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Qualvolle Empathie einer Mutter

Ulrike Thimme rekonstruiert das Leben und Sterben ihres Sohns Johannes aus dem RAF-Umfeld

An Büchern von aus der Haft entlassenen, ehemaligen Mitgliedern der RAF herrscht ebenso wenig Mangel wie an mehr oder weniger gelungen Schriften über die RAF. Wenig weiß man dagegen von den Angehörigen der Mordopfer und fast gar nichts von den zahlreichen Angehörigen und Freunden der Täter. Jetzt liegt das rundum beeindruckende Buch der Mutter von Johannes Thimme vor, von dem man nicht einmal genau sagen kann, ob er wirklich zur RAF gehörte. Die pensionierte Gymnasiallehrerin Ulrike Thimme, Jahrgang 1923, brauchte achtzehn Jahre, bis sie die Geschichte ihres Sohnes aus Briefen, Tagebüchern, Aktenstücken und Erinnerungen rekonstruierte. Sie tut dies behutsam, ohne ausschweifende Spekulationen und strikt aus ihrer eigenen Perspektive. Erinnerung in der ersten Person Singular, wie man sie so konsequent durchgehalten nur selten trifft.

Eine debattierfreudige Familie

Das Buch

Ulrike Thimme: "Eine Bombe für die RAF. Das Leben und Sterben des Johannes Thimme von seiner Mutter erzählt". Verlag C.H.Beck, München 2004, 200 Seiten, 17,90 Euro.

Ulrike Thimme erzählt schnörkellos das Familienleben mit ihrem Mann, einem Museumskonservator, und den drei Mitte der fünfziger Jahre geborenen Söhnen. Johannes wurde als Mittlerer am Schalttag des Jahres 1956 in Erlangen geboren. Später lebte die Familie in der Nähe von Karlsruhe. Zu den Freunden der Söhne zählte auch der Beamtensohn Christian Klar, von dem aber Ulrike Thimme nur berichtet, was sie mit Sicherheit und aus eigener Erinnerung weiß - er war ein hagerer, freundlicher und intelligenter Junge. Die Thimmes waren "eine debattierfreudige Familie", und als Gymnasiasten gründeten die Heranwachsenden eine "Basisgruppe", in der über Politik und Gesellschaft, Herrschaft und Unterdrückung, Armut und Reichtum diskutiert wurde. Der Lateinlehrer, nicht jedoch die Mutter, empörte sich, als Johannes eine Klassenarbeit mit "Johannes Thimme, Unterdrückter des kapitalistischen Leistungssystems" unterschrieb.

Das Jahr 1973 verbrachte Johannes als Austauschschüler in einer kalifornischen Kleinstadt. Was ihn an der Provinz am meisten schockierte, war die politische Ahnungslosigkeit seiner Lehrer, Gasteltern und Mitschüler. Obwohl der Fernseher in der amerikanischen Gastfamilie häufig lief, bekamen die Vielseher vom Putsch in Chile gar nichts und vom Vietnamkrieg nur wenig mit. Von seinen amerikanischen Mitschülern vermochte keiner auch nur einen halbwegs brauchbaren Satz zu den Unterschieden zwischen Sozialdemokratie, Sozialismus und Staatskommunismus zu formulieren. Seine Erfahrung in der Gastfamilie bündelte der 17-jährige in einem Brief an seine Mutter mit dem Satz: "Das ist mir in der Zeit ja ziemlich klargeworden, dass autoritäre Erziehung eben nicht nur unfreie, sondern auch unglückliche Menschen produziert."

Im Wintersemester 1975/76 begann Johannes sein Studium in Tübingen: Politikwissenschaft, Sinologie, Soziologie. Die Mutter bemerkte, wie der Sohn "auf einen anderen Weg" gelangte und in politischen Diskussionen über die Haftbedingungen und die Zwangsernährung von RAF-Häftlingen aggressiv reagierte. Es war ja nicht nur die Zeit der Hungerstreiks in den Haftanstalten, sondern auch jene, in der deutsche Ministerpräsidenten öffentlich über die Vorzüge der Folter (Ernst Albrecht) oder des Pinochet-Regimes (Franz Josef Strauß) nachdachten.

Nachdem am 24. Juni 1976 ein scharfes Antiterrorgesetz in Kraft getreten war, geriet die nonkonformistische und politisierte Jugend gleichsam flächendeckend unter Verdacht, "kriminelle Vereinigungen" zu unterstützen, und wurde deshalb systematisch überwacht. Am 6. Dezember 1976 verhafteten die Polizei und das BKA Johannes erstmals für kurze Zeit, obwohl dieser niemals die Morde der RAF rechtfertigte - auch später nicht. Die Haft radikalisierte den Studenten, dem jetzt in seinen Briefen an die Mutter Wörter wie "Computer-Faschismus", "Vernichtungshaft", "Polizeistaat" oder "Gestapo" sehr leicht fielen.

Nach dem Mord an Bundesanwalt Buback und seinen Begleitern am 7. April 1977 fanden landesweite Großfahndungen in der "Sympathisantenszene" statt. Diese Szene war ein von BKA-Computern konstruiertes Aggregat von "Umfeldern", in die man sehr leicht hineinschlittern konnte. Johannes wurde am 4. Mai 1977 verhaftet wegen des Verdachts der "Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung". Er kam in Isolationshaft und trat in den Hungerstreik. Das Verhältnis zu den Eltern, die ihn regelmäßig besuchten, wurde immer schwieriger, brach aber nie ganz ab, obwohl die Eltern es nicht an klaren Worten fehlen ließen: "Wir können den Irrsinn, der in den Köpfen von verblendeten, zu Verbrechen entschlossenen Jugendlichen wie ein Krankheit ausgebrochen ist, nicht als Politik bezeichnen."

Nach fast einjähriger Haft kam es zum Gerichtstag in der Polizeifestung Stammheim. Johannes wurde zu 22 Monaten Gefängnis verurteilt - nicht wegen Taten, die man ihm vorwarf und nachwies, sondern wegen "zugedachter Aufgaben" (so das Urteil) , die er angeblich bei der geplanten und nie durchgeführten "Operation Margarine" übernehmen sollte. Für den Prozess und das skandalöse Urteil interessierte sich keine einzige Zeitung.

Von diesem Zeitpunkt an liest sich der Bericht von Ulrike Thimme wie ein Protokoll zur staatlich organisierten Produktion von Terroristen: "Eine Eskalation fand statt. Der Staat verfiel in Überreaktion" (Ulrike Thimme). 1981 wurde Johannes erneut verhaftet, weil er ein Flugblatt verteilte, in dem zur Solidarität mit den inhaftierten RAF-Leuten und deren Hungerstreik aufgerufen wurde. Die Mühle von Isolation, Kontaktsperre, schikanösen Personenkontrollen bei Tag und Nacht kam wieder auf Touren. Johannes kassierte 18 Monate Gefängnis, was Der Spiegel für "ein Urteil von grotesker Härte" hielt.

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Autor:  RUDOLF WALTHER
Datum:  7 | 6 | 2004
Seiten:  1 2
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