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Literatur

12. Mai 2012

Paul Krugman: Handbuch der Euro-Rettung

 Von Robert Misik
Paul Krugman, Blogger, Nobelpreisträger und auch Kolumnist dieser Zeitung.  Foto: dpa

Schluss mit der Depression! In seinem neuen Buch „Vergesst die Krise!“ liest der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman den politischen Eliten die Leviten.

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Schluss mit der Depression! In seinem neuen Buch „Vergesst die Krise!“ liest der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman den politischen Eliten die Leviten.

Tag um Tag trägt er in seinem Blog in der „New York Times“ seine Argumente vor, Woche für Woche erklärt er in seiner Kolumne, warum die Krisenlösungsstrategien der amerikanischen Regierung, vor allem aber der europäischen Eliten ins Desaster führen müssen: Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2008. Verallgemeinertes Sparen mitten in einer Wirtschaftskrise führt nur weiter ins Loch einer langandauernden Depression, ist mit millionenfachen menschlichem Leid verbunden, und wird auch noch an dem selbstgesteckten Ziel, nämlich der Haushaltskonsolidierung scheitern, weil die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung Steuerausfälle nach sich zieht, so dass die Schulden noch drückender werden.

Zum Buch

Paul Krugman: Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen.

Übersetzt von Jürgen Neubauer.

Campus, Frankfurt am Main 2012. 272 Seiten, 24,99 Euro.

Wer ein bisschen etwas von Wirtschaft versteht oder auch nur mathematische Logik begreift, der weiß, dass Krugman recht hat. Das Desaster in Griechenland, aber auch in Spanien, in Irland und Portugal, liefert mittlerweile auch den empirischen Beweis: Austerität funktioniert nicht. Und seit vergangenem Sonntag wissen wir zudem, dass uns Europas Trümmer bald um die Ohren fliegen, wenn wir so weiter machen: die „Merkozy“-Suizidstrategie wurde von den Franzosen abgewählt, die Griechen haben gleich ihre gesamte alte politische Kaste abgeräumt.

Aber Angela Merkel sagt weiter unverdrossen, an Schrumpfungskurs und Fiskalpakt könne unmöglich gerüttelt werden.

„Einen fast schon religiösen Fanatismus“, nennt das Paul Krugman in seinem neuen Buch – wenn auch nicht auf Merkel, sondern auf die radikalliberalen Ökonomen gemünzt, die auch der Bundeskanzlerin einflüstern.

Renommierter Wirtschaftswissenschaftler, begnadeter Autor

Paul Krugman ist nicht nur einer der besten und renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler unserer Zeit, er ist auch ein begnadeter Autor, der es versteht, komplexe Zusammenhänge so zu beschreiben, dass sie auch der interessierte Laie ohne Probleme versteht. Und er hat eine Mission: die neoklassischen Scharlatane seiner Zunft, die in den vergangenen dreißig Jahren den Ton angegeben haben, zurückzudrängen und einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel anzuschieben. Das gibt seinem neuen Buch auch die Verve, den kämpferischen Ton. „End This Depression Now“, und in den Sternen steht, warum der Campus-Verlag der deutschen Version den Titel „Vergesst die Krise!“ gegeben hat. Die Krise? Vergessen? Das ist so ziemlich das letzte, was Krugman will.

Nicht allzu lange hält sich Krugman in seinem neuen Buch mit den Ursachen auf, die in die Finanzkollaps der Jahre 2008 ff. führten: die Deregulierung des Finanzsektors, die endemische Korruption in dieser Branche, das dramatische Wachstum der Ungleichheit in den vergangenen dreißig Jahren. Schon im ersten Absatz seines Buches stellt er klar, diesmal ginge es ihm nicht so sehr um die „Frage: „Wie konnte das passieren?“ Meine Frage lautet dagegen: “Was können wir jetzt tun?““

US-Regierung hat es selbst in der Hand

Die Regierungen haben die Mittel in der Hand, die Wirtschaft anzukurbeln und einen Phase zu beenden, die Krugman – mit den Worten von John Maynard Keynes – so beschreibt: „Ein chronischer Zustand subnormaler Aktivität, der eine beträchtliche Zeit andauert, ohne eindeutig in Richtung Erholung oder vollständigen Zusammenbruch zu tendieren.“ Für die USA hieße das: Das Bankensystem in Ordnung bringen und wieder jene Regularien ins Recht zu setzen, die in den vergangenen Jahrzehnten geschliffen wurden; die Steuergeschenke an die Reichen und Superreichen zurückzunehmen, die dazu führten, dass von jedem zusätzlich verdienten Dollar achtzig Cent in die Taschen des reichsten einen Prozent geflossen sind.

Das wäre nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern würde auch die Wirtschaft in Schwung bringen (weil eine gleichere Verteilung mehr Nachfrage generiert), aber auch die Schuldenkrise bekämpfen: denn neben der Verschuldung des Bankensektors gibt es auch die Überschuldung der privaten Haushalte, und die ist eine direkte Folge der Einkommenseinbußen, die diese hinnehmen mussten.

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