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Literatur

16. März 2015

Peter Engstler: Die Freiheit, langsam zu sein

 Von Sabine Vogel
Verleger Peter Engstler an seinem Arbeitsplatz.  Foto: Sabine Vogel

Und es gibt doch ein richtiges Leben im falschen: Ein Hausbesuch in Oberwaldbehrungen in der Rhön bei dem Kleinverleger und glücklichen Rebellen Peter Engstler.

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Oberwaldbehrungen. Zufällig kommt niemand in das Dorf im ehemaligen Zonenrandgebiet. Es gibt in Oberwaldbehrungen eine Bushaltestelle, 184 Einwohner, ein Gemeindehaus in der ehemaligen Dorfschule, eine Kirche. Und einen jüdischen Friedhof, der 1985 wieder mal geschändet wurde.

„Ich arbeite eigentlich nur meine Interessen ab“, sagt Peter Engstler flapsig, während er die knarzende Tür zu einem alten Bauernhaus aufschließt. Gut 200 Jahre hat das Haus aus schrundigen Fachwerkbalken und dicken Steinmauern auf dem Buckel. Jetzt beherbergt es Papier: Bücher über Bücher, einen Raum voller Literatur- und Philosophie-Zeitschriften.

Die Regale und Kartonstapel reichen vom Boden bis zur Decke – das Dach und ein paar Fenster sind das Einzige, das Engstler bisher erneuert hat. Eine steile Holzstiege zickzackt sich zum Dachboden voller Kisten und Türmen aus Packpapierkladden.

Nebenan: das Wohnhaus.  Foto: Sabine Vogel

Das ist der Verlag von Peter Engstler. Er wohnt in einem dottergelben Fachwerkhaus schräg gegenüber. Engstler ist einer der kleinsten Kleinverleger Deutschlands.

Nach Leipzig zur Buchmesse ist er nicht gefahren. Lohnt sich nicht. Obgleich dort gerade die konzernunabhängigen, oder wie es neudeutsch heißt „inhabergeführten“ Kleinverleger ihren Auftritt haben. Also solche Unternehmer wie er, die auch die geschäftlichen Risiken für ihre Bücher tragen. In den großen Verlagshäusern herrscht längst Arbeitsteilung zwischen kaufmännischem und dem fürs Programm zuständigen Geschäftsführer.

Um einen Verlag für gedruckte Bücher zu betreiben, braucht man Optimismus, eine Mission oder den Glauben an eine Marktlücke, einen Riecher für den Trend, eine gute Portion Verbohrtheit. Etwas Geld wär auch nicht schlecht, wie einige Neugründungen zeigen, die auf den Erbschaften der Wirtschaftswundergeneration basieren.

Als Engstler 1986 mit dem Bücherverlegen begann, hatte er keinerlei Finanzkapital im Hintergrund. Das ist bis heute so. Sein Einmannbetrieb rechnet sich marktwirtschaftlich nicht. Engstlers Bücher, nunmehr knapp 200 und fast alle noch lieferbar, sind Nischenprodukte: Lyrik, experimentelle Prosa.

Das Bücherhaus hat etwas von einem verwunschenen Museum. Das Erdgeschoss sieht aus wie die Installation eines Buchladens mit Auslagen aktueller Titel, Tischchen mit Leselampe, Postkarten mit Agitpropsprüchen und Flugschriften unverständlicher Theorien. Das ganze Haus ist ein Speicher der Ideengeschichten. Lager und Archiv von der Beat-Generation über die Anti-Psychiatrie zur linksradikalen Subkultur.

„Es geht um das Bewahren“, wiederholt der eher linkssubversive als konservative Engstler. Denn die Hoch-Zeit dieser undogmatischen Rebellion, als sich Bücher wie „Rock-Power“ 200 000 mal verkauften, war ja schon in den 80er Jahren vorbei. Der Buchladen existiert theoretisch, wie ein abgeschlossenes Forschungsgebiet, denn praktisch kommt niemand.

