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Literatur

17. Januar 2016

Radek Knapp „Gipfeldieb“: Der melancholische Odysseus

 Von Artur Becker
Weihnachtsengel bei der Arbeit.  Foto: REUTERS

Die unstillbare Sehnsucht des Emigranten, zumal des polnischen: Der wunderbar unterhaltsame Schelmenroman „Der Gipfeldieb“ von Radek Knapp.

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Es gibt im neuen Roman des polnisch-österreichischen Bestsellerautors Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren, eine Szene, die nach der Lektüre jedem unvergesslich bleiben dürfte: Der Ich-Erzähler Ludwik Wiewurka – Pole, Mitte dreißig und seit mehr als zwanzig Jahren in Wien lebend – schaut sich ein Stück namens „Odysseus, der melancholische Emigrant“ an und lauscht besonders aufmerksam dem pathetischen Schlussmonolog, den Odysseus nach der Tötung der Freier Penelopes hält: Das ausländische Publikum tobt und gratuliert Odysseus zu seinem schauspielerisch und politisch gelungenen Auftritt. Ludwik verlässt jedoch den Theatersaal schnell, weil es ihm in dem Stück zu „stickig“ und „beklemmend“ geworden sei, vor allem nach dem Schlussmonolog über die Heimat und Fremde.

Man fragt sich: Was wurmt ihn eigentlich? Ludwik hat doch gerade seine österreichische Staatsbürgerschaft bekommen und ist im Theater unter seinesgleichen gewesen – unter Polen, Türken, Rumänen usw., die ebenso ihre Einbürgerung feiern durften, zumal ihr neuer Staat die Eintrittskarten bezahlt hat. Auf der Straße angekommen sinniert Ludwik über das Emigrantendasein: „Die Behörden in ganz Westeuropa bemühten sich recht ordentlich, die Fremden zu integrieren. (…) Der Westen hatte gute Absichten, er übersah nur einen Punkt. Dass es keinen Emigranten auf der Welt gibt, der sich selbst als Emigranten sieht.“

Das erfahren wir bereits auf Seite 43 und sind spätestens nach dem Theaterbesuch des Ich-Erzählers im Roman angekommen. Ludwik Wiewurka ist nicht nur ein kritischer Melancholiker und Ironiker, sondern auch ein Kind der westeuropäischen Aufklärung: Er braucht keine Bescheinigung, keinen Vertrag des österreichischen Staates, aus dem hervorgeht, dass seine Integration perfekt gelungen sei; die Belohnung in Form der Zuerkennung des österreichischen und damit westlichen Reisepasses empfindet er eher als eine Beleidigung seines Intellekts, ja als eine Entmündigung.

Man muss davon ausgehen, dass der Autor in seinem Schelmenroman nicht umsonst die Brücke zu Odysseus schlägt. In dem Aufsatz „Odysseus, Mythos oder Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno, geht es um die Entzauberung des weltberühmten Heimkehrers sowie seiner mythischen Abenteuer. Bei den Frankfurter Philosophen tritt Odysseus bereits als Lichtbringer und Aufklärer auf, weil er die Sirenen, den Zyklopen und Kirke überlistet und damit auch entzaubert hat – dank der Ratio wohlgemerkt; der Vertrag mit dem Mythischen wird also aufgelöst.

Wie ein Eichhörnchen

Aber wer ist eigentlich Ludwik Wiewurka – abgesehen vom Alter Ego des Autors – und was für Abenteuer erlebt er in Wien? Seine Geschichte beginnt schon mit seinem Nachnamen, dessen Schreibweise leicht verfremdet ist. Im Polnischen heißt „wiewiórka“ Eichhörnchen.

Knapp trifft mit dieser Namenswahl den Nagel auf den Kopf: Sein Ich-Erzähler ist Ableser bei der Firma Wasserbrand und springt wie ein Eichhörnchen in den sozial schwächeren Siedlungen der „Plüschstadt“ Wien von Wohnung zu Wohnung. Dabei ist er recht erfolgreich, nicht nur bei seinem Chef. Denn hinter den Türen der Kunden warten auf Ludwik die ungewöhnlichsten Begegnungen – mit Menschen und Tieren –, die wohl nur eine Weltstadt zu bieten hat. Er trifft einen Mieter, der mit einem Esel zusammenlebt, er trifft einen Bergsteiger, der Felsproben von Berggipfeln sammelt und sie in Glasvitrinen ausstellt wie in einem Mineralienmuseum. Man kann sagen, dass Ludwik auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Emigrant ist, der sich seit mehr als 20 Jahren in Wien mit für einen Schelm aus Osteuropa typischen Jobs durchschlägt: Würstchenverkäufer, Weihnachtsengel, Ableser. Er ist zudem Einzelgänger und Muttersöhnchen par excellence, der bei „Mama“ kiloweise Palatschinken verspeist und – nur damit das ödipale Bild komplett wird – die „Mama“ für seine Emigrantenmisere verantwortlich macht.

Ludwik verkörpert die beiden Mentalitäten dialektisch: den polnischen Eigensinn und die österreichische, von Thomas Bernhard so sehr gerühmte Eigenbrötlerei.

Die Begegnung mit dem Bergsteiger entpuppt sich als ein Glücksfall: Der gute Mann schenkt ihm einen ganz besonderen Gipfel, einen Handschmeichler, der ausgerechnet von einem polnischen Berg stammt … Nun trägt Ludwik „den polnischen Gipfel“ wie einen Talisman jeden Tag bei sich, und er kann ihn erst dann loswerden, als er sich in Schwester Sylwia, natürlich eine Polin, verliebt.

Er lernt sie in dem weltentrückten Altersheim „Weiße Tulpe“ kennen, wo er Zivildienst leistet. Es gelingt Ludwik, dem Wehrdienst bei der feindlichen Armee – nämlich bei den Österreichern – zu entkommen, und die Gespräche mit den Armeeärzten zählen zu den sarkastischen und satirischen Höhepunkten dieses insgesamt wunderbar unterhaltsamen Buchs.

Das Buch

Radek Knapp: Der Gipfeldieb. Roman. Piper Verlag, München 2015. 208 Seiten, 20 Euro.

Die Rückblenden aber, die sich mit der Kindheit von Ludwik befassen, sind die stilistisch poetischsten Stellen, denn in seiner Kindheit in der Provinz ist die Welt noch in Ordnung: Ludwiks Großvater ist Schuster, und das Enkelkind begleitet den weisen Mann bei seinen Kundengängen, der in seiner Alltagsphilosophie dem introvertierten Enkel auch einen Hauch von der Transzendenz seines Berufskollegen Jakob Böhme zu vermitteln weiß.

Unter diesen Kunden finden sich wieder romantisch versponnene Gestalten: Selbstmörder, die den Suizid um jeden Preis überleben wollen, verliebte Dirnen, die sich nur von Luft ernähren, Gänsehüterinnen, die nicht sterben können, obwohl sie längst Bewohnerinnen des Jenseits geworden sind.

Es ist diese magische Welt der Kindheit, an die Radek Knapp seine treuen Leser gewöhnt hat. Und wir kennen sie nicht nur aus seinen Büchern, wir kennen sie auch aus den Erzählungen von Isaac Bashevis Singer oder Bruno Schulz. In diesem osteuropäischen Sehnsuchts- und Mythenraum ist auch er aufgewachsen.

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