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Sachbuch: Opium fürs Volk

Eines Tages wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. So lernte die Publizistin und Bestsellerautorin Barbara Ehrenreich „die Welt der rosa Schleifen“, das ganze Spektrum der Brustkrebsprodukte kennen. Und vor allem auch die leidige Ideologie des positiven Denkens, die sich bald als reine Tyrannei herausstellte.

Die rosa Schleife, die ein Bewusstsein für das Problem Brustkrebs schaffen soll, ziert das weiße Haus in Washington.
Die rosa Schleife, die ein Bewusstsein für das Problem Brustkrebs schaffen soll, ziert das weiße Haus in Washington.
Foto: rtr

Eigene Erfahrung wurde für die Publizistin und Bestsellerautorin Barbara Ehrenreich zum Anstoß für ihr jüngstes Buch. Eines Tages wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. So lernte sie „die Welt der rosa Schleifen“, das ganze Spektrum der Brustkrebsprodukte kennen. Es handelte sich dabei keineswegs nur um ein geschäftstüchtiges Ausnutzen Kranker. Zu einem Großteil stellten frühere Brustkrebspatientinnen solche Accessoires her, und der Erlös kommt zum Teil der Brustkrebsforschung zugute.

Das Schönreden in der „Brustkrebsszene“ reichte in ihren extremen Formen bis zum Lobpreis von Krebs als „Eintrittskarte in dein wahres Leben“ und der Chemotherapie als Mittel zum Straffen der Haut und dem Erlangen weicheren Haars. Es dauerte lange, bis in der Krebsbetreuung auch Kritik an der „Tyrannei des positiven Denkens“ laut wurde, das sich zu einer zusätzlichen Belastung für die Patientinnen auswuchs. Indem sie dazu gebracht wurden, sich als Versagerinnen in positivem Denken zu betrachten, fühlten sie sich selbst für ihre Krankheit verantwortlich.

Reaktion auf den calvinistisch geprägten Puritanismus der ersten Siedler

Der Brustkrebs machte Ehrenreich bewusst, was der Optimismus des amerikanischen Nationalcharakters in Wirklichkeit war: eine Ideologie, die dazu auffordert, „die Realität zu leugnen, uns fröhlich in unser Unglück zu fügen und nur uns selbst für unser Schicksal verantwortlich zu machen“.

Den Ursprung der Positivitätsideologie sieht die Autorin in einer Reaktion auf den calvinistisch geprägten Puritanismus der ersten Siedler. Deren Prädestinationslehre gebot rastlose Tätigkeit. Wenn es einen Indikator für die persönliche Auserwähltheit durch Gott gab, dann war es der wirtschaftliche Erfolg des Einzelnen. Noch Ehrenreichs eher emanzipierte Mutter hatte den Zwang zur Arbeit so verinnerlicht, dass sie bei seelischen Nöten zu sagen pflegte: „Wenn du am Boden bist, dann schrubb ihn.“

Gegen diese kunstfeindliche, freudlose und sittenstrenge Religion mit ihrem strafenden Gott erhob sich im Laufe der Zeit Protest. Philosophen wie Ralph Waldo Emerson sahen in der Natur die Quelle göttlicher Offenbarung. Für Vertreter der von den Transzendentalisten inspirierten Neugeistbewegung war Gott der „Allgeist“, war er die Liebe und das Gute schlechthin.

Der gemeinhin als Begründer des „Neuen Denkens“ geltende philosophisch gebildete Uhrmacher Phineas Parkhurst Quimby wurde zu einem erfolgreichen Heiler, der seine aus Angst vor ewiger Verdammnis depressiven Patienten davon zu überzeugen suchte, dass sie Teil eines grundsätzlich gütigen universalen Geistes seien und aus diesem Bewusstsein heraus eigene Kräfte zu ihrer Genesung mobilisieren könnten.

Positives Denken, das im 19. Jahrhundert dazu ermutigte, tatkräftig das eigene Leben in die Hand zu nehmen und nach vorn zu blicken, machten dann im 20. und erst recht im 21. Jahrhundert Unternehmer, Prediger und Psychologen zu einem Instrument für ihre jeweiligen Zwecke.

„Die Verzweiflung managen“, ist einer der besonders aktuell wirkenden Abschnitte des Buches überschrieben. Darin geht es um die inzwischen prekär gewordene Situation der Mittelschichten – um die Gewöhnung von Angestellten an Kündigungswellen, um das Coachen der entlassenen ebenso wie der verbliebenen Beschäftigten.

Bereits Ende des 20. Jahrhunderts begannen Unternehmen, Umstrukturierungsexperten von außen zu holen. „Denn die Kündigungen mussten ohne Vorwarnung und gleichzeitig ausgesprochen werden, damit die Betroffenen keine Zeit hatten, die verbliebenen Beschäftigten mit ihrem Groll anzustecken.“ Um Kündigungsklagen oder Imageschäden vorzubeugen, wurden und werden Outplacement-Firmen eingesetzt, die Entlassenen Bewerbungstrainings und Motivationsworkshops anbieten.

Auch die neue positive Theologie der Megakirchen fügt sich mit ihrem „Wohlstandsevangelium“, ihrer Predigt von einem Gott, der möchte, dass seine Anhänger sofort oder bald Wohlstand und Erfolg im Hier und Jetzt erlangen, nahtlos in eine Welt materialistischen Denkens. Seit mehr als einem Jahrzehnt steht mit Martin Seligman ein Wissenschaftler an der Spitze der „American Psychological Association“ , der sich der „positiven Psychologie“ widmet. Er sieht in Glück und Optimismus „Mittel zum Zweck von Gesundheit und Leistung, bzw. Erfolg“. In seinem Buch „Der Glücksfaktor“, das 2003 auch auf Deutsch erschien, propagiert er ein tugendhaftes Leben in Bescheidenheit und Mäßigung. Soziale Reformen zugunsten von mehr Chancengleichheit lehnt er ab. Das sei „kaum praktikabel und teuer“ und die Bedeutung für das Glück von Menschen nur marginal.

Selbst in den USA hat sich ein hartnäckiger Rest von Realismus erhalten

Am Ende ihres Buches verweist Ehrenreich auf Ähnlichkeiten der Tyrannei des positiven Denkens, die in den USA besonders ausgeprägt zutage tritt, mit dem Zwang zum Optimismus, der unter kommunistischen Regimen herrschte. „Optimismus ist Opium fürs Volk“, hatte Milan Kundera 1968 in dem Roman „Der Scherz“ den Protagonisten einen berühmten Satz von Karl Marx abwandeln lassen. Das führte zu seiner Verurteilung als Volksfeind und zu Zwangsarbeit in einem Kohlebergwerk.

Barbara Ehrenreich kann da optimistischer sein. Selbst in den USA, denen sie ein geradezu calvinistisch propagiertes und praktiziertes positives Denken attestiert, hat sich ein hartnäckiger Rest von Realismus erhalten, der, und das ist der Rat, mit dem sie ihre Leser entlässt, die Suche nach Glück nicht ausschließt, „im Gegenteil, er macht sie erst möglich.“ Das lässt man sich gerne sagen von einer Autorin, die die Kunst beherrscht, unterhaltsam zu schreiben und dabei zugleich differenziert zu bleiben.

Autor:  Renate Wiggershaus
Datum:  3 | 9 | 2010
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