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Literatur

18. Dezember 2012

Raul Zelik „Der Eindringling“: Raul Zelik fragt nach den Mühen der Ebene

 Von Sabine Peters
Hier zeigen die Väter der Facebook-Generation, was sie unter Aneignung des öffentlichen Raumes verstanden.Foto: imago/Sven Simon

Raul Zelik erzählt in seinem neuen Roman „Der Eindringling“ ohne zu große Rührseligkeit von einem Vater-Sohn-Konflikt der anderen Art. Daniel ist jung und langweilig. Sein Vater Fil verließ die Familie, um sich seinem Dasein als radikaler Politaktivist zu widmen. Als Fil krank wird, muss Daniel sich ihm zwangsläufig annähern.

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Der klassische Vater-Sohn-Konflikt sieht etwa so aus: Ein niedergehaltener, rebellischer Sohn lehnt sich gegen seinen tendenziell konservativen und autoritären Vater auf, zerreißt die Ketten und sucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Raul Zelik, 1968 in München geboren, erzählt in seinem neuen Roman „Der Eindringling“ von einem anders gelagerten Konflikt: Daniel ist ein netter junger Langeweiler, der in Berlin studiert, um später als Lehrer eine vergleichsweise sichere Existenz zu führen.
Seine Interessen beschränken sich auf Trendsportarten und Facebook; Politik lässt ihn ziemlich kalt. Daniel wuchs bei seiner Mutter und ihrem späteren Freund auf, seinen leiblichen Vater Fil kennt er fast nur vom Hörensagen. Warum sollte er neugierig sein auf diesen ehemaligen Hausbesetzer, der für die Kleinfamilie nur Spott übrig hatte? Als Fil aber schwer krank wird und in ein künstliches Koma versetzt werden muss – eine Organtransplantation wäre nötig – nähert sich der Sohn ihm notgedrungen an. Er trifft einen Freund des Vaters, zieht in Fils Wohnung um, und allmählich entsteht ein genaueres Bild seines Erzeugers. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer Daniel eigentlich selbst ist oder wer er sein wollte.
Der Vater hat sich selbst immer die Freiheit genommen, sein Leben kompromisslos und nach den eigenen radikalen Vorstellungen zu gestalten. Ein „normales“ Familienleben mit Kindern schien vielen politischen Aktivisten aus dem Umfeld der Autonomen Mitte der 80er Jahre als Unmöglichkeit, zumal, wenn sie mit einem Bein in der Illegalität standen. Aus Daniels Frustration über den verantwortungslosen Vater wird Neugier, die sich augenblicksweise in Bewunderung, vielleicht sogar in Neid verwandelt.

Die Geschichte lässt vieles offen

Raul Zelik schildert diesen Prozess dankenswerterweise nicht als stringente, logische oder gar rührende Geschichte einer Vater-Sohn-Annäherung. Man erfährt nicht einmal, ob Fil aus seinem Koma aufwacht – überhaupt lässt die Geschichte vieles offen.
In seinem leider zu wenig bekannten, literarisch äußerst ambitionierten Roman „Bastard“ von 2004 (Assoziation A Verlag) hatte Zelik schon einmal junge Erwachsene zu den Protagonisten eines Buchs gemacht: Das waren dünnhäutige, grimmig irrlichternde und herzzerreißend nahegehende Grenzgänger mit Migrationshintergrund; schräge junge Helden mit Haltungen und einem illusionslosen, klaren Blick auf die globalisierte Welt.
Daniel, aus dessen Perspektive „der Eindringling“ geschrieben ist, wirkt gegenüber den Figuren des „Bastard“ zunächst entnervend ahnungslos und naiv – aber das Eindringen in das Leben des so fremden Vaters führt ihn zu Leuten aus Fils Geschichte, die sein Weltbild öffnen. So reist er nach Rumänien zu Michaela, die als Heranwachsende mit Fil befreundet war, als sie selbst noch in Westberlin lebte. Sie erzählt ihm aus den achtziger Jahren im linksalternativen Umfeld: „Alles habe sich ums Ende gedreht, … Atomtod, Waldsterben, Dritter Weltkrieg. Heute sei zwar auch Apokalypse, aber keiner gehe mehr hin.“
Zelik konfrontiert seine Hauptfigur in beiläufiger, unaufdringlicher Weise mit Fragen, die nach wie vor virulent sind: Ist man lediglich Objekt von Geschichte und Politik? Wie wird man zum politisch handelnden Subjekt? Und was ist politische Praxis – Plakate kleben, vegane Ernährung, Verzicht aufs Auto, Supermärkte plündern, Autos von beliebigen oder gezielt gewählten Besitzern anzünden? Was kann als „Aneignung“, etwa von öffentlichen Räumen verstanden werden, und was ist einfach destruktiv?
Zusammen mit Dietmar Dath und dem unter Pseudonym im Nautilus-Verlag schreibenden Schweizer Autor P.M. gehört Raul Zelik zu den diskussionswerten Schriftstellern, die in diesem Herbst Romane mit politischen Inhalten veröffentlichten: Bei ihnen geht es nicht um eine mehr oder weniger wohlfeile Kritik an denen „da oben“, an „den“ Managern oder Politikern. Es geht viel mehr um die Frage, welche Freiräume der Normalmensch unter den vorgegebenen Umständen erlangen kann.

Zelik psychologisiert gelegentlich

Nun könnte man gegen dieses Buch einwenden, dass es gelegentlich psychologisiert: Daniels Frage, wie viel vom Charakter seines Vaters in ihm selbst steckt, wirkt etwas theoretisch. Der Roman kommt formal und sprachlich konventioneller daher als „Bastard“; das hat vermutlich mit der bürgerlichen, behüteten Herkunft des naiven Helden Daniel zu tun.
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Die Qualität des neuem Buchs liegt in dem Versuch des Autors, aus einem linken Blickwinkel jüngere Zeitgeschichte darzustellen, ohne ins Denunzieren oder ins Verherrlichen zu kommen. Leute wie Fil waren von der Utopie eines weitgehend machtfreien Zusammenlebens geprägt. Daniel, der sich im Verlauf des Romans verliebt, ist beunruhigt und fasziniert von der Vorstellung, dass es in Freundschaft und Liebe keine Besitzansprüche, wohl aber Verbindlichkeit geben könnte – ein Spagat, der für die vielen indifferenten Leute seiner Generation schwer denkbar ist.

Die Idee, etwas ändern zu können, befremdet und reizt ihn: Vielleicht gibt es mehr als materiellen Erfolg bzw. als den verzweifelten Versuch, sich in neoliberalen Zeiten noch irgendwie zu situieren. Andererseits, was ist denn aus den Straßenkämpfern der achtziger Jahre geworden? Viele haben geerbt oder Karriere gemacht, und hat sich nicht Fil selbst als ordentlicher kleiner Buchhalter in einem selbstverwalteten Handwerksbetrieb eingerichtet? Aber bedeutet das wiederum schon, ein Spießer zu sein? Für einen wie Daniel ist es bereits ein eigenständiger, nicht zu unterschätzender geistiger Akt, das tief verinnerlichte Prinzip „Tina“ (there is no alternative) gedanklich zu verabschieden. So dass er schließlich das Gefühl hat, nicht mehr vor einer Wand, sondern auf einer Schwelle zu stehen.
Ein Entwicklungsroman, der aber nicht von der Nacht aus Affirmation und Beliebigkeit steil nach oben auf den lichten Gipfel der Emanzipation führt: Raul Zelik fragt nach den Mühen der Ebene.

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