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Literatur

06. Februar 2013

Politische Comics: Die große Ansteckung

 Von 
Der kleine Junge Xiao Li lernt, den großen Vorsitzenden Mao zu zeichnen. 

Drei Comics beschäftigen sich mit dem totalitären Erbe des 20. Jahrhunderts in China, Spanien und Russland.

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Dass sich Menschen für politische Utopien begeistern oder ihr Leben als Teil des gesellschaftlichen Fortschritts verstehen – dergleichen Gedanken scheinen heute vollkommen absurd. Und frivol. Und dumm-gefährlicher Kokolores, wie uns die totalitären Verheerungen des 20. Jahrhunderts doch auch lehren sollten. Na klar, bloß keine falschen Versprechen mehr! Zum Glück sind wir heute allesamt nüchtern. Ausgenüchterte Zahlen-, Daten- und Fakten-Junkies. Und verschwinden dafür als post-ideologische Geiz-ist-geil-Wutbürger im Renditewahn. Das ist allerdings schon wieder eine andere Geschichte. Wie aber war es denn nun im 20. Jahrhundert, als Hekatomben von Menschen dem heute so Undenkbaren anheimfielen? Alles ganz weit weg?

Jubel für die Kulturrevolution

Drei Neuerscheinungen versuchen eine Antwort. Sie erzählen von großen Aufbrüchen und Ernüchterungen, von Tätern und Opfern, von Gewalt, Terror und Lügen. Am anschaulichsten tut dies Li Kunwu in seinem autobiografischen Comic „Ein Leben in China“, einem auf drei Bände angelegten Großprojekt. Im ersten Band „Die Zeit meines Vaters“ lässt der 1955 geborene Zeichner seine Kindheit wiederaufleben: die Epoche von Mao Zedong und also des „Großen Sprungs nach vorne“ und der Kulturrevolution. Dabei bilden staatliche Kampagnen und Programme nur den Hintergrund; sie werden mitsamt der reißenden Parolen im Vorwort und ansonsten in Fußnoten erläutert. Im Vordergrund aber steht der kleine Junge Xiao Li – er ist das Alter Ego Li Kunwus.

Der Comic gibt keine eindeutige Leserichtung vor und bleibt auf angenehme Weise entspannt. Wer möchte, kann also „Die Zeit meines Vaters“ einfach nur als die Geschichte eines Heranwachsenden in etwas turbulenteren, da nun mal revolutionären Zeiten lesen. Oder eben doch als die Geschichte einer großen Ansteckung: Dann allerdings erschließt sich dem Leser ein vielschichtiges Tableau, es reicht von der Geburt Xiao Lis bis zum Tod Maos am 9. September 1976. Dabei lernen wir seine Eltern kennen, der Vater ist Parteifunktionär, die Mutter stammt aus einer Bauernfamilie. Wir erleben den Jungen mit seinen Freunden, in der Schule, beim Ernteeinsatz und zuletzt in der Volksbefreiungsarmee.

Früh schon verschwindet der Vater im Umerziehungslager. Es folgen katastrophale Jahre. Unsinnige Parteidirektiven, wie zum Beispiel die, seine Mitmenschen aufgrund ihrer „feudal-bürgerlichen Herkunft“ zu denunzieren, zerschlagen noch die letzten sozialen Bande, bis das Gemeinwesen droht, in Anarchie unterzugehen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Metall zu sammeln und einzuschmelzen, um die Stahlproduktion des Klassenfeindes – Großbritannien und die USA – zu übertreffen, und fällt in immer tiefere Armut. Überall werden die Wälder abgeholzt, um die Hochöfen zu befeuern, der erodierende Boden führt schließlich zu Missernten und damit zu einer bis dahin nicht gekannten Hungersnot.

Xiao Li erträgt das nicht einfach nur, sondern spielt bei alldem mit. Seine Begeisterung für den großen Vorsitzenden kennt keine Grenzen. Er verehrt die Arbeiter- und Soldatenhelden der Parteipropaganda. Und er stellt sein zeichnerisches Talent ganz in den Dienst der Revolution. Voller Elan erlebt der Junge sein China als eine permanente Großbaustelle, ein ideologisches Großexperiment, das uns möglicherweise schaudern, doch ihn auf eine bessere Zukunft hoffen lässt. Eben darin liegt das größte Verdienst des Comics: Li Kunwu distanziert sich nicht von seiner Jugend, will keinen billigen, da selbstgerechten Sieg über den totalitär-revolutionären Irrsinn davontragen – und erspart uns gerade deswegen seine jugendliche Faszination nicht.

