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Orhan Pamuks neues Buch: Sein doppeltes Glück

Der Band heißt wie seine Nobelpreisrede: "Der Koffer meines Vaters". Darin hat der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk Essays, Feuilletons, Reden versammelt - und sein Erfolgsrezept verraten. Von Jörg Plath

Autor mit west-östlicher Seele: Orhan Pamuk.
Autor mit west-östlicher Seele: Orhan Pamuk.
Foto: dpa

Orhan Pamuk ist ein fleißiger Schriftsteller. Zehn Stunden am Tag sitzt der türkische Literaturnobelpreisträger am Schreibtisch in seiner Istanbuler Schreibwohnung oder im Sommerappartement auf der Prinzeninsel Heybeliada und ist glücklich damit. Anders hätten seine meist umfangreichen Romane wohl auch nicht entstehen können. Wenn nun Pamuks neuer Band mit Essays, Feuilletons, Reden, Würdigungen von Lieblingsautoren und einem Interview im Untertitel "Aus dem Leben eines Schriftstellers" heißt, muss niemand trocken Papierenes befürchten. Dieser Schriftsteller schreibt zwar beinahe ausschließlich, doch schreibend erschließt sich ihm die Welt. Dem Leser von "Der Koffer meines Vaters" aber eröffnet sich Orhan Pamuk in manchmal erstaunlicher Ungeschütztheit.

Dabei bietet der nach der Rede zum Nobelpreis 2006 benannte Band weder Indiskretionen noch Stoff für politische Skandale. Das Interview im Magazin des Züricher Tages-Anzeiger, das Pamuk 2005 eine Anklage wegen "Verunglimpfung des Türkentums" eintrug, fehlt. In den wenigen politischen Aufsätzen des Kapitels "Politik und Staatsbürgertum" plädiert er für Meinungsfreiheit, beklagt die Provinzialisierung der Türkei und protestiert 2007 gegen Premier Erdogan, der das Land in den Irakkrieg führen wolle.

Die anderen Kapitel heißen "Leben", "Istanbul", "Amerika", "Lesen und Bücher", "Meine Bücher sind mein Leben" und "Bilder und Texte". Es sind naheliegende Überschriften für einen Mann, der 1952 in Istanbul geboren wurde und dort eine amerikanische Schule besuchte, in den 80er Jahren mit seiner damaligen Frau in New York lebte und sich in dem Roman "Rot ist mein Name" sowie der Autobiographie "Istanbul" mit islamischen wie westeuropäischen Bildkonzeptionen beschäftigt hat. Außerdem finden sich Gelegenheitszeichnungen Pamuks und zärtliche Zeitungsfeuilletons über seine Tochter Rüya.

War "Der Blick aus meinem Fenster", sein erster, 2006 auf Deutsch erschienener Essayband, geprägt durch eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit Europa, so wirkt das neue Buch selbstbewusster. Der Autor grämt sich nicht, zwei Seelen, eine westliche und eine östliche, zu besitzen. Er ist vielmehr gelassen und empfiehlt das auch der Heimat, die durch die Westorientierung unter Atatürk nach 1923 von ihren osmanischen Wurzeln abgeschnitten wurde und davon noch heute traumatisiert ist. Denn: "Schizophrenie macht einen intelligent."

Die Poetik des Gemischs

Dieses Motiv durchzieht das ganze Buch. Pamuk erzählt vom Wettstreit mit dem älteren Bruder, von der Zuneigung zum ebenfalls schreibenden Vater und leitet aus der Doppeltheit sogar seine Poetik ab: "Alle meine Bücher sind aus dem Gemisch der Methoden, der Bräuche, der Gewohnheiten und der Geschichte des Ostens und des Westens entstanden, und dieser Mischung verdanke ich, was ich an Vielfalt besitze. Daher stammt meine Unbefangenheit, mein doppeltes Glück, und ich wandere ohne Schuldgefühle zwischen den beiden Welten hin und her wie durch mein eigenes Haus. Wie Konservative und Fundamentalisten meine Freimütigkeit dem Westen gegenüber niemals nachempfinden können, so sind auch die phantasievollen Modernisten unfähig, jemals meinen unbeschwerten Umgang mit der Tradition zu begreifen."

Im Interview mit der Paris Review verrät Pamuk sogar, wie dem zentralen Kriterium künstlerischen Schaffens im abendländischen Denken zu genügen sei: "Die Formel, um Originalität zu erzielen, ist sehr simpel: Man verknüpfe zwei Dinge miteinander, die noch nie miteinander verknüpft wurden." In "Istanbul" habe er die von Flaubert, Nerval und Gautier entworfenen Bilder seiner Heimatstadt mit der Autobiographie kombiniert, im "Schwarzes Buch" eine proustsche Welt mit islamischen Allegorien und Geschichten. Man kombiniere und warte einfach, "was passiert".

Auch an anderen Stellen macht es sich Pamuk womöglich zu einfach. Dass in seinem Land Allegorien die Rolle der Philosophie übernähmen, wie er meint, lässt sich auch als Selbstbeschreibung lesen: Pamuk meidet die Begriffe. Fällt ihm der vom "impliziten Leser" der Rezeptionsästhetik abgeleitete Begriff des impliziten Autors ein, dann ist es mit diesem Einfall auch schon getan; flugs sucht er die Abschweifung. Mancher Aufsatz trudelt förmlich aus.

Fundgruben sind die Essays über die eigenen Bücher. Pamuk nennt Quellen und Anregungen. Oder er beteuert, den Zwerg in "Das schwarze Buch" tatsächlich 1972 in Besiktas gesehen zu haben. Da meint man allerdings, leise das eruptive, tiefe Gelächter Orhan Pamuks zu vernehmen.

Autor:  Jörg Plath
Datum:  16 | 3 | 2010
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