Unverwandt schauen die Augen dieser Sphinx aus dem Foto. Das Auge hinter der Kamera wirft ihren Blick zurück. "Niemand sieht, wie wir sehen, Patti", bestätigt der Fotograf seiner Muse. Er hat es ihr immer wieder gesagt. In "Just Kids" stehen die beiden sich erneut gegenüber: 20 Jahre nach dem Aids-Tod des Fotografen Robert Mapplethorpe hat die nun 63-jährige Patti Smith die Geschichte ihrer Lebensfreundschaft veröffentlicht.
Es ist der Sommer 1967, ein junges Mädchen hat sich dazu entschlossen, ihr unehelich geborenes Kind zur Adoption freizugeben, die Lehrerinnenausbildung an den Nagel zu hängen und nach New York zu gehen, um Künstlerin zu werden. Der erste Mensch, den sie nach dem Weg fragt, ist ein Jüngling mit einer Schaffellweste, der bei helllichtem Tag schläft, und der sie unter seinem Lockenschopf anlächelt, als sie ihn aufweckt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, bald sind sie ein Paar. Sie ziehen in Brooklyn zusammen und schwören, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, echte Künstler zu werden.
Patti Smith: Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft. A. d. Engl. von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch 2010, 336 Seiten, 19,95 Euro.
Während sie in ihrer eigenen, romantischen Welt lebt, sich tagsüber als Buchhändlerin verdingt und nachts zeichnet und dichtet, sucht er fieberhaft nach Möglichkeiten, seine Collagen und seinen Schmuck zu Geld zu machen. Er will in die Kreise von Warhol vordringen. In ihren gegensätzlichen Wesen befruchten sie sich immer wieder aufs Neue, erstaunt darüber, dass der andere bereit ist, den nächsten Schritt mitzugehen. So bringt sie ihn auf die Fotografie und er sie auf die Musik.
Behutsam erzählt Smith, wie Robert Mapplethorpe seine Homosexualität entdeckt, sie allmählich auslebt, und welches Drama dies für das junge Liebespaar bedeutet. Dabei zählt sie nie die harten Fakten auf, sie schildert vor allem ihre Wirkung. Als beschreibe sie den Fall eines Steins ins Wasser durch das Klatschen der Wellen, das Spritzen der Tropfen. Den Stein erkennt man dabei verschwommen wie durch einen Mousseline-Schleier.
Zu diesen Wellen und Tropfen gehören auch die Namen der New Yorker Bohème, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre das Chelsea Hotel bevölkerten, die Entourage von Andy Warhols Factory, die sich abends im Club "Max´s Kansas City" vergnügt. "Just Kids" ist gepflastert mit Namen - von Sam Shepard über Jimi Hendrix und Candy Darling bis Edie Sedgwick.
Darin erinnert Smiths Buch an Gertrude Steins "Autobiographie von Alice B. Toklas", durch die in einem fort "Tout Paris" spaziert. Aber auch in der Komik, die in der Grenzüberschreitung liegt, wenn man den anderen über einen selbst sprechen lässt. So sagt Toklas in Steins Buch, sie habe in ihrem Leben drei Genies gekannt: Picasso, den Mathematiker Alfred Whitehead - und Gertrude Stein.
Umgekehrt ist Smith, Ikone der Punk- und der Frauenbewegung, stets darauf bedacht, sich menschenscheu und weltabgewandt zu geben. Wenn sie schreibt, wie ihr Song "Because the Night" ein Hit wird, lässt sie Mapplethorpe das Kind beim Namen nennen: "Pattiiii, jetzt bist du noch vor mir berühmt geworden."
Smiths Sprache ist im Original eine hinreißende Mischung aus Poesie und Arme-Leute-Einfachheit, die nie ordinär wirkt. Der Übersetzung gelingt sie nicht immer. Vokabeln wie "pissen" und "versaut" sind zu kräftig, während der Satz zu Allen Ginsberg: "Du hast mich gespeist, als ich hungrig war", ein wenig dick aufgetragen wirkt. Doch darüber wird man beim ersten Lesen kaum stolpern, vor lauter Gier, die nächste Seite in sich aufzusaugen.
"Just Kids" ist eine ergreifende Ode an die Subkultur im New York der siebziger Jahre. Romantisch, rau und ehrlich zugleich.