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Literatur

31. Januar 2016

Orhan Pamuk „Diese Fremdheit in mir“: Die Liebe in Zeiten der Sittenstrenge

 Von Martin Oehlen
Orhan Pamuk im Januar 2016 in Londons Somerset House. Der Literaturnobelpreisträger vor Manuskripten zu seinem Roman „Das Museum der Unschuld“.  Foto: AFP

Heute erscheint Orhan Pamuks „Diese Fremdheit in mir“. Der Nobelpreisträger hat für seinen großen Roman über das raue Istanbul sechs Jahre recherchiert und zahlreiche Gespräche geführt.

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Boza ist ein Getränk, das die Welt noch nicht erobert hat. Und es bestehen begründete Zweifel, dass es je dazu kommen wird. Doch für Mevlut Karatas, den Helden in Orhan Pamuks neuem großen Roman „Diese Fremdheit in mir“, ist Boza ein Getränk wie kein anderes. Von Jugend an schultert er wie schon sein Vater Abend für Abend die schweren Kannen und zieht mit dem darin befindlichen leicht alkoholischen Getränk durch die dunklen Gassen Istanbuls. Ein Geschäft ist es nicht, aber eine Leidenschaft schon – denn Mevlut fasziniert es, durch die Stadt zu streifen und seinen Gedanken nachzuhängen. Gehend lässt sich eben besonders gut nachdenken.

Nicht wenige Kunden reagieren auf Mevluts „Booo-zaaaa“-Rufe nur deshalb, weil er sie auf diese Weise an verwehte Zeiten erinnert: Ja, damals, als noch die Boza-Verkäufer durch die Straßen zogen! Mittlerweile gibt es das zähflüssige Getränk, in Flaschen abgefüllt, im Supermarkt. So gesehen ist Mevlut ein Vertreter des alten Istanbul – eines, an das Orhan Pamuk immer wieder gerne erinnert. Nicht zuletzt hat er dies getan, indem er Ara Gülers Schwarz-Weiß-Aufnahmen des vitalen, düsteren, oft in tiefe Melancholie gehüllten Istanbuls herausgegeben hat.

Nun wird der Metropole in diesem Roman ein Denkmal gesetzt. Es ist nicht das touristische Istanbul, das uns hier vorgestellt wird, sondern das alltägliche, das raue, arme, wuchernde Istanbul. Und wir werden Zeugen, wie im Zuge der Modernisierung Hütten zu Hochhäusern und billige zu teuren Wohngegenden mutieren. Derart oft ziehen wir mit Mevlut durch die Straßen und Viertel, dass man sich schon erinnert fühlt an Patrick Modianos belletristisches Flanieren durch Paris. Wer es darauf anlegte, könnte gewiss anhand von Pamuks Roman eine ziemlich zuverlässige Karte seiner Heimatstadt zeichnen.

Drei Dinge prägen das Leben des Mevlut Karatas, so wie Pamuk es uns schildert: die Liebe zu Rayiha, seiner Frau, die Liebe zu Istanbul und die Liebe zu seinem abendlichen Leben als Boza-Verkäufer. Klingt nicht spektakulär, ist es aber doch. Jedenfalls in der Art, wie Pamuk davon erzählt. Schnell wird klar, dass keine dieser Lieben ohne Dornen ist. Ja, ein ums andere Mal wundert sich der Leser, dass Mevlut trotz aller Entbehrungen, Widrigkeiten und Enttäuschungen den Kopf oben behält. Da bleibt es nicht aus, dass einem dieser Istanbuler Jedermann, dem das Leben nichts schenkt, schon bald sehr sympathisch ist.

Zum Buch

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Roman. A. d. Türkischen v. Gerhard Meier. Hanser, München 2016. 592 Seiten, 26 Euro.

Über vier Jahrzehnte erstreckt sich der Roman, den Pamuk mit so vielen Mosaiksteinchen ausschmückt, dass es eine Pracht ist. Immer wieder lässt er Stimmen derer vernehmen, die etwas zum Verlauf der Handlung beitragen können (leicht variiert hatte Pamuk eine solche polyphone Konstruktion schon in „Rot ist mein Name“ realisiert). Da wird der Erzähler, der aus der Perspektive des Helden erzählt, korrigiert („Das stimmt so nicht.“) oder werden seine Schilderungen aus einem anderen Blickwinkel ergänzt. Allerdings führt dies nicht dazu, dass die Lektüre zur Strapaze wird. Alles bleibt in Schwung, und der Leser weiß trotz dieser Fülle an Ansichten und Eindrücken immerzu, an welcher Stelle der Lebensschilderung er sich gerade befindet.

