Literatur

14. Januar 2013

Pola Kinski - „Kindermund“: Tote Tauben unterm Kinderfahrrad

 Von Daniel Kothenschulte
Klaus Kinski 1982 in dem Film „Der Android“.  Foto: imago/United Archives

Pola Kinskis „Kindermund“ ist mehr als eine Abrechnung mit ihrem Vater Klaus Kinski, der sie jahrelang missbraucht haben soll. Es ist auch ein Erinnerungsbuch von literarischem Rang.

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In seinen Filmen war Klaus Kinski oft der größte Kostenfaktor. Billigproduzenten planten genau, um bei möglichst wenigen Drehtagen den größtmöglichen Kinski-Effekt zu erzielen. So spielte er immer wieder Nebenrollen, die im Bewusstsein des Publikums zu Hauptrollen anwuchsen – weil seine oft Gänsehaut einflößenden Auftritte trotz ihrer Kürze alles andere überstrahlten.

Nun ist zu lesen: „Pola Kinski hat ein Buch über ihren Vater Klaus geschrieben“ (Spiegel Online), aber die Ehre einer späten Hauptrolle würde ihm die Autorin kaum verschafft haben wollen. Auch wenn die in der vergangenen Woche bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe gegenüber Kinski diese Lesart vorzugeben scheinen: „Kindermund“ ist kein Buch über einen Star. Es ist eine Kindheitsbiografie, die ihre erschütternde Intensität bereits lange entfaltet, bevor auf Seite 63 das erste der fortgesetzten väterlichen Verbrechen detailliert geschildert wird. Es ist ein Buch über Pola Kinski, und das muss es auch sein. Es wäre leicht gewesen für das literarische Ich dieser Tatsachenerzählung, abermals die Aufmerksamkeit an jene Nebenfigur abzutreten, die ihr Leben von Grund auf vergiftet hat. Sie hat es nicht getan, sie rückt die Proportionen ein Stück weit wieder zurecht. Sie schont sich dabei nicht.

Luxus als Bestechung

Hin- und hergeschoben zwischen zwei denkbar unterschiedlichen Lebenswelten, denen freilich ihre Lieblosigkeit gemeinsam ist, fällt es dem Mädchen schwer, ein unkorrumpiertes Wertesystem zu entwickeln. Den Luxus des Vaters muss Pola als Bestechungsmaterial zurückweisen. Eindringlich schildert sie den Ekel einer Zwangsfütterung mit Kaviar. Doch das kleinkarierte Streben der Mutter nach bürgerlichem Komfort kann sie auch nicht teilen. Am besten geht es dem Mädchen, wenn es den vergifteten Luxus ihres Vaters einmal für sich alleine hat: „Eigentlich sind mir Autos egal, aber im Rolls-Royce in den Ledersesseln zu hängen, so dass ich gerade noch in die offenen Mäuler der Menschen vor dem Fenster schauen kann, genieße ich dann doch. In solchen Momenten fühle ich mich wichtig.“

Wer die Selbstkritik in dieser Beschreibung nicht erkennt, sondern Pola Kinski als „rettungslos verzogen“ einschätzt, wie Willi Winkler in der „Süddeutschen Zeitung“, verkennt ihre Offenheit. Man muss das Buch in Schutz nehmen gegenüber einer Kritik, die es – in bizarrer Umkehr der Umstände seiner Entstehung – als „Exploitation“ diskreditiert. Und es damit auf eine Stufe stellt mit dem filmischen Trash, in dem Kinski so oft agierte.

Die Autobiografin ist heute 60 Jahre.  Foto: afp/STEFAN KLUETER

„Wenn Pola Kinski den Verführer schildert“, kritisiert Winkler die Autorin, „lässt sie keine Kitsch-Vokabel aus“. Sein Resümee: „Nur der Gefahr, dass sie ein Buch nicht nur für sich geschrieben hat, sondern damit auch einen Voyeurismus bedient, der wird sie nicht entgehen.“ Mit dieser Argumentation könnte man jede Schilderung einer Missbrauchserfahrung diskreditieren. Der Perverse kann sich potenziell an allem delektieren.

