Seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 sind etliche Bücher erschienen, die Angst schüren und dramatisieren. Islamophobie ist in Deutschland weit verbreitet und findet offenbar sein Publikum. In diese Reihe von Büchern gehört "Der Fluch des langen Krieges. Wie Osama bin Laden den Westen zu besiegen droht" von Michael Clasen.
Zwar reiste der Politik-Redakteur der Osnabrücker Zeitung wiederholt nach Afghanistan und in den Irak, aber von seinen Erfahrungen dort erfährt der Leser leider nur am Rande. Clasen treibt vor allem der Wunsch um, Feind und Freund zu identifizieren und eine stärkere Kriegsbeteiligung Deutschlands in Afghanistan anzumahnen: "Deutschland und Frankreich, zwei der größten Wirtschaftsmächte der Welt, sehen sich außerstande, den Krieg zu führen, den es zu gewinnen gilt."
Diese Überzeugungsschrift kennt wenig Differenzierungen und versucht, Gegenargumente als "Verirrungen des politischen Koordinatensystems" zu entlarven. Daraus ergibt sich eine so schlichte Weltsicht, dass die Lektüre nur für Gleichgesinnte ein Gewinn sein dürfte.
Michael Clasen: Der Fluch des langen Krieges. Wie Osama bin Laden den Westen zu besiegen droht.
Siedler-Verlag, 280 S., 18 Euro.
Ganz anders liest sich "Allahs langer Schatten. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben müssen" von Michael Lüders, ein kluges Buch gegen den Zeitgeist. An den Anfang stellt der Islam-Experte die erschreckenden Ergebnisse einer Umfrage, wonach die Mehrheit der Deutschen mit dem Islam vor allem Gewalt und Terror, Rückständigkeit und Unterdrückung von Frauen verbindet. Nur sechs Prozent der Befragten bekundeten Sympathien für den Islam.
"Islamophobie nimmt mit höherer Bildung nicht ab, anders als sonstige Formen von Fremdenfeindlichkeit", stellt Lüders nüchtern fest. In die deutsche Debatte habe sich ein Tonfall eingeschlichen, der vermutlich als Volksverhetzung zu werten wäre, ließe man sich ebenso über das Judentum aus. "Wer sich öffentlich antisemitisch äußert, wird juristisch belangt und zur Rechenschaft gezogen. Wer dagegen den Islam verhöhnt und verächtlich macht oder ihn generell Fanatismus unterstellt und sich dabei auf die Meinungsfreiheit beruft, gilt als Verteidiger westlicher Werte."
Der verbreiteten Unkenntnis begegnet Lüders in seinem Buch mit einem geschichtlichen Abriss, der in die Analyse der aktuellen Lage im Nahen und Mittleren Osten mündet. Souverän führt der Autor, der in Syrien arabische Literatur und Islamwissenschaft studierte, den Leser durch die wichtigsten historischen Etappen - und zu der Einsicht, dass bereits die Kreuzfahrer mit ihrer anti-islamischen Propaganda dafür sorgten, dass wir heute die islamischen Wurzeln unserer europäischen Kultur so wenig kennen.
Besonders gelungen ist das Kapitel über den langen Weg zur Demokratie und das Versagen der arabischen Eliten. "Keinem arabischen Land ist bislang die Transformation traditioneller, patriarchalisch geprägter Gesellschaftsformen in die technisch-rationale Moderne gelungen", urteilt Lüders und erläutert, warum sich unter solchen Verhältnissen der politische Fundamentalismus als "Krisensymptom" entwickelt hat. Dass der Westen darauf vor allem militärisch reagiert, geißelt Lüders - anders als Clasen - als völlig verfehlte Politik.
Michael Lüders: Allahs langer Schatten. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben müssen. Herder-Verlag, 223 Seiten, 19,90 Euro.
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