Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Petersburger Schriftsteller Oleg Jurjew, der seit 1991 in Frankfurt lebt, seinen Roman "Die russische Fracht" im Jahr 2005 zu schreiben begann. In Moskau war soeben Vladimir Sorokins brutaler Gesellschaftsroman "Tag des Opritschniks" erschienen, der ein neues Terror-Regime an der Macht sieht. Kein Stalin ist diesmal der Urheber, sondern eine christlich-orthodoxe Mordorganisation, die den Gewaltintrigen und Wirtschaftsverbrechen des Staates unbegrenzte Macht verschafft.
Man kann "Die russische Fracht" als Petersburger Antwort auf Sorokin lesen, als poetischen und ironischen Gegenentwurf, der Brutalität durch Bizarrerie und Machtgier durch Träume ersetzt. Oleg Jurjew macht sich keine Illusionen über die russische Gegenwart, aber er vertraut der Kraft und dem langen Atem der Phantasie. Deshalb ist sein Held Weniamin Jasytschnik, liebevoll Wenka genannt, nicht nur ein gescheiterter Historiker, der sich bei Bedarf in einen skrupellosen und leichtsinnigen Geschäftsmann verwandelt, sondern auch ein liebessehnsüchtiger und hartnäckiger Träumer, der mit seiner Naivität die aussichtslosesten Situationen umdreht: auf dem Frachtschiff, mit dem er seinen mordlustigen Gläubigern entkommt, werden unter seinen Augen Seeleute zu empfindsamen Archäologen und korrupte Zollbeamte zu unbestechlichen Chronisten. Die aufgedonnerte Buffetdame Zoe entpuppt sich sogar als zärtliche Penelope, die über ein Jahrzehnt auf ihn gewartet hat, um ihn die Liebe zu lehren.
Oleg Jurjew: Die russische Fracht. Roman. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Suhrkamp Verlag, 2009, 222 Seiten, 24,80 Euro.
Wenka war im bizarren und gewalttätigen Petersburger Export-Import-Geschäft zu Hause, doch das gefährlichste Abenteuer seines Lebens beginnt auf diesem Schiff vom Typ "Ulysses" - und es fühlt sich ganz anders an als die Seeabenteuer-Romane von Jack London, die er als Kind so liebte.
Im flirrenden Niemandsland zwischen (Alb-)Traum und Realität ist er gelandet, wo jede Erscheinung auch ihr Gegenteil bedeutet. Die Leichen, die das Schiff geladen hat, sind seine alten Freunde, die übers Deck spazieren und mal zynisch, mal wehleidig von früher erzählen; während der Kapitän, statt zu steuern, über Lautsprecher vaterländische Balladen rezitiert. "So sprechen wir miteinander, Menschen der untergegangenen sowjetischen Zivilisation - in Zitaten aus allerlei Gedichten und Liedchen, aus alten Filmen und alten Witzen. Was wollen wir uns damit sagen?" grübelt Wenka.
Klar ist, dass dieses schwimmende Sammelbecken von Erinnerungen und Wissen - das metallene Gegenstück zum neuen Golem (aus Jurjews letztem Roman) - nicht nur eine Art fliegender Holländer mit sowjetischen Altlasten an Bord ist, sondern auch ein rettender archimedischer Punkt für die Gegenwart. "Vineta" heißt der Roman im Original, und ihm gelingt, was dem armen Wenka mit seiner (von der historischen Kommission abgelehnten) Doktorarbeit nicht gelang: die Geschichte Petersburgs mit dem Mythos der sagenhaft reichen, in der Ostsee versunkenen Stadt Vineta so raffiniert und witzig zu verzahnen, dass jeder Leser versteht: Petersburg ist dieses angeblich verschwundene Paradies Vineta, das dank seines klugen Eigensinns und seines Humors unsinkbar ist.
Oleg Jurjew verwandelt die lebensgefährlich absurde, trostlose Wirklichkeit in ein Feuerwerk aus Action, Politsatire und literarischen Anspielungen von Puschkin bis Jerofejew, mit kleinen Abstechern zu Jules Verne. Zusammengehalten wird das Ganze überraschenderweise von einem Koordinatensystem zarter, poetischer Bilder, die als hoffnungsvolle Synthese dieses Tumultes erscheinen. So steuert das Kühlschiff "Zweifacher Held der Sowjetunion" samt seiner Ladung Scheintoter entschlossen aus der Vergangenheit heraus, schließlich sind alle Grenzen, einschließlich der physikalischen, durchlässig geworden. Die Jahrtausendwende kommt in Sicht, der "Eurostandard" lockt, als der wütende Zar Peter persönlich an Deck erscheint und das Schiff nach Petersburg zurückscheucht: ein überraschendes Happy End bahnt sich, und der überrumpelte Liebesanfänger Wenka hat plötzlich nicht nur eine Frau, sondern auch noch zwei Kinder. Schwer zu entscheiden, ob es sich bei diesem Roman um einen verfremdeten Agenten-Thriller, ein Seeabenteuer, eine Amour fou oder eine Liebeserklärung an Sankt Petersburg handelt - wahrscheinlich um alles zusammen.