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Literatur

24. Februar 2009

Operation Ajax: Putsch mit fatalen Konsequenzen

 Von WOLFGANG KRAUSHAAR
Die tragischste Figur: Mohammed Mossadegh.  Foto: Getty

Die CIA und die Hintergründe des Mossadegh-Sturzes 1953 im Iran.

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Kein anderes Wort hat die USA letztes Jahr so elektrisiert wie Obamas Parole "change". Zwar wusste niemand so genau, was im Einzelnen verändert werden sollte, allen jedoch war klar, dass zuerst George W. Bush und seine republikanische Politik abgelöst werden müssten, um überhaupt einen grundlegenden Wandel erreichen zu können. Das Schlagwort wurde zum Synonym für den Wahlkampf des neuen Präsidenten. Auf seiner offiziellen Website stand schlicht "Obama for change".

Ein sehr viel weniger populäres Wort lautet "regime change". Es ist eine eher höfliche Umschreibung des hässlichen Wortes vom Umsturz oder Putsch, das den Sachverhalt gewöhnlich aber sehr viel besser benennt. Der erste, der den zuvor meist nur hinter vorgehaltener Hand benutzten Terminus in den offiziellen Sprachgebrauch der amerikanischen Regierung eingeführt hat, war Präsident Bill Clinton. Unter seinem Nachfolger Bush jr. hat er dann eine Art Normalisierung erfahren. Gemeint war mit der Forderung, einen Regimewechsel herbeiführen zu müssen, in der Regel der Sturz Saddam Husseins im Irak und die Ersetzung seines Regimes durch ein prowestliches.

Daran kommt keiner vorbei

Inzwischen ist das ursprüngliche Tarnwort auch in der Politikwissenschaft angekommen. Einer der bekanntesten amerikanischen Journalisten hat 2006 sogar eine Monographie über "America's Century of Regime Change" verfasst. Sie reicht vom Sturz der Monarchie 1893 in Hawaii bis zum Irakkrieg genau hundert Jahre später und ist bereits 2007 unter dem etwas reißerischen, dafür aber unverblümteren Titel "Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus" in Enzensbergers Anderer Bibliothek erschienen.

Darin wird zwischen zwei Formen eines "Regimewechsels" unterschieden, die sich in drei Zeitabschnitten abspielten: In der ersten, als imperialistisch bezeichneten Phase sind den USA hinderliche Regime wie Nicaragua oder Honduras offen zu Fall gebracht worden, in einer zweiten, nach 1945 einsetzenden Phase sind als störend angesehene Regierungen wie im Iran, in Guatemala, in Südvietnam oder in Chile durch verdeckte Operationen gestürzt worden und in einer dritten, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges eingesetzt hat, ist zu der ursprünglichen Methode zurückgekehrt worden, die - wie im Falle Afghanistans und des Iraks - bis zur Entsendung großer Truppenkontingente reichte. Der Autor des Buches, Stephen Kinzer, gilt als einer der Veteranen der New York Times, hat nach dem Mauerfall deren Berliner Büro geleitet und ist 2002 mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden.

Nun ist Kinzers am gründlichsten recherchierter Fall, der Sturz des Mossadegh-Regimes 1953 im Iran, auf Deutsch erschienen. Das Buch ist, um es vorweg zu sagen, ein Standardwerk, an dem niemand mehr vorbei kommt, der sich über den Iran in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Ablösung des Schah-Regimes durch den Gottesstaat der Ayatollahs und die verheerenden Folgen für die internationale Politik äußern will. Kinzer schildert minutiös, wie der Putsch von amerikanischen und britischen Agenten geplant und durchgeführt worden ist. Er weist nach, dass dies nur auf Anweisung von Präsident Eisenhower und Premierminister Churchill geschehen konnte. Ihre beiden Amtsvorgänger Truman und Attlee hatten sich noch gegen die Anwendung derartiger Praktiken ausgesprochen.

Der Grund für den gewaltsamen Machtwechsel lag eindeutig in der Verstaatlichung der Anglo-Iranian-Oil-Company durch die iranische Regierung. Insbesondere die britische Regierung wollte partout nicht auf die Ausbeutung eines der weltweit größten Erdölvorkommen verzichten. Etwa 90 Prozent des damals in Europa genutzten Öls stammten aus der am Persischen Golf gelegenen Mammutraffinerie von Abadan. Um diesen spätkolonialen Zugriff auf das Erdöl weiter zu gewährleisten, musste ein demokratisch legitimierter Ministerpräsident wie Mohammed Mossadegh beiseite gefegt und durch einen willfährigen Satrapen wie den Schah ersetzt werden.

Der Codename für den Staatsstreich lautete "Operation Ajax". Die Leitung lag bei dem äußerst findigen CIA-Mann Kermit Roosevelt, einem Enkel des früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt. Er war die Schlüsselfigur der gesamten Operation. Sie war in vier Schritten geplant, geriet vorübergehend ins Stottern und führte letztlich doch zu dem gewünschten Ergebnis: einer Verleumdungskampagne gegen Mossadegh, der Übergabe der Entlassungsurkunde an den Ministerpräsidenten durch royalistische Offiziere, der Mobilisierung antidemokratischer Demonstranten und der Ernennung von General Zahedi zum neuen Ministerpräsidenten durch Schah Reza Pahlewi. Um den Mob der Straße, Teile der Eliten und schwankende Kräfte innerhalb der Militärführung bestechen zu können, sind aus den USA riesige Geldsummen geflossen.

"Man of the Year" 1951

Die tragischste Figur war zweifelsohne Mossadegh. Er war ein überzeugter Anhänger der parlamentarischen Demokratie, ein strikter Befürworter der Gewaltlosigkeit, ein Bewunderer Lincolns sowie der Vereinigten Staaten und vom US-Magazin Time 1951 sogar zum "Man of the Year" gewählt worden. Nicht zu Unrecht galt er auch als Exponent einer traditionellen Kultur der Höflichkeit und der Gastfreundschaft. Doch gerade dieses Festhalten an zivilgesellschaftlichen Prinzipien wurde dem vom persischen Volk so verehrten Mann zum Verhängnis.

Seine Gegner nutzten seine Charaktereigenschaften kaltblütig aus und setzten darauf, dass er in einer Situation der Bedrängnis keine gewaltsame Option wählen würde. Zwar kam er mit dem Leben davon, jedoch um den Preis einer völligen politischen Isolation. In einer Art Schauprozess wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt und bis zu seinem Lebensende 1967 unter Hausarrest gestellt.

Präsident Truman hatte seinerzeit gewarnt, dass eine gewaltsame Lösung des Irankonflikts "eine Katastrophe für die freie Welt" nach sich ziehen würde. Ein Vierteljahrhundert Tyrannei durch das Schah-Regime und die Geburt eines noch weitaus schrecklicheren islamischen Gottesstaats haben gezeigt, wie prophetisch seine Worte waren.

Wenn heute der Westen verzweifelt nach einer Lösung für den Konflikt mit dem Holocaust-Leugner Ahmadinedschad sucht, um insbesondere die zunehmende Bedrohung Israels abzuwenden, dann ist das immer noch ein Teil der Zeche, die für den CIA-Putsch von 1953 zu zahlen ist.

Stephen Kinzer: Im Dienste des Schah. CIA, MI6 u. d. Wurzeln des Terrors im Nahen Osten. Dt. v. B. Döbert. Wiley-VCH 2009, 318 S., 19,95 Euro.

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