Fast wäre das Treffen nicht zustande gekommen. Die Autorin wartet im Bistro des Stuttgarter Kunstmuseums, die Besucherin im Restaurant vier Etagen höher. "Haben Sie sich nicht gewundert, dass ich Sie in solch ein teures Lokal bestellt habe", wird Sudabeh Mohafez später, nachdem man sich gefunden hat, ein wenig verblüfft fragen. In der Tat: weiß gedeckte Tische, leise Barmusik, eine Kellnerin, die den Gast eilfertig an seinen Platz geleitet - das schien nicht zu passen zu einer Frau, die jahrelang in einem Berliner Frauenhaus gearbeitet hat. Die so kundig über Gewalt, Angst und Sprachlosigkeit schreibt, als habe sie das Erzählte am eigenen Leibe erfahren. Gerade ist Sudabeh Mohafez' zweiter Roman auf den Markt gekommen, "brennt", ein kunstvoll komponiertes Werk über den seelischen Absturz einer Frau, die bei einem nächtlichen Wohnungsbrand mehr verliert als ihren irdischen Besitz.
Rund zwei Jahre hat die Autorin, 1963 in Teheran als Tochter einer deutschen Mutter und eines persischen Vaters geboren, an der verwinkelten Geschichte der Musikproduzentin Mané gearbeitet. Erst im November habe sie ein Drittel des Textes komplett umgeschrieben, erzählt sie. Und gesteht: "Ich bin eine sehr langsame Schreiberin. Am Anfang bin ich eigentlich nur mit der Sprache beschäftigt. Die Handlung entwickelt sich erst nach und nach. Meist weiß ich nur, wie ein Buch enden soll. Der Weg zwischen Anfang und Ende ist ein ständiges Fragen, Suchen und Verstehen-Wollen."
Sudabeh Mohafez wurde 1963 in Therean als Tochter einer deutschen Mutter und einer persischen Vaters geboren. 1979 zog die Familie nach Berlin, woe die Autorin in einem Frauenhaus gearbeitet hat. Die Erfahrung mit häuslicher Gewalt hat sie in "Wüstenhimmel, Sternenland" verdichtet. Mohafez lebt jetzt in Stuttgart.
Die Geschichte der Mané sollte auf jeden Fall gut ausgehen - trotz eines Einstiegs, der wenig Raum für Optimismus lässt. Ein Brand zerstört die Existenzgrundlage der Berliner Musikproduzentin, die zu den besten ihrer Branche zählt. Mit knapper Not kann sie sich und ihre beiden Katzen auf den Balkon retten. Ihr gesamter Besitz ist verloren, lediglich eine Ruß geschwärzte Querflöte ist ihr geblieben. Schlimmer noch: Ein ständiges Rauschen und Fauchen im Ohr macht Mané das Arbeiten unmöglich; zudem streiten sich in ihrem Kopf zwei Stimmen um die Vorherrschaft. Verschreckt zieht die Ich-Erzählerin sich mehr und mehr in sich selber zurück, wird ein "Schneckenmensch", der nicht wagt, seine Fühler auszustrecken.
Die seelischen Verwüstungen liegen tiefer
"So ist es jetzt. So sind meine Tage. Ich friere. Ich liege auf dem Bett. Ich bin angefüllt vom Fauchen der fast totgeschlagenen Ruine. Ich betrachte Lichter an der Wand in Klaras Gästezimmer. Ich höre die Scheiben in der Küche splittern, den Flügel knistern, den Rauch, wie er Raum einnimmt. Ich sehe hellbraune Augen. Ich sehe eisgraue Augen. Ich höre das Klangkind und den Wind vor den Fenstern in der Bjarnarsstigur."
Ein Wohnungsbrand, soviel steht schnell fest, kann nicht solch tiefe seelische Verwüstungen hervorrufen. Es bedarf einer beharrlichen Aufdeckungsarbeit, ehe Mané und mit ihr der Leser begreift, dass die Wurzeln für ihre Depressionen und Ängste in der Vergangenheit liegen. Zur Seite steht ihr dabei der Feuerwehrmann Sebastian, auch er ein in der Seele verwundeter Schneckenmensch, den sie eines Tages ob seiner Geduld lieben wird. "Für mich ist "brennt´ vor allem ein Buch über die Langsamkeit", sagt Sudabeh Mohafez. Das innere Tempo ihrer Heldin unterscheide sich aufgrund ihrer Erlebnisse "sehr von den Tempi um sie herum, und das kann zu großen Schwierigkeiten führen". Sudabeh Mohafez weiß um die Schwierigkeiten unterschiedlicher Tempi. Ihr eigener Run durchs Leben mag manchmal zu rasant für die Welt um sie herum gewesen sein - und vielleicht auch zu schnell für sie selber.