Einer der ambitioniertesten Comics der letzten Jahre

Das mag unsere Gewissheiten irritieren, ist aber der bessere, weil lehrreichere Weg. Li Kunwu ist ein erfahrener Zeichner, er hat über 30 Comic-Alben veröffentlicht, zumeist propagandistische Bildergeschichten für die Partei. Und so begegnet uns auch in „Ein Leben in China“ immer wieder die parteioffizielle Ikonografie der Revolution – allen voran Mao. Zugleich aber macht sich der Künstler davon auch frei, was vor allem seinen wimmelbildartigen, mitunter sehr expressiven und sich in ihrer gegenständlichen Form auflösenden Zeichnungen anzumerken ist. Wie es überhaupt beachtenswert ist, dass Li Kunwu an ein chinesisches Tabu rührt, wenn er mit dem „Großen Sprung nach vorn“ und der Kulturrevolution auch die Geschichte von Millionen von Toten erzählt.

In seiner kunstvollen Verzahnung von individueller und allgemeiner, kleiner und großer Geschichte gehört Li Kunwus Autobiografie zu den ambitioniertesten Comics der letzten Jahre. Im Vergleich dazu fällt Antonio Altarribas und Joaquim Puigarnau Auberts „Die Kunst zu fliegen“ deutlich ab. Erzählt wird die Geschichte von Altarribas Vater, dem spanischen Schriftsteller gleichen Namens, der 2001 Selbstmord beging und damit seinem „verschwendeten“ Leben ein Ende setzte. Ein Leben, das in der tiefsten Provinz begann, dann aber mitten hinein in die politischen Wirren der Zeit führen sollte – den Spanischen Bürgerkrieg, die Franco-Diktatur – und schließlich in einer sicheren, allerdings sterbenslangweiligen bürgerlichen Existenz erstarrte.

Das hätte der Stoff für ein großes historisches, allemal tragisches Panorama sein können. Umso mehr, als die Geschichte einige aufschlussreiche Einsichten verspricht. Zum Beispiel: Als Altarriba auf Seiten der Anarchisten gegen den Faschismus kämpfte, galt seine Leidenschaft keineswegs einer politischen Idee, sondern dem Fliegen – dem Fahren schneller Autos als Postillion an der Bürgerkriegsfront. So zufällig, ja privat können also revolutionäre Motive sein. Doch weil der Sohn Altarriba als Ich-Erzähler die Geschichte des Vaters Altarriba vorträgt, eine ödipale Konstellation, die er mit ihrer Blutsverwandtschaft begründet, gibt er eine Nähe vor, die er nicht haben kann, die er aber bräuchte, um glaubwürdig vom Privaten erzählen zu können.

Gemessen an ihrem Anspruch bleibt „Die Kunst zu fliegen“ gerade in erzählerischer Hinsicht abstrakt. Daran ändert auch die dichte, plastisch ausgemalte und emotional berührende Inszenierung des Zeichners Joaquim Puigarnau Auberts alias Kim nichts. Wenn die Zeugenschaft aus biografischen Gründen nicht als Prinzip der Erzählung herhalten kann, hilft nur die klar markierte Distanz zum Geschehen und ansonsten die penible Recherche: Genau so verfährt der italienische Zeichner Igort bei seiner Sowjet-Archäologie, als deren erster Teil vor zwei Jahren die „Berichte aus der Ukraine“ erschienen, „Erinnerungen an die Zeit der UdSSR“ und den von Stalin ab 1932 gegen die ukrainische Bevölkerung betriebenen „Hunger-Holocaust“.

Zu Ehren Anna Politkowskajas

Für Igort setzt sich die menschenverachtende Politik bis in die Gegenwart fort. In seinen „Berichten aus Russland“ schlägt er den Bogen von den stalinistischen Gulags bis zum Krieg in Tschetschenien. Vor allem aber setzt seine Bildergeschichte der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja ein Denkmal: Wie niemand sonst brachte sie mit ihren mutigen Reportagen über den tschetschenischen Krieg die „lupenreine“ Demokratie von Putins Gnaden in Bedrängnis. Igor Tuveri, wie Igort mit bürgerlichem Namen heißt, legt mit seinen „Berichten“ eine politisch hellwache, überaus engagierte und empathische Intervention vor. Ein starkes Stück grafischer Literatur – und eine Erinnerung, dass die totalitäre Versuchung nicht mit dem 20. Jahrhundert aufgehört hat.

Li Kunwu, Philippe Autier: Ein Leben in China, Band 1: Die Zeit meines Vaters, Edition Moderne, Zürich 2012. 256 Seiten, 24 Euro. Antonio Altarriba, Kim: Die Kunst zu fliegen. Avant Verlag, Berlin 2012. 208 Seiten, 24,95 Euro.Igort: Berichte aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus. Reprodukt, Berlin 2012. 176 Seiten, 24 Euro.

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