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Literatur

22. März 2016

Philosophie: Vielfältige Vernetzung gegen einfältige Ansichten

 Von Dirk Pilz
Christliches und muslimisches Denken sind eng verknüpft und fordern auch den Philosophen heraus.  Foto: © epd-bild / Norbert Neetz

„Orient und Okzident“ und „Konzepte“: Zwei neue philosophische Fachzeitschriften aus dem Verlag Vittorio Klostermann in Frankfurt suchen nach dem Gegenwartsbezug und finden ihn auf höchst glückliche Weise.

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Es gibt keinen Mangel: Die Liste der philosophischen Fachzeitschriften ist beeindruckend lang. Mit guten Gründen: Die philosophierenden Wissenschaftler brauchen sie als Plattform, auf der sie ihre Erkenntnisse vorstellen und die der Kollegen studieren können. Noch immer ist zudem die Zahl der Veröffentlichungen eine der wesentlichen Karriereanzeiger im Wissenschaftsbetrieb, insofern sind Fachzeitschriften unverzichtbar. Mitunter muss man allerdings selbst Philosophen daran erinnern, dass es auf die Güte von Argumenten ankommt, nicht darauf, wie oft man sie publiziert. Und daran, dass Philosophie mehr ist als ein Fachsprachenspiel für Eingeweihte. Die Akademisierung der Philosophie wurde oft beklagt, meistens zu recht.

Auch deshalb ist es erfreulich, dass der Vittorio Klostermann Verlag jetzt gleich zwei neue Zeitschriften auf den Weg gebracht hat. Denn beide versuchen, das philosophische Denken aus den Gefängnissen der Fachdiskurse herauszuholen, ohne einer Popularisierung in die Arme zu fallen.

Mit „Orient und Okzident“, herausgegeben von den beiden jungen Erlanger Philosophinnen Dagmar Kiesel und Cleophea Ferrari (eine Seltenheit: zwei Frauen!), ist das auf hervorragende Weise gelungen. Kiesel und Ferrari widmen ihre erste Nummer den Tugenden. Damit greifen sie aktuelle Diskussionen in der Philosophie auf, in denen das lange lediglich unter historischen Blickwinkeln behandelte Thema der Tugendethiken für die Gegenwart erschlossen wird; der Aufsatz von Christoph Horn gibt einen guten Überblick zu diesen Debatten, bestens als Einführungslektüre geeignet.

Zeitschriften

Orient und Okzident. Bd. 1: Tugend. Hg. von Dagmar Kiesel/Cleophea Ferrari. 204 S., 22, 80 Euro.

Konzepte. Bd. 1: Praktische Identität. Hg. von Gunnar Hindrichs. 148 S., 19,80 Euro. Beide im Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main.

Die Erstlingsnummer wird dabei dem selbst gestellten Anspruch der Zeitschrift gerecht: „Orient und Okzident“ will die „vielfältig vernetzten Beziehungen beider Kulturräume von der Antike bis in die Gegenwart anhand zentraler philosophischer Fragestellungen und Themen“ analysieren.

Die heute oft geführte Rede von einem ideengeschichtlichen Zusammenhang zwischen „dem Westen“ und dem arabischen und islamischen Denken gewinnt damit an Substanz. Dazu gehört, die jeweiligen Denktraditionen in ihren Widersprüchlichkeiten zu erforschen.

Dagmar Kiesel tut dies mit Blick auf das Tugendverständnis bei Augustinus, Georges Tamer im Umgang mit der Frage, ob Gewalt eine Tugend im Koran ist. Er macht es sich dabei keineswegs einfach und unterscheidet zwischen Koran-Aussagen, die „lediglich historischen Wert“ haben und jenen, die auf Universelles zielen. Man wünscht diesen Text allen in die Hände, die in der hitzigen Islam-Debatte dem Koran falsche Eindeutigkeiten unterstellen.

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Wie immer man sich in solchen Debatten positioniert – man hantiert mit grundlegenden Konzepten. Es ist eine glückliche Fügung, dass den Konzepten als grundlegende Denkweise eine ebenfalls neue Zeitschrift gewidmet ist. Der Basler Philosoph Gunnar Hindrichs schreibt als Herausgeber: Konzepte „koordinieren Erfahrenes, und sie beruhen auf Gründen“. Genau deshalb sind sie umstritten. Aber die jeweiligen Streits lassen sich analysieren. Das tut die erste Nummer anhand des jungen Begriffs „praktische Identität“, nämlich dem Selbstverständnis, das durch tätiges Selbstbestimmen entsteht.

Hindrichs untersucht in einem langen Aufsatz, was das mit Blick auf das Gewissen bedeutet, Charles Larmore hinsichtlich der Freiheit. Es erweist sich, dass jede praktische Identität wesentlich „unfertig“ ist. Solche Unfertigkeiten zu begreifen, gehört zu den wesentlichen Aufgaben der Philosophie: Es ist Einübung ins Offene.

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