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Per Olov Enquists Autobiographie: Als Ich ein anderer war

Ein anderes Leben? Der rätselhaft mehrdeutige Titel korrespondiert mit einer grundlegenden Erzählentscheidung. Per Olov Enquists phantastisch erschütternde Autobiographie. Von Katharina Granzin

Per Olov Enquist: Ein anderes Leben.
Per Olov Enquist: Ein anderes Leben.
Foto: Hanser Verlag

Ein anderes Leben? Der rätselhaft mehrdeutige Titel dieses autobiographischen Prosawerks korrespondiert mit einer grundlegenden Erzählentscheidung. Per Olov Enquist erzählt in der dritten Person von sich. Zunächst möchte man leicht irritiert sein über diese Formalie und ist versucht, den Autor des Manierismus zu zeihen. Doch schon bald scheint die bewusste Normabweichung gar die einzig mögliche Art, die eigene Geschichte zu erzählen. Immerhin ist auch eine Autobiographie, die das "Ich" als Zeichen der Authentizität vor sich herträgt, eine Fiktionalisierung, da gestaltete Erzählung, eines gelebten Lebens, so dass es durchaus als bewusste Offenlegung dieses Prozesses verstanden werden kann, das "Er" vorzuziehen.

Das Enquist-Er hat zudem eine Vorgeschichte. Man werde, lässt der Autor in Interviews verlauten, einige seiner früheren Romane nach der Lektüre dieses Buches anders lesen. Diese als Hinweis aufzufassende Äußerung gilt sicher insbesondere für "Kapitän Nemos Bibliothek", jenen Roman, der in "Ein anderes Leben" oft genannt und zitiert wird. Sogar das Zitat, das auf dem Umschlag von "Ein anderes Leben" prangt, stammt eigentlich von dort: "Wenn man nicht hofft, ist man wohl kein Mensch. Und eine Art Mensch ist man wohl trotz allem."

Per Olov Enquist:

Ein anderes Leben. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, München 2009, 544 S., 24, 90 Euro

Wieso "trotz allem"? Enquist selbst schreibt, "Kapitän Nemos Bibliothek" habe ihm das Leben gerettet. Er schrieb jenes Buch 1990 während seines endgültigen Alkoholentzugs; somit markierte es tatsächlich den Beginn eines neuen Lebens. Es gibt darin ein Erzähler-Ich und ein "Er", denn es handelt von zwei Jungen, die nach der Geburt vertauscht wurden. Dass dieser Topos eine Metapher ist, dass schon jener Roman auf verrätselte Weise von der Kindheit des Autors erzählt, vor allem aber, dass die beiden Jungen literarische Manifestationen einer einzigen Person sind, seiner selbst, der sich als Kind für den Stellvertreter seines totgeborenen Bruders hielt, das ist zwar im Text angelegt, wird aber doch erst so recht deutlich, wenn man nun mit "Ein anderes Leben" eine Art poetische Klartext-Variante von "Kapitän Nemo" vorliegen hat.

Die Bezüge zwischen beiden Büchern wirklich auszuloten wird dankbares Thema noch vieler akademischer Abhandlungen sein. Doch Geheimnisse werden bleiben. Klartext-Verbot herrscht vor allem für die in "Kapitän Nemo" zentrale Eeva-Lisa-Geschichte. Eeva-Lisa, so hieß Enquists Pflegeschwester. "Von ihr darf er nicht erzählen", schreibt er in "Ein anderes Leben". Aber warum denn nicht? "Kapitän Nemos Bibliothek" erzählte doch unablässig von Eeva-Lisa. Die Roman-Eeva-Lisa stirbt, von der Pflegemutter verstoßen, bei der Geburt eines unehelichen Kindes. Der Junge, der "Ich" genannt wird, wirft das totgeborene Baby in den See. Die tiefschwarze Drastik dieser Fiktion kann kaum übertroffen werden. Warum sollte es nötig sein, diese extreme Geschichte - auch sie eine Metapher, sicherlich - zu erzählen, die Klartext-Variante aber zu beschweigen? Gerade das wiederholte Erzählverbot macht Eeva-Lisa zum still atmenden Zentrum von "Ein anderes Leben".

Enquist gliedert seinen chronologisch nicht geschlossenen Lebensbericht in drei Teile. An die Kindheitserzählung schließt unmittelbar ein Lehr- und Wanderjahre-Teil an, der mit dem Studium beginnt und Enquists Karrieren als Sportler, Journalist und Autor durch Europa und die USA begleitet. Das kommt einer konventionellen Schriftstellerbiografie nahe, ist aber als Zeitenchronik und Werkkommentar faszinierend genug.

Der dritte Teil beginnt mit der Scheidung des Autors von seiner ersten Frau und mündet in ein finsterschönes Finale, das von lange verleugneter Alkoholsucht handelt und von quälenden Versuchen, sie zu überwinden. Die Offenheit und Klarsicht, mit der Enquist über diese Phase schreibt, ist beeindruckend, die psychologische Selbstanalyse unbestechlich. Auch hier noch knüpft er unablässig literarische Fäden zum Urgrund seiner Lebenserzählung, vom Minnesota-Modell der Ausnüchterungsklinik zu den strengreligiösen Erfahrungen seiner Kindheit, dem Verhältnis zur Mutter.

Die Frage nach den Ursprüngen der Sucht bleibt ungelöst dahinter stehen, und die Heilung kommt letztlich einem Wunder gleich. Ja, es gab diesen "Wohltäter", Kapitän Nemo, der war wohl sein Retter.

So wird es gewesen sein. Wir wissen nach Lektüre dieses Buches viel über den Mann, der es geschrieben hat, und noch mehr über die Entstehung vieler seiner Romane. Vor allem aber haben wir begriffen: Wovon man nicht sprechen kann, daraus lässt sich immer noch eine dunkel schillernde Metapher machen.

Autor:  KATHARINA GRANZIN
Datum:  23 | 6 | 2009
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