Verlegers Archiv.  Foto: Sabine Vogel

Nein, hier kauft keiner Bücher. Schon gar nicht so deliranten Mundart-Rap wie den des Mannheimer „Krachwerkers“ Jörn Burkhart mit seinen seitenlangen Schimpfwörterkanonaden. Das Leben ist rau genug hier. Die Rhön war immer eine Arme-Leute-Gegend. Die Grenze zur DDR, der Todesstreifen, nah. Mehr Hinterland ging nicht. Eine traurige Landschaft, „von den Römern selbst gemieden“, dichtete Helga M. Nowak, die einige Zeit der „ruhmlosen Langeweile“ dort im Dorf Grabfeld verbrachte.

Engstlers Eltern blieben als Flüchtlinge hier hängen, kleine Leute, die sich mühten, nicht aufzufallen. Erst seit zwei Jahren gibt es Autobahnanschluss, die A71 verbindet Schweinfurt mit Erfurt. Bionade kommt aus Ostheim. Wim Wenders drehte hier 1976 „Im Lauf der Zeit. In einem stillgelegten Kino veranstaltete Engstler mit Freunden in den 80ern Filmabende, Lesungen, Konzerte. Disco lief am besten.

Ab 1984 betrieb Engstler dort seinen Buchladen, Freitag und Samstag war ein paar Stunden geöffnet. Den Rest der Woche verdiente er sein Geld als Waldarbeiter, draußen und für sich, das gefällt ihm bis heute.

Da fing es wohl an, dass sich ihm die Worte im Kopf zu wortkargen Gedichten fügten. Steinschlag, Wortbruch, Satzfragmente, ohne Komma und Punkt, Hauptwörter einsilbig, entschlackt von „Tu-Wörtern“, von Handlung, von Erklärbarem auch. „Es geht um prismatische Wahrnehmung“, fasst es der Laudator zum „Hungertuchpreis“ an Engstler 2009 zusammen.

Wenn ein Baum über die Grenze kippte

Im Wald, erzählt Engstler, konnte es passieren, dass ein Baum, den er fällte, über die Grenze kippte. Dann durfte er das Holz nur bis zur Grenzlinie kleinmachen. Seit die Waldarbeit wegen des Kreuzes nicht mehr geht, verdient er unter der Woche seinen Lebensunterhalt als Betreuer in einem Heim für Behinderte.

Ein Vierteljahrhundert schon staunt er mit einem Erwachsenen mit Down-Syndrom über den magischen Strudel im Badewannenabfluss: „Was läuft da ab?“ In der nonverbalen Kommunikation mit ihm kapierte er, dass eins und eins nicht zwei sein muss. „Die können sich nicht ausdrücken in unserem Sinn, das sind Wortfetzen, die über Bande gehen.“ Das nichtlineare Denken ist da angewandte Praxis.

Engstler redet nicht gerne über seine eigene Dichterei. Wie jeder gute Verleger bringt er die Sprache immer wieder auf andere Autoren zurück. Dem großen „Indianer“ Burroughs hat er in Basel „die Hand geschüttelt“.

Von ihm hat er die „Cut-up“-Methode. Mit einfachen technischen Hilfsmitteln – einer Schere – wird da ein Text zerhackt und neu verklebt. Zeilen fallen, Bedeutungen verrutschen. Das Ergebnis dieser Zufalls-Montage ist Dekonstruktion von Sinn, im Wortverschnitt sollen sich neue poetische Assoziationsräume auftun.

Und kommen die Gedanken aus der Spur, spurt bald auch die Person nicht mehr. Hier ist der Keim zum Widerspruch, die Sprengkraft der Poesie.

„Die Revolution ist ein langes Gedicht. Jaja“, formulierte Helmut Salzinger einmal. Dessen Text-Collage „Swinging Benjamin“ von 1973, ein Klassiker der Pop-Kritik, ist inzwischen im Engstler Verlag wiederaufgelegt. Der ehemalige „Zeit“-Journalist Salzinger zog seinerzeit aufs Land, gründete die Kommune Head Farm, kaufte einen Fotokopierer zum Selbstpublizieren und schrieb von da an demütige Naturlyrik. Nach seinem Tod 1993 gab seine Frau Mo bei Engstler eine Handvoll nachgelassener Gedichte unter dem Titel „Vogelschau“ heraus.

Aber mit Schwärmerei und Naturverklärung hatte Engstler eigentlich nie was am Hut. Dem Spätpunk – der als alleinerziehender Vater das No-Future in ein Ja zum Leben ummünzte – war Sektiererei immer suspekt. Wer Hühner hält, muss sie auch schlachten können. Eines davon gibt es zum Abendessen. Wer Engstler ohne Auto in seinem heute literarischen Zonenrandgebiet besucht, bleibt am besten über Nacht. Im Gästezimmer steht mein Bilderbuchbauernbett.

