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Literatur

23. Februar 2011

Patrick Bahners "Die Panikmacher": Wider die Sarrazin-Methode

 Von Christian Schlüter
Der FAZ-Feuilletonchef und Buchautor Patrick Bahners.  Foto: faz.net

Die Islamkritik verspricht wenn schon nicht Aufklärung, so doch immerhin Aufregung und Auflage: Dieser Tatsache geht Patrick Bahners in seiner hervorragende Analyse „Die Panikmacher“ kühlen Kopfes auf den Grund - und legt sich mit hauptamtlichen Islamophoben an.

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Die Islamkritik verspricht wenn schon nicht Aufklärung, so doch immerhin Aufregung und Auflage: Dieser Tatsache geht Patrick Bahners in seiner hervorragende Analyse „Die Panikmacher“ kühlen Kopfes auf den Grund - und legt sich mit hauptamtlichen Islamophoben an.

Kaum ist das Buch auf dem Markt, geht die Pöbelei auch schon los. Patrick Bahners „Die Panikmacher“ beschäftigt sich mit einer besonderen Spielart des neuerdings Wutbürgertum genannten Ressentiments, den „islamkritischen“ Hasspredigern, und klärt uns über ihre Machenschaften auf. Der Publizist Henryk M. Broder, gewissermaßen die Wuthaubitze der deutschen Islamkritik, fühlte sich offenbar angesprochen und feuerte dann auch gleich los. Er nannte Bahners Buch eine „Lieferung heißer Luft“ und das „Kamikaze-Unternehmen eines Intellektuellen“. Viel mehr hatte Broder nicht zu melden und machte seinem Ruf als zu „maßloser Polemik“ neigender „Berserker“ (Bahners) zuverlässig alle Ehre.

Die Islamkritik verspricht wenn schon nicht Aufklärung, so doch immerhin Aufregung und Auflage. Der Spiegel veröffentlicht in seiner neuesten Ausgabe ein „Streitgespräch“ von Bahners mit einer zweiten Hauptvertreterin der islamophoben Panikmacher, der Soziologin Necla Kelek. Bemerkenswert an diesem Schlagabtausch ist zweierlei: Zum einen weiß Kelek kaum einen der Vorwürfe gegen ihre weitgehend empiriefreie, dafür aber meinungssatte Publizistik zu entkräften und fühlt sich ansonsten durch die scharfe Kritik verletzt; zum anderen fragt sich, warum sie, der Bahners intellektuelle „Regression“ bescheinigt, über all die Jahre im Feuilleton der FAZ veröffentlichte, deren Chef Bahners doch ist.

Fußnoten und Mogelei

Wie auch immer, Bahners hat eine über weite Strecken nüchterne, bisweilen etwas zur Überheblichkeit neigende und in ihrer Gründlichkeit mitunter langatmige „Streitschrift“ vorgelegt. Das Verfahren ist rekonstruktiv, es werden Debattenkonstellationen und ihre Genese wie etwa bei Christian Wullfs Äußerungen, der Islam sei ein Teil Deutschlands, beim Minderheitsvotum zum sogenannten Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts oder bei der Einführung des Einbürgerungstests in Baden-Württemberg minutiös nachvollzogen. Damit wird vor allem deutlich herausgearbeitet, auf welche Weise islamkritische Netzwerke ihren Einfluss auf die politische Meinungsbildung ausüben.

Zugleich führt Bahners eine Reihe von Einzelanalysen durch, verhandelt werden viele Namen, die einschlägig bekannten neben Broder und Kelek sind Thilo Sarrazin, Bassam Tibi, Seyran Ates, Ralph Giordano, Udo Ulfkotte, Ayaan Hirsi Ali... Gleichwohl vermeidet Bahners den Eindruck, man habe es mit einer übermächtigen Verschwörung zu tun, sein Vokabular erzeugt nicht den paranoiden Sound der Islamkritiker. Wenn nun, wie unlängst der publizistische Berufscholeriker Matthias Matussek, gegen den „Frankfurter Feuilleton-Häuptling“ gepöbelt wird, wollen wir nur hoffen, dass ein wichtiges Buch nicht wieder in einer zur Wertedebatte deklarierten Schlammschlacht versinkt.

Die Debatte

Wir wollen im Folgenden alle wichtigen Autoren und Beiträge zur Debatte anführen, auf die sich unser Rezensent bezieht:

Henryk M. Broder: "Vor dem Islam Angst zu haben ist eine Tugend" (Die Welt)

Necla Kelek: "Aus Muslimen müssen freie Bürger werden", Dankesrede bei der Entgegennahme des Freiheitspreises (FAZ)

Christian Wulff: Rede zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, dazu der Leitartikel von FR-Chefredakteur Joachim Frank

Matthias Mattusek: "Dschihad im Feuilleton", Spiegel online

Naika Foroutan: "Sarazins Thesen auf dem Prüfstand" (PDF-Dokument), dazu der FR-Artikel "Sarrazin auf dem Prüfstand" von Thomas Schmid

Tobias Kniebe: "Ich sage Guido, Thilo - Maul halten", SZ-Magazin

Deutscher Kulturrat: Dossier "Isalm, Kultur, Politik" (PDF-Dokument)

