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Literatur

13. November 2015

Pierre Bost „Bankrott“: Er will nicht krank sein

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Seineufer in Paris. Der Held von Pierre Bost lässt sich lebensmüde in den Fluss fallen, aber der halbherzige Suizidversuch misslingt.  Foto: Imago

Aus der Unternehmerwelt: Pierre Bosts topaktueller Roman „Bankrott“ ist erstmals in den zwanziger Jahren erschienen. Jetzt ist er in einer eleganten neuen Übersetzung zu haben, die dem immensen Pfiff des Buches entspricht.

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Hier wird von einem Burnout erzählt, der auch gut 85 Jahre später noch Interesse weckt. Handelt die Geschichte des Pariser Zuckerfabrikanten Brugnon doch von Dingen, die nicht erst die Schwierigkeiten unserer Tage sind.

Mit schärfstem Elan tritt der junge, erstklassig ausgebildete Mann sein Amt an – „der Gedanke, dass es der Tod seines Vaters war, der ihm die Macht über diese kleine Welt gab, kam ihm nicht“ –, weiß das Unternehmen auch zu führen, fädelt allerdings Geschäfte ein, die ihm später auf die Füße fallen werden. Die gesetzten Herrschaften in seiner Umgebung haben dafür wenig Verständnis. „Bemerkenswerterweise verachten die Geschäftsleute Erfolge, die der Dreistigkeit geschuldet sind. Sie nennen das Verrücktheit.“ Manchem kommt Brugnon wie ein Luftikus vor.

Wir Heutigen wissen es besser: Er ist einer von uns. Die Arbeit und „die Sprache des Geldes“ sind sein Leben. „Tag für Tag, zur immer gleichen Stunde sprach Brugnon vor denselben Menschen von denselben Dingen, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er davon nicht genug habe, hätte er geantwortet: Monsieur, haben Sie etwa genug davon zu leben? Und glauben Sie, dass die Erde genug davon hat, rund zu sein?“

Als sich Ermüdungserscheinungen zeigen, ignoriert er sie. „Brugnon wollte sich nicht ausruhen. Je mehr er das Bedürfnis danach verspürte, desto mehr weigerte er sich.“ Denn: „Ich will nicht krank sein, auch nicht schwach oder feige. Ich will nicht wie ein Tier sein. Ich bin ein Mensch.“

Die Arbeit, erklärt er, bereite ihm „Vergnügen, und ich behaupte nicht, einzigartig zu sein, wie mein Jahrhundert nicht das einzige Jahrhundert ist… .“ Seine Angestellten darauf skeptisch: „Befinden wir uns aber dennoch nicht in einer Zeit der geringen Leistung, des Bluffs und des Papiergelds? Gibt es heute nicht mehr Menschen als früher, die ein rasches Vermögen machen und für kurze Zeit zu Ansehen kommen?“

Eine vertraute Sphäre

Der Leser bewegt sich in diesem Roman aus dem Jahre 1928 also fast durchweg in einer vertrauten Sphäre. Der Autor ist der Nordfranzose Pierre Bost (1901-1975), „Bankrott“ wurde schon 1930 übersetzt und ist jetzt in einer Neuübersetzung bei Dörlemann erschienen, einer hocheleganten von Rainer Moritz. Er erdet das französische Faible für Abstraktionen, findet für Bosts Präzision ebenso exakte Wendungen und gönnt sich und uns wohlkalkulierte Einsprengsel von mondänem Firmensprech. „Da müssen wir uns schlaumachen.“

Trefflich ist ja Bosts Vermögen, sich auf den Augenblick einzulassen. Situationskomik und -tragik – Brugnons vergeblicher Versuch, sich in der Seine umzubringen – gehen Hand in Hand und führen zu gescheiten Verallgemeinerungen: Sei es der Händedruck, den Brugnon vermeiden will – „aber jemandem, der sich geschworen hat, einem die Hand zu schütteln, ist auf Dauer schwer zu entkommen“ –, sei es der Kummer des unseligen Mitarbeiters, der auch noch Quellemaleur heißt: „Er war einer dieser ungeschickten Männer, deren größte Tugend die Härte ist, mit der sie ihre eigenen Fehler verdammen.“ Grandios die Atmosphäre in der Firma, wo Unterwürfig- und Aufmüpfigkeit eine so witzige wie realistische Koexistenz führen.

In dieses bei allem Spott sorgfältige, auch empathische Porträt aus der Geschäftswelt tritt bald noch die Liebe in wenig glücklicher Gestalt. „Bankrott“ nimmt in der Schilderung der anstrengenden Dreiecksbeziehung Brugnons zu einem geduldigen Engel sowie zu einer mysteriösen Stenotypistin bisweilen kolportagehafte Züge an.

Beide Frauen sind dabei moderne Idealtypen der zwanziger Jahre, es ist eine Lesefreude eigener Art, wie ihr eigener Autor ihnen nicht widerstehen kann. „Wir werden keinen Stich mehr machen“, stellt er angesichts nicht nur sanfter, freundlicher und den Überblick bewahrender, sondern nurmehr auch starker und gebildeter Frauen fest. Während Brugnon vor Leid und Jammer bisweilen keine Augen mehr im Kopf hat.

Das Buch

Pierre Bost: Bankrott. Roman. Aus dem Franz. von Rainer Moritz. Dörlemann, Zürich 2015. 255 Seiten, 19,90 Euro.

Das Ende: bei aller Unübersichtlichkeit der Lage nachtschwarz, dabei extrem situativ. Es macht noch einmal deutlich, dass es Bost nicht um einen Niedergang von Buddenbrookscher Dimension geht, Brugnon ist von dynastischen Ambitionen ohnehin weit entfernt.

Dass Bost sich dabei darüber ausschweigt, wer im dramatischen Showdown geschäftlich eigentlich recht hat, ist eine raffinierte Unschärfe. Mitten in einem letzten, starken Bild macht er einfach Schluss, ein filmwürdiges Ende.

Tatsächlich interessierte sich Bost offenbar für das Kino. Und das Kino interessierte sich für ihn. Bei Dörlemann erschien schon vor zwei Jahren der Roman „Ein Sonntag auf dem Lande“, der durch die Verfilmung von Bertrand Tavernier Nachruhm erlebte.

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