Literatur

26. März 2008

Pazifistische Provokationen: Verstörung als Friedens-Initiative

 Von SEBASTIAN MOLL

Nach fünf Jahren Irak denkt man gerne über die implizite These von Bakers neuem Buch "Human Smoke" nach, dass Krieg immer die schlechtere Lösung sei. Doch die Idee, dass der Holocaust den Juden Würde verliehen habe, bereitet Unbehagen

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Bis hierhin war die Diskussion ausgesprochen lebhaft gewesen und der Hauptperson des Abends, dem Schriftsteller Nicholson Baker, meist wohlwollend zugetan. Doch plötzlich wurde es beklemmend still im Vortragssaal der neo-klassizistischen New York Public Library. Weder dem ansonsten geistreichen Moderator, dem britisch-amerikanischen Journalisten Simon Winchester, fiel noch etwas ein, noch dem Gastgeber Paul Holdengräber von New Yorks Bürgerbibliothek. Auch dem Publikum stockte hörbar der Atem. "Die Juden waren doch die einzigen, die aus dem Zweiten Weltkrieg mit Größe und Würde heraus gekommen sind", war es aus Baker herausgeplatzt.

Eineinhalb Stunden lang war man dem 51 Jahre alten, weißbärtigen Romancier aus Neu England - auch in Deutschland spätestens seit seinem Telefonsexroman "Vox" eine Berühmtheit - in seiner Argumentation gefolgt, dass der Eintritt Amerikas und Englands in den Zweiten Weltkrieg unter dem Strich mehr Schaden angerichtet als Gutes vollbracht habe. Amerika - und das liberale New Yorker Publikum sowieso - hat derzeit ein offenes Ohr für pazifistische Gedanken. Nach fünf Jahren Irak denkt man gerne über die implizite These von Bakers neuem Buch "Human Smoke" nach, dass Krieg immer die schlechtere Lösung sei. Doch die Idee, dass der Holocaust den Juden Würde verliehen habe, bereitete auch den glühendsten Verehrern Gandhis oder Bertha von Suttners - zwei Hauptfiguren in "Human Smoke" - Unbehagen.

Der Moment spiegelt die gespaltene Reaktion auf Bakers Buch. Mit Irak und Afghanistan vor Augen sind nicht wenige US-Amerikaner dankbar, dass Baker die tabuisierte Geisteshaltung des Pazifismus wieder ins Gespräch gebracht hat. Colm Toibin in der New York Times nannte Bakers Buch einen "äußerst ernst zu nehmenden und gewissenhaften Beitrag zur Debatte über den Krieg", und die L.A. Times nannte es gar "eines der wichtigsten Bücher, das Sie je lesen werden. Es hilft zu verstehen, dass es keine gerechten Kriege (Just Wars) gibt, sondern nur Kriege (just wars) und dass Kriege nicht von Peaceniks oder Isolationisten angezettelt werden, sondern von Kriegstreibern".

Andererseits hält man es in den USA für problematisch, dass Baker sich ausgerechnet den Zweiten Weltkrieg ausgesucht hat, um zu demonstrieren, dass es keine legitimierbaren Kriege gibt. So lässt auch Bakers Quasi-Gleichsetzung von Roosevelt und Churchill mit Hitler als Kriegshetzer doch einige Kritiker die Stirn runzeln. Nicht zuletzt wegen dieser Argumentation nannte etwa Adam Kirsch in der jüdisch-konservativen New York Sun Bakers Werk ein "perverses Traktat". Baker versuche seine Leser zu überzeugen, dass "richtig falsch ist und gut böse". "Human Smoke" sei nicht nur ein dummes Buch, sondern ein auch gefährliches. Und William Grimes kommentiert in der Times, wie um Toibins positive Rezension zu neutralisieren, dass "Human Smoke" ein "selbstgefälliges moralisches Chaos von einem Buch" sei.

Um sein pazifistisches Argument wirkungsvoll im gegenwärtigen Kontext zu platzieren, musste Baker allerdings den Zweiten Weltkrieg in den Blick nehmen. Der Zweite Weltkrieg als gerechter Krieg gehört zu den Lieblingsmythen Amerikas. Immer wieder wird er herangezogen, wenn es darum geht, Interventionismus zu rechtfertigen. Wenn Baker fragt, ob er "denen geholfen hat, die Hilfe brauchten", den Juden in den Konzentrationslagern, der leidenden Zivilbevölkerung in ganz Europa, dann fragt er zugleich, ob die Feldzüge in Irak und in Afghanistan tatsächlich den Bevölkerungen dort nützten, wie Bushs Regierung behauptet. "Wenn ein Wahnsinniger in einem Haus hundert Geiseln nimmt", so Baker, "dann ist die Lösung des Problems doch nicht, das Haus anzuzünden."

Auf die Frage, wie England und Amerika sich denn gegenüber Hitler hätten verhalten sollen, bietet Baker in seinem Buch keine direkte Antwort an. Er lobt zwar den Entschluss Frankreichs zu kapitulieren als zivilisiert und drückte gegenüber dem Publikum in der Public Library immer wieder seine Bewunderung für Victor Klemperer aus, dessen Reaktion auf Grausamkeit und Tyrannei es gewesen sei, "etwas Schönes zu schaffen".

Ein historisches Argument formuliert Baker jedoch nicht, er beschränkt sich darauf, mit wirkungsvoll ausgewählten Vignetten aus Zeitungsberichten und Tagebucheinträgen über beinahe 500 Seiten nachzuzeichnen, wie es zum "Ende der Zivilisation kam", die der Beginn des Zweiten Weltkriegs für ihn darstellt. "Die Methode ist subtil und lässt dem Leser den Raum, für sich selbst zu entscheiden, ob er das Argument für wahr hält", lobt Colm Toibin. Das Time Magazine hingegen findet, dass "Fakten, sogar tragische, der Kontextualisierung und Interpretation bedürfen. Deshalb brauchen wir Historiker".

Baker selbst erklärt seine Vorgehensweise so: "Ich glaube daran, dass Menschen in der Regel gut miteinander auskommen möchten. Deswegen lohnt es sich, genau hinzuschauen, was passiert, wenn die Kruste der Zivilisation periodisch bröckelt. Ich wollte wissen, wie es passieren konnte, dass wir auf einmal derartig böse zueinander wurden." Keine Handlungsanweisung soll das Buch sein, kein Rezept für den Frieden, nur eine mahnende Dokumentation. Das Verweigern eines Argumentes ist dabei eine Art ziviler Ungehorsam, eine ur-pazifistische Strategie, dazu angetan, die Gegenseite zu verstören. Das ist Baker gelungen.

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