Vielmehr fordert und verdient Bahners „Panikmacher“ eine sachliche Auseinandersetzung. Denn diese Streitschrift bietet nicht nur Genealogie und Analyse des islamophoben Wutbürgertums, sondern, drittens, auch dessen genaue Kritik. Dabei geht es allerdings nicht allein um einen „Fakten-Check", so wie ihn etwa die Berliner Politik- und Islamwissenschaftlerin Naika Foroutan im vergangenen Jahr für den Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ durchgeführt hat – mit dem Ergebnis, dass von Thilo Sarrazins in „550 Fußnoten“ belegten Tatsachenbehauptungen nicht viel bleibt. Nein, Bahners reduziert seine Kritik nicht auf eine – letztlich unpolitische, das Politische tilgende – Prüfung des statistischen Materials.

Denn gerade der Fall Sarrazin zeigt, dass wir es bei der im Brustton der unbedingten Wahrheits- und Wirklichkeitsverpflichtung vorgetragenen Islamkritik mit mehr zu tun haben. So behauptete Sarrazin im vergangenen Jahr, dass siebzig Prozent der türkischen und neunzig Prozent der arabischen Bevölkerung Berlins den Staat ablehnten und in großen Teilen weder integrationswillig noch integrationsfähig seien. Gefragt nach der entsprechenden Statistik, antwortete er gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass es sie nicht gebe, es ihrer aber auch nicht bedürfe: Wenn man keine Zahl habe, muss „man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch“.

Die Sarrazin-Methode kommt einer Wette gleich: Catch me if you can. Dabei weiß Sarrazin nicht nur, dass er irgendeine Zahl auf den Meinungsmarkt werfen muss, die als wahr gilt, solange sie nicht widerlegt wird, sondern auch, dass er nur hinreichend viele Zahlen „schöpfen“ muss, denen aufgrund ihrer schieren Masse gar nicht hinterher zu recherchieren ist – es kommen ja immer neue hinzu. Mit anderen Worten, Quantität schlägt Wahrheit, Frechheit siegt. Allerdings: Einen Sachverhalt im Wissen darum, dass er nicht bewiesen oder beweisbar ist, in den Umlauf zu bringen und als wahr auszugeben, beschreibt den Tatbestand der bewussten Täuschung und also des Betrugs oder der Lüge.

Fußnoten und doch gemogelt: Damit aber werden die vom Wutbürgertum gerade in seiner konservativen Prägung beschworenen Werte von ihm selbst ad absurdum geführt. Und so ist es auch dieses Selbstdementi des Bürgertums, um das sich Bahners sorgt. Denn keineswegs verharmlost er die Gefahr des Islamismus. Doch er vertraut auf den Rechtsstaat und die Zivilgesellschaft und damit auf jene Kräfte, die traditionellerweise bürgerlich genannt werden. Eben dieses Fundament bricht weg, je mehr sich das Bürgertum in den populistischen – dreist als christlich-jüdisch-abendländisch bezeichneten – Wertefundamentalismus flüchtet: Der Wutbürger ist das Ende des um das Allgemeinwohl besorgten Bürgers und damit des Bürgertums überhaupt.

Was wollen die eigentlich?

Übrig bleiben dann begnadete Selbstvermarkter, Ich-AGs des Ressentiments wie Broder, Kelek, Hirsi Ali... Bahners behält sich vor, sie beim Wort zu nehmen. Bei Necla Kelek etwa beschäftigen ihn nicht nur ihre Veröffentlichungen, sondern auch ihre Person. Er deutet ihren Feldzug gegen den Islam als nachgeholte Befreiung vom ihrem aus der Türkei eingewanderten, eigentlich Kemal Atatürk glühend verehrenden Vater, der sich in Deutschland als gewalttätiger Familientyrann entpuppte, weil er das islamische Rollenverständnis immer noch in sich trug.

Jemand wie Kelek, die ihr Selbst und Ich dermaßen als Instanz der einzigen Wahrheit exponiert, darf sich über einen solchen Befund nicht wundern. Dergleichen läuft allerdings trotzdem auf die Pathologisierung und Diskreditierung und damit auch Entpolitisierung eines Sachverhalts hinaus. Vielleicht wollten wir es so genau auch gar nicht wissen. Erhellender ist dagegen die Frage, die Bahners wie schon der Journalist Kay Sokolowski in seinem vorzüglichen Buch „Feindbild Moslem“ (2009) am Schluss seiner Streitschrift stellt: Unsere Islamkritiker „haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach der Lektüre der Autobiographie von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?“

Offenbar wollen unsere wutbürgerlichen Panikmacher Menschen muslimischen Glaubens denunzieren und stigmatisieren. Mit viel Gratismut geht es immer feste druff auf Schwächere und Minderheiten. Damit sorgen sie für die Nachfrage, die dann von anderen, nicht so wortgewaltigen, aber dafür umso handgreiflicheren Extremisten befriedigt wird. Und am Schluss will es dann wieder niemand gewesen sein.

Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift, Verlag C.H. Beck, München 2011, 320 Seiten, 19,95 Euro.

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