelt sich die innere Dynamik: Gefühlvoll, nie sentimental, wahrhaft herzerwärmend, aber nicht kitschig.