Mevlut stammt aus einer armen Familie in Anatolien. Sein Vater sucht das Glück in Istanbul. Weil er aber kein Geld hat, macht er es wie viele andere, die in Richtung Metropole drängen: Am Stadtrand wird eine Fläche eingezäunt, ein Haus errichtet – und dann darauf gehofft, dass diese illegale Inbesitznahme eines Tages offiziell anerkannt wird.

Dass es für diese Anerkennung dann doch zumeist einiger Zahlungen bedarf, versteht sich fast von selbst. Überhaupt gibt dieser Roman einen spannenden Einblick in die Welt des Schmiergeldes. Ohne Bestechung, so scheint es, funktioniert das System nicht. Und wenn das Geld mal nicht so fließt, wie es fließen soll, geht es auch schon mal gewalttätig zu.

Pamuk erzählt eine bewegende Geschichte, deren Mitwirkende freilich auch für mancherlei Erheiterung sorgen. Anklänge an den Schelmenroman finden sich allemal – gleich schon im Untertitel: „Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karats und seiner Freunde sowie ein aus zahlreichen Perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012“. Amüsant sind die Schilderungen aus Kindheits-, Schulzeit- und Armeezeiten, häufig ausgelöst durch die Lächerlichkeit der Autoritäten. Und nicht zuletzt erfreuen die vielen Liebesbriefe, die Mevlut mit Hilfe von Verwandten und Fachbüchern an seine Geliebte schreibt, welche er allerdings nur einmal flüchtig gesehen hatte: „In all seiner Verwirrung begriff Mevlut, dass dieses Mädchen sein Schicksal war.“

Die Tagespolitik tritt hier nur selten in den Vordergrund

Der erste Brief kommt nach wochenlangen Diskussionen zustande, besteht aus neun Sätzen und beginnt mit der Anrede: „Meine Schmachtäugige“. Hier auch zündet Pamuks beste Idee. Denn die Briefe, die dann zur Ehe mit Rayiha führen, hat Mevlut gar nicht an sie schreiben wollen, sondern an ihre jüngere Schwester Samiha. Als er das Mädchen eines Nachts mit ihrer Einwilligung aus dem anatolischen Dorf entführt, bemerkt er plötzlich die Verwechslung: Mevlut ist Opfer einer Intrige geworden. Geheiratet wird trotzdem.

Aufschlussreich ist nicht zuletzt der strenge Sittenkodex, mit dem der Leser vertraut gemacht wird. Grundübel ist die Unterdrückung der Frau, die dem Manne untertan sein muss: Will sie auf die Straße gehen, muss er damit einverstanden sein. Wer nicht zwangsverheiratet werden möchte, muss aus dem Hause flüchten, und wer nicht die Zustimmung des Vaters der Freundin bekommt, kann allenfalls die Geliebte entführen. So oder so drohen Verfolgung und Gefahr – weil das schon wieder eine Frage der Ehre und des Stolzes ist. Fürchterlich.

Die Tagespolitik tritt hier nur selten in den Vordergrund. Zwar sorgen die einschlägigen Schlachten für ein beständiges Hintergrundrauschen. Doch Mevlut selbst ist wenig entschieden. Das liegt auch daran, dass er Linke wie Rechte kennt und es sich weder mit den Nationalisten noch mit den Sozialisten verderben möchte. Einem spirituellen Meister ist er überdies zugeneigt. Der widmet ihm ab und an seine Aufmerksamkeit. Das beglückt Mevlut ungemein. Zumal er zuweilen feststellen muss: „Da ist so eine Fremdheit in mir“ (wobei er nichtsahnend eine Gedichtzeile von William Wordsworth zitiert). Dann fühle er sich einsam. In seinem Leben, in seiner Stadt. Ein Gefühl, das wohl auch der Schriftsteller Orhan Pamuk kennen wird, der aus entschieden wohlhabenderen Kreisen stammt als Mevlut.

Der Nobelpreisträger hat für diesen Roman umfangreiche Recherchen angestellt und zahlreiche Gespräche geführt. Alles in allem hat er sechs Jahre in diesen Roman investiert. Die Bilanz, die nun ansteht, ist glänzend: Orhan Pamuk hat einen der anrührendsten und erhellendsten Romane unserer Zeit geschrieben, strotzend vor Kraft und farbenfroh bis zum Schluss.

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