Alternativland Deutschland
16 ist sie, als die Familie 1979 aus Teheran nach West-Berlin zieht. Der Schah ist gestürzt, man will die Kinder "im Alternativland" Deutschland in Sicherheit wissen, bis sich daheim die Wogen geglättet haben. Doch es gibt kein Zurück nach Persien, das sich bald "Islamische Republik Iran" nennt. Aus den avisierten sechs Monaten in Deutschland wird ein Daueraufenthalt. Noch im Jahr des Umzugs zerbricht die Ehe der Eltern - und Sudabeh Mohafez gerät fast ein Jahrzehnt lang ins Trudeln.
Sie habe keine Schwierigkeiten gehabt, sich einzugewöhnen in Deutschland. Auch die deutsche Sprache sei ihr durch die Mutter vertraut gewesen, erinnert sie sich. "Ich hatte einen deutschen Pass, und wir mussten nicht im Asylantenheim leben." Doch sei sie damals "bis zum Anschlag mit emotionalen Dingen beschäftigt gewesen. Ich habe innerlich wenig Fuß fassen können und hatte es schwer, einen Ort zu finden". Immer wieder zieht sie, die inzwischen Musik und Anglistik studiert, innerhalb West-Berlins um, eine Ruhelose in einer ruhelosen Stadt. Nach Abschluss des Studiums arbeitet sie in einem Frauenhaus, bis der tägliche Umgang mit verängstigten Kindern und geschlagenen Frauen sie kaputtzumachen droht. Die Erfahrun-gen mit häuslicher Gewalt verarbeitet sie in Erzählungen und ihrem ersten Roman "Wüstenhimmel, Sternenland". Da ist sie 41 Jahre alt.
Ihr Tagebuch, sagt Sudabeh Mohafez, sei über viele Jahre ihre Heimat, ihr fester Ort gewesen. "Ich habe manchmal bis zu acht Stunden Tagebuch geschrieben." Aus den Aufzeichnungen des täglichen Lebens werden irgendwann Skizzen, Szenen, kleine Geschichten, und so steht zu vermuten, dass die Geburtsstunde der Schriftstellerin Mohafez bereits Anfang der 80er Jahre schlug. Nach ihrer Kündigung im Frauenhaus geht sie für zwei Jahre nach Lissabon, um die Sprache zu lernen und um zu schreiben. Hier schreibt sie die ersten "Zehn-Zeilen-Geschichten", die sie in einem literarischen Blog zur Diskussion stellt.
Wundersame fantastische Geschichten
Jeden Morgen von neun bis 9.15 Uhr, erzählt Sudabeh Mohafez, habe sie an den Geschichten gearbeitet. "Ich wollte auf diese Weise in der deutschen Sprache drin bleiben." Die Regeln waren streng: "Eine Geschichte durfte zehn Zeilen nicht überschreiten. Ich durfte sie nur zwei Mal überarbeiten und nicht länger als 15 Minuten daran sitzen." Und so entstanden in der Kürze der Zeit wundersame, fantastische Geschichten wie die von der Hauptfigur, die einer Autorin beim Schreiben ausbüxt. Oder die vom Herrn V., der einen Kolibri besitzt, obwohl er sich "mit Kolibris nicht auskennt". 52 dieser Geschichten sind in diesen Tagen in der edition AZUR erschienen ("das zehn-zeilen-buch. zweiundfünfzig ultra kurze geschichten vom leben, lieben und schreiben"), und darauf ist Sudabeh Mohafez fast so stolz wie auf ihren neuen Roman.
Schreiben, sagt sie, "ist ein kontinuierlicher Verstehensversuch, ein kontinuierliches Beschäftigtsein mit Verstehen". Dem Verstehen von Menschen, von Zusammenhängen. "Mich interessiert das Schweigen und wie man mit Verschwiegenem lebt. Welche Folgen hat es, wenn man etwas verschweigt, welche Verknöcherungen der Seele zieht es nach sich? Und wie kann das Schweigen überwunden werden, wie kommt jemand zurück in den Fluss, in die Verständigung?"
Inzwischen lebt die Autorin in Stuttgart, einer Stadt, die wenig Aufregung bietet, und das ist gut so: "Stuttgart ist ein Ort, an dem man sehr geerdet leben kann. Er gibt mir Ruhe." Eine Ruhe, die sie in Berlin nicht finden konnte. Und so denkt Sudabeh Mohafez in der Ruhe von Stuttgart bereits über einen dritten Roman nach. Drei Seiten stehen bereits. "Sie wissen ja", sagt sie. "Ich bin eine sehr langsame Schreiberin." Das Warten dürfte sich lohnen.
Sudabeh Mohafez: "brennt", DuMont, 204 Seiten, 18,95 Euro
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