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Musik und Gesellschaft: Podiumsplatz für Mozart

Die westlichen Gesellschaften befinden sich in einer „Verblödungsspirale“ mit klarer Bewegungsrichtung. Das befindet der Musikwissenschaftler Holger Noltze in seinem Buch "Die Leichtigkeitslüge", indem es elegant und sogar launig um Musik, Medien und Markt geht und die Frage nach Hochkultur und Weniger-Hoch-Kultur.

Es ist von Wolfgang Amadeus Mozart.
Es ist von Wolfgang Amadeus Mozart.
Foto: rtr

Dem ZDF verdanken wir, nach einer nicht abgesichert repräsentativen Umfrage im Jahre 2007, eine (von Johannes B. Kerner moderierte) Antwort auf die Frage, wer in der Sparte Musik unsere Besten seien. Dass „Musik“ dabei nicht weiter differenziert wurde, weder nach U und E noch gar innerhalb der beiden Domänen, kann damit zusammenhängen, dass solche Unterscheidungen für viele der Befragten nicht verständlich gewesen wären und die Antworten kaum beeinflusst hätten. Das atemberaubende Ergebnis der Umfrage, das Bach auf Platz 34 (hinter DJ Bobo) sah und Mozart immerhin auf einem Podiumsplatz (hinter Herbert Grönemeyer und Udo Jürgens), zeugt von einem strikt vorurteilslosen und hierarchiefreien Umgang mit dem Bildungskanon. Kulturkonservativen wäre es allerdings eher ein Symptom dafür, wie nahe das Abendland seinem Untergang inzwischen gekommen ist.

Zwischen diesen beiden Polen, einer gelassen illusionslosen, nicht prinzipienorientierten Wahrnehmung der aktuellen Kulturlandschaft auf der einen und dem entgeisterten Kopfschütteln darüber, wie weit es mit der Bildung gekommen ist, auf der anderen Seite, spannt Holger Noltze seine Argumentation aus. Sie beschäftigt sich grundlegend und weiträumig mit der Frage, ob es eine legitime Differenz zwischen Hochkultur und Weniger-Hoch-Kultur gibt und ob ein barrierefreier Zugang zur Hochkultur möglich oder überhaupt sinnvoll wäre.

Im Zentrum steht die Musik

Ausgangspunkt, Zentrum und Zielgebiet seiner Argumentation ist die Musik, und zwar die mit dem großen E davor. Er weiß, dass die Investition in musikalische Bildung im Deutschland des 21. Jahrhunderts trotz aller Dementis als dubios gilt. Aber er lamentiert nicht. Er argumentiert, sichtet, beurteilt, geht einen Schritt weiter. In einem schwierigen Terrain, das auch politisch vermint ist: Wer Bildungskanon und Hochkultur umstandslos das Wort redet, setzt sich dem Vorwurf des Elitismus aus, wer populistisch die Belange der Massenkultur vertritt, läuft Gefahr, Differenzen zwischen Bach und Bobo leugnen zu müssen, die doch deutlich und vielfältig sind.

Unbestritten ist für Noltze, dass sich die westlichen Gesellschaften in einer „Verblödungsspirale“ mit klarer Bewegungsrichtung befinden und dass die elektronischen Medien dieser Bewegung die Gravitationsenergie liefern. Er teilt nicht den Optimismus, nach dem heute der Zugang zu Wissen und Bildung universal geworden ist, weil überall und jederzeit tendenziell alles zur Verfügung stehe. Er findet, im Gegenteil, Belege dafür, dass Wissen zunehmend von Sinn und von jeglichem Bildungsbegriff abgekoppelt wird; dass, entgegen jedem Fortschrittsglauben, das Wissen nicht nur zu-, sondern auch rapide und allenthalben abnimmt, weil ganze Wissenszweige aufgrund ihres Reichtums an Voraussetzungen verloren gehen.

Zwei prägnante Beispiele liefern ihm eine Folie für die Verluste: Einmal das Fingertier Aye Aye, von dem nur noch wenige Exemplare auf Madagaskar leben, die bald ausgestorben sein werden, so dass niemand je wieder diesem Tier in der so genannten freien Wildbahn wird begegnen können; zugleich sorgt das weltweite Netz dafür, dass ein Grundbestand an zoologischem Wissen über das Aye Aye rund um die Welt und die Uhr abrufbar ist. Zweitens: das Nibelungenlied. Es fristet ein marginales Restdasein in einem verschwommen-allgemeinen Sagen- und Mittelhochdeutsch-Kontext in der Sekundarstufe 1, wo Germanen, Griechen, Völkerwanderung und Antike in einem Abwasch weggespült werden, während die Handschriften, in denen das Nibelungenlied überliefert ist, zum Weltdokumentenerbe der Unesco zählen und ausgezeichnet im Netz dokumentiert sind.

Trägt Wissen zur Bildung bei?

Ist es nur noch das Netz, das Wissen darstellt? Trägt solches Wissen noch zur Bildung bei? Und kann es sein, dass die Menschheit zurzeit aufgrund eines grundlegenden Missverständnisses mehr Wissen verliert als dazugewinnt?

Was Holger Noltzes Buch lesenswert macht, ist vor allem die Tatsache, dass er alle mittelgroßen und kleineren Fragen, die er am Wege findet, im Lichte der großen Fragen diskutiert. Und was sein Buch wertvoll macht, ist dass es nicht zu vereinfachenden Zuspitzungen tendiert. Deshalb scheint darin tatsächlich alles mit allem zusammenzuhängen: Egal, wo man das Buch aufschlägt, stets trifft man auf eine Passage, die innerhalb kurzer Zeit das ganze Problemfeld, durch das Noltze sich bewegt, in den Blick holt.

Das klingt, zu Recht, nach einer komplexen Argumentation und einem variablen Abstraktionsniveau, und damit wären wir bei einer erstaunlichen Qualität dieses Buches: Trotz seiner Komplexität ist es keine Zumutung für den Leser, sondern ein stets gut nachvollziehbarer, oft eleganter, zuweilen launiger Streifzug durch schwieriges Gelände. Noltzes profunde Argumentationen gegen die Leichtigkeitslüge einer niedrigschwelligen, universalen Vermittelbarkeit kommt ohne Prätention von Schwergewichtigkeit und ohne Attitüde von Welterklärung aus. Er will gelesen werden. Und hat ein Buch geschrieben, das dies unbedingt verdient.

Holger Noltze: Die Leichtigkeitslüge. Über Musik, Medien und Komplexität. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2010, 294 Seiten, 18 Euro.

Autor:  Hans-Jürgen Linke
Datum:  5 | 2 | 2011
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