Engstlers Bücher sind schön gemacht, aber nicht aufwendig. Er ist kein Bibliophiler, ihn interessiert der Inhalt. Eines der teuersten Bücher war vergangenes Jahr Paulus Böhmers Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“. Großes Format, bunte Zeichnungen, gutes Papier – „daran lass ich’s nicht scheitern“. Böhmer erhält am 2. April den Peter Huchel Preis dafür. Die Auflage von sagenhaften 500 Exemplaren sollte gerade so reichen.

Gewinn wird ins nächste Buch investiert

In Engstlers Kalkulation spielt der Verkauf der Hälfte der Auflage die Produktionskosten ein. Gewinn wird in das nächste Buch investiert. Drucken lässt er bei einem alten Bekannten in Ostheim, der Satz wird von „GELD“ gemacht – das steht für „general electric language districts“ was wiederum ein Buchtitel von 1989 des heute 71-jährigen Jörg Burkhart ist, der damals übrigens auch einen Buchladen betrieb.

Mit dem Jahr 1989 öffnen sich auch die Schleusen für Stimmen der Avantgarde aus dem Osten. In Bert Papenfuß-Gorek und den Untergrunddichtern vom Prenzlauer Berg erkennt Engstler Gesinnungsgenossen. Unterschiedliche Sozialisationen, aber der gleiche politischen Anspruch: „Wie verbessern wir das System und was hat die Literatur damit zu tun?“ Man versteht sich auf Anhieb und Papenfuß’ „kreuts- und kwehrdeutsche“ Wortsalat-Kanonanden passen wie geschnitten in Engstlers Verlagsprogramm.

Verleger Peter Engstler in seinem Bücherhaus.  Foto: Sabine Vogel

In Papenfuß’ Schankwirtschaft Rumbalotte stellte Engstler vor kurzem auch sein neues Buch des Antipsychiaters Deligny vor. Die Kulturspelunke war brechend voll, es wurde höllisch gequalmt, Bücher wurden nicht gekauft. Junge Dichterinnen, Ann Cotten und Monika Rinck, rezitierten Gedichtetes, Papenfuß fummelte am Diaprojektor, Helmut Höge las aus seiner Endlosrecherche vor.

In seiner Reihe „Keiner Brehm“ erschien zuletzt das achte Heft zu „Bienen“. Im gegenwärtigen Natur-Hype und weil auch Höge gerade einen Literaturpreis bekommen hat, laufen die Bändchen gut. Aber „Erfolg birgt die Gefahr, dass man sich verzettelt, das große Ganze aus den Augen verliert“. Und so rät der Verleger seinem „Erfolgsautor“, damit aufzuhören. So kann Autorenbetreuung auch aussehen. Mit Kunst macht man kein Geld.

Der Brotberuf macht Engstler unabhängig und immun. Gegen die Buchmarktkrise, den Kulturpessimismus, gegen das Verschleißtempo. Engstler nimmt sich die Freiheit, langsam zu bleiben. Er hat noch nicht mal ein Mobiltelefon. Er lässt pro Jahr ein paar verrückte Büchlein in Liebhaberauflagen drucken und gibt ab und zu Zeitschriften heraus wie den „Sanitäter“ mit irren Texten und Bildern für Leser, denen nicht zu helfen ist. „Es gibt wenig Subversiveres als ein Stift und ein Blatt Papier.“

Engstler ist ein Beispiel dafür, dass doch ein richtiges Leben im falschen möglich ist. Ein glücklicher Rebell, dem nichts mangelt. Ich wüsste nicht, was ich ihm mitbringen könnte beim nächsten Besuch. Der könnte im Juli sein. Da veranstaltet er wieder „Provinzlesungen“. Wie jedes zweite Jahr seit 2001, seitdem er sich keinen Stand auf der Frankfurter Messe mehr leistet, wird ein Wochenende lang auf der Jungviehweide, einem erloschen Vulkan namens Kalte Buche, vorgelesen, geredet und gefeiert. Was immer da abläuft, es ist unbezahlbar.

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