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Philip Roths "Die Demütigung": Er will doch nur spielen

Philip Roths "Die Demütigung": Ist die Geschichte von Simon Axler Konzentrat von Roths großem Thema oder schmales Nebenwerk? Das Entscheidende klärt sich bei diesem Autor immer mit einer Frau. Von Peter Michalzik


Foto: afp

Philip Roth, der große alte Mann der Erzählkunst, hat ein Buch über einen großen alten Mann geschrieben. Diesmal ist es ein Theaterschauspieler, den sich Roth als imaginäres Alter Ego ausgesucht hat. Simon Axler heißt er, ein Charakterdarsteller, der jetzt - jenseits der 60 - in einer schweren Schaffenskrise steckt. Im Kennedy-Center in New York spielte er einen unmöglichen Macbeth und brach zusammen. Jetzt kann er gar nicht mehr spielen, er glaubt sich keinen Satz, die Quelle der Inspiration ist vollkommen versiegt und Axler denkt vor allem über den Selbstmord nach.

"Die Demütigung", dessen deutsche Ausgabe im Montag erscheint, ist ein sehr schmales Werk, 140 Seiten zählt es. Gleichwohl nennt Roth das Buch selbstbewusst Roman. Die Zumutungen des Alterns beschäftigen den 1933 geborenen Autor seit einiger Zeit intensiv, nicht immer zu seinem schriftstellerischen Vorteil. "Jedermann" von 2006 und "Das sterbende Tier" von 2001, das erste Werk aus Roths Alter-Mann-Reihe, hatte die Kraft seiner anderen großen Romane. "Exit Ghost" von 2007 war für Roths Verhältnisse dagegen eher dürftig.

Nun stellt sich die Frage: Ist die kurze Geschichte von Simon Axler Konzentrat von Roths großem Thema oder schmalbrüstiges Nebenwerk? Das Entscheidende klärt sich bei diesem Autor immer mit einer Frau. So auch hier: Solange Axler mit seinem Erfinder allein ist, wirkt das Buch sehr einsam, leblos, eindimensional, für Roth ungewohnt sinnlos. "In einem bestimmten Stadium des Unglücks versucht man alles, um zu erklären, was mit einem los ist, selbst wenn man weiß, dass das, was man sagt, eigentlich gar nichts erklärt ...", steht da. Genau so ist es hier auch mit dem Erzählen. Dann wird Axler, auch das spröde geschildert, auch noch von seiner Frau verlassen.

Trocken fasst der Erzähler zusammen: "Die Ehe der arbeitslosen Tänzerin mit dem arbeitslosen Schauspieler wurde geschieden, und damit war wieder eine der Millionen Geschichten über unglücklich miteinander verbundene Männer und Frauen beendet." Das soll ein bitterer Satz ohne Ironie sein, ohne den doppelten Boden, den man sonst bei Roth gewohnt ist. Das soll illusionslos sein, vor allem aber ist es banal.

Aber, da ist auf Roth Verlass, die Frau kommt. Da ist zunächst, in der Psychiatrischen Klinik, Sybil Van Buren. Sie behauptet, dass ihr Mann ihre Tochter missbraucht. Selbst diese paralysierte Person bringt sofort Leben in den Roman: Sie bittet Axler, ihren Mann zu erschießen. Und da ist Pegeen, 25 Jahre jünger als Axler, eigentlich lesbisch, eine merkwürdige Mischung aus Kind und sexueller Gier, die mit ihm eine einjährige Affäre eingeht.

Es kommt, wie es kommen muss: Mit Pegeen blühen Axler und der Roman auf, die Dialoge blühen auf, die Erzählung bekommt Tempo, die Roth´sche Kraft, die Geschichten immer weiter treibt, ist wieder da, der Roman erigiert sozusagen.

Sie kaufen Kleider wie in einer Orgie, Axler bastelt Pegeen zu einer attraktiven Frau um, sie ficken und ficken, sie verführen eine Frau vom Tresen zum Sex zu dritt. Das ist die Bruchstelle des Romans: Es geschieht, was Axler immer befürchtet hatte, Pegeen verlässt ihn, und er sackt, wie er zuvor emporwuchs, nun im Zeitraffer zusammen. Der Eros, der in Roths Romanen immer so etwas unwiderstehlich Lebendiges hatte, verwandelt sich mit der Frau vom Tresen in etwas Dunkles und Destruktives, eine dumpfe Wut lebt jetzt in ihm, ein fremdes, schwarzes, galliges Gefühl.

Und damit fällt auch Roths Mini-Roman, der gerade anfing aufzublühen, wieder in sich zusammen: Roth kann Sex-Phantasien zu Literatur machen, hier aber ist es lediglich platt, wenn sie sich über Dildos, reitende Frauen und Analverkehr unterhalten. Axler ist vollkommen niedergedrückt von der Angst, dass sie ihn verlässt, "Die Demütigung" ist niedergedrückt von der Depression, der der Erzähler doch eigentlich auf die Spur kommen will.

Wie also steht es heute, Roth ist 77 und hat seit den Tagen, in denen Axler seine Krise bekam, elf Romane geschrieben, mit seinem Talent und seiner Intuition? Roth scheint diese Frage mit jedem Buch neu und offensiv anzugehen, in dieser Herausforderung liegt ein Teil seiner Kraft. Er ist ein Kämpfer. Das geht durchaus unterschiedlich aus. Mit "Empörung" (2009) ging Roth zurück zu seinen Wurzeln und triumphierte. Mit "Demütigung" ist er bei sich und scheitert.

Selbst die zentrale Metapher des Romans, der Schauspieler, ist nicht erhellend. Immer wieder, selbst beim Selbstmord, sieht sich Axler nur als Darsteller. Nie empfindet er sich als wirklich involviert. Immer fühlt er sich nur ehrlich, wenn er denkt, dass er sich selbst imitiert. Aber was sagt das? Das ist ein Gefühl, das wohl jeder mal kennengelernt hat, das wie alle Gefühle aber nicht besser wird, wenn man dauernd auf ihm herumreitet.

Großartig dagegen ist Axlers Liste der Dramen der Weltliteratur, in denen sich jemand umbringt. Mit einem davon endet "Die Demütigung".

Autor:  Peter Michalzik
Datum:  6 | 3 | 2010
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