Winklers Vorwurf gipfelt in der Gleichsetzung der sprachlichen Aufarbeitung des Erlebten mit Pornografie: „Und wie in der Pornografie klassischer Spielart, als Handreichung für ältere Männer, geht es weiter: „Er nimmt meine Hand, umschließt sie fest mit seiner Pranke, und wir gehen hinaus. Ich werfe Mama einen flehenden Blick zu, aber sie schweigt (…) Er führt mich zu einem roten Auto.“

Kinskis pornografische Fantasien

Tatsächlich wird umgekehrt ein Schuh daraus. Was Kinski hier mit seiner Tochter auslebte, folgte dem pornografischen Plot seiner Fantasie und wurde offenbar – an der Glaubwürdigkeit der Schilderung zweifelt niemand mehr – in einer offensichtlich verbrecherischen Weise durchexerziert.

Tatsächlich schreibt Pola Kinski auf hohem Niveau, stilsicher findet sie sogar eine Form, surreale Elemente der kindlichen Wahrnehmung in den Tatsachenbericht zu integrieren. Einmal sieht sich das Grundschulkind mit dem geschenkten Fahrrad des Vaters die Tauben auf der Terrasse überfahren: „Viele liegen schon plattgewalzt auf dem Beton. Hin und her und her und hin, immer wieder. Ich muss sie alle erwischen.“

Dieses Buch wäre nicht weniger wertvoll, wenn kein Prominenter darin vorkäme. Was hier beschrieben wird, offenbart gerade die typischen Merkmale familiären Missbrauchs. Dieses Verbrechen ereignete sich unabhängig vom Star-Kult, der Kinski umwehte, und ist deshalb auch nicht vergleichbar mit dem unlängst enthüllten Missbrauchsskandal um den BBC-Popmoderator Jimmy Savile. Dessen Taten wurden ermöglicht durch öffentlichen Hype und kollektives Wegsehen. Kinski hätte sein Kind vermutlich ebenso missbraucht, wenn er nie berühmt geworden wäre.

Seine Geheimhaltungsstrategie, die auf Einschüchterung seines Opfers basierte, erklärt auch, warum niemand in seinem Umfeld etwas bemerkte. Sein Kokettieren mit pädophilen Neigungen in seinen autobiografischen Büchern war Teil des Potemkinschen Dorfs, das er um sich errichtete. Er prahlte mit Vielem, doch mit dem, was er Pola antat, prahlte er nie. Selbst sein wissenschaftlicher Biograf Christian David (2006 erschien sein heute vergriffenes Standardwerk „Kinski – Die Biographie“) ahnte nichts.

        

Pola Kinski, Kindermund, erschienen bei Insel, 267 Seiten, 19,95 Euro.
Pola Kinski, Kindermund, erschienen bei Insel, 267 Seiten, 19,95 Euro.

Gegenüber dieser Zeitung erklärte er gestern: „Im Licht der aktuellen Ereignisse gehe ich davon aus, dass dieser Missbrauch sorgsam verheimlicht wurde. Falls aber Dritte doch davon wussten, schwiegen sie, offenbar geblendet von der Aura des großen, reichen, cholerischen Filmstars. Dass gerade Kinski, der ständig aufgedrehte Lautsprecher, dieses Schweigen forderte und benötigte, ist die tragische Ironie einer künstlerischen wie menschlichen Existenz, deren Trümmer jetzt vor uns liegen.“

Was Zeitgenossen indes wiederholt beschrieben, war Kinskis Neigung, Schwächere zu unterdrücken: In seinem Film „Mein liebster Feind“ beschreibt Werner Herzog eindringlich, wie er als 13-Jähriger erlebte, wie Kinski seine Münchner Pensionswirtin quälte, obwohl ihn diese umsonst wohnen ließ. Das war 1955, als Kinski getrennt von der damals dreijährigen Pola lebte. Die Geschichte ihres Missbrauchs endete 1971, als sich Pola ihrem Vater endlich dauerhaft entziehen konnte. Ein Jahr später feierte die Welt Werner Herzogs ersten Kinski-Film „Aguirre – Der Zorn Gottes“. Es begann die Zeit von Kinskis großer künstlerischer Anerkennung.

Pola Kinski: Kindermund. Insel-Verlag, Berlin 2013, 267 Seiten, 19,95 Euro.

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