Honoré de Balzac schreibt in „Die kleinen Nöte des Ehelebens“: „Man muss das ganze gesellschaftliche Leben durchforscht haben, um ein wahrer Romanschreiber zu werden, denn der Roman ist die private Geschichte der Nationen.“ In letzter Zeit haben die Turbulenzen der Welt, die vom Schmerz der Welt untergrabenen Hoffnungen die Aufmerksamkeit der Schriftsteller auf sich gezogen. Wir brauchen nicht einmal mehr die Keller des Gedächtnisses dieser oder jener Gesellschaft zu durchforschen. Alles ist an die Oberfläche gedrungen. Wir müssen nur zuhören, beobachten und dann schreiben.
Diese Turbulenzen haben meine Vorstellungswelt in Beschlag genommen; ich fühlte mich berufen, mit der Schreibfeder den etwas voreilig sogenannten „arabischen Frühling“ zu begleiten. Es fing an mit den von einfallslosen Journalisten als „Jasminrevolution“ bezeichneten Ereignissen, denn diese schöne Blume gilt in Tunesien als Symbol der Gastfreundschaft. Aus meiner Sicht ist hier auch das Wort „Revolution“ fehl am Platz und unangemessen.
Tahar Ben Jelloun wurde 1944 im marokkanischen Fes geboren. Er ging in Tanger aufs Gymnasium und studierte Philosophie in Rabat. Für seine Teilnahme an den Studentenaufständen wurde der junge Dichter 1966 mit Zwangsaufenthalt in einem Militärlager bestraft. 1971 erschien sein erster Gedichtband „Menschen unter dem Leichentuch des Schweigens“. Kurz darauf emigrierte Jelloun nach Paris.
Für seinen Roman „Die Nacht der Unschuld“ erhielt er als erster maghrebinischer Autor den Prix Goncourt.
Zuletzt erschien sein Essayband „Arabischer Frühling“ (Berlin Verlag 2011).
Manche Schriftsteller widmen sich dem eigenen Ego; das kann Meisterwerke ergeben, falls es sich um Marcel Proust handelt. Wenn die Welt überquillt vor Leiden, ist die Beschreibung des privaten Unglücks des Schriftstellers nur noch unanständig, denn es ist nur ein winziger Tropfen in den unermesslichen Tragödien, derer die Menschheit fähig ist.
Das Wort „Volk“ (peuple) wird immer weniger benutzt. Man spricht von Bevölkerung oder Gemeinschaft. Doch wer aus den Ländern des Südens stammt, billigt dem Begriff „Volk“ noch seine ganze Bedeutung zu. Wer auf sein Volk hört, ist bereit, die Worte all jener wiederzugeben und das Schweigen all derer zu übertragen, die hoffen und warten, dass jemand aus der Finsternis heraustritt, um ihr Leiden zu beschreiben und ihre Zukunft auszumalen.
Setz dich hin und hör zu
Der große algerische Dichter Kateb Yacine (1929−1989), der nach Jahren im Exil in sein Heimatdorf zurückgekehrt war, ging eines Tages dort in ein Kaffeehaus. Einer der Stammgäste erkannte ihn und fragte: „Du sagst doch, du bist Schriftsteller! Dann setz dich und hör zu.“ Schreiben ist an erster Stelle Zuhören. Schreiben bedeutet das Unsichtbare übertragen, jenes Geheimnis der Seelen, das allein der Künstler manchmal begreifen kann, und sollte er sich irren oder übertreiben, macht das auch nichts.
Der Schriftsteller legt Zeugnis ab, er ist ein wachsamer und manchmal aktiver Zeuge. Er sieht der Welt nicht zu, er beobachtet sie und manchmal nimmt er sie unter die Lupe, um sie intuitiv aus den Tiefen seiner Vorstellungskraft schöpfend, zu beschreiben.
Die Welt beschreiben ist eine Möglichkeit, sie ein wenig besser verstehen zu können. Wir wissen, Intelligenz ist in erster Linie das Unverständnis der Welt. Ich zitiere Henri Bergson: „Intelligenz ist charakterisiert durch die natürliche Unfähigkeit, das Leben zu verstehen.“ Wir müssen an das Geheimnis glauben und die Vernunft scheuen.
Wir sollten uns auch vor jenen hüten, die vorgeben, alles verstanden zu haben, und maßgeschneiderte Erklärungen parat haben. Das sind Fanatiker, Dogmatiker, denn sie leben nur von Gewissheiten. Schreiben bedeutet Zweifeln, ständige Unsicherheit. Wir müssen wissen, dass die Wahrheit rund ist, uns entgeht oder uns Illusionen vorspiegelt. Die Wahrheit wird oft zum Schatten, sie schwebt über unseren Köpfen, und wenn sie hervorbricht, überwältigt uns ihr Licht.
Jeden Tag erfahren wir, wie allgegenwärtig Lüge, Betrug, Korruption und sogar Verbrechen sind, so dass die Demokratie als System des Zusammenlebens verraten, verkleidet, veruntreut wird. Der Schriftsteller forscht unentwegt in dieser sozialen und politischen Pathologie. Er entdeckt die Grenzen der Literatur und begreift, dass auch das beste Buch angesichts der Mafia oder des großen politischen Elends kaum ins Gewicht fällt. Die von Kindern und Dichtern ausgesprochene Wahrheit hellt unsere Stimmung auf, doch sie behindert die Kultur des Stehlens und der Dekadenz in keiner Weise.
Der Zweifel ist eine Form der Annäherung an die Wirklichkeit. Zweifeln und ersinnen. Zweifeln und erfinden. Ein Roman ist einzig und allein ein Erfindungsprozess, bei dem die Figuren unter der Feder des Schriftstellers geboren werden und sterben. Die innere Glaubwürdigkeit des Romans hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Wir schreiben aus der Finsternis heraus, die uns beherrscht, und hinter dem Morgengrauen verbirgt sich manchmal eine unaussprechliche Tragödie. Dann wird das Schreiben zu einem Abenteuer, bei dem wir zwischen der Trauer und dem Nichts wählen sollten. Es geht darum, zu schreiben und zu sprechen, auf einer Grundlage, die über das von uns Sichtbare hinausgeht. Faulkner nennt es den „Schoß der Zeit“, den er folgendermaßen beschreibt: „Der Schmerz und die Verzweiflung aufbrechender Knochen, die harte Scheide um die vergewaltigten Innereien der Ereignisse.“
Schreiben für die Freiheit
In erster Linie ist der Mensch eine Ratte gegenüber seinem Nächsten. Doch die Opfer sind nicht wirklich die Verlierer, denn, wie Montaigne sagt, „jeder Mensch trägt in sich die Gesamtform des Menschseins“. Schreiben zielt nicht zuletzt auf das Herstellen unserer Freiheit ab. Wir schreiben nicht folgenlos, weder um die Zeit zu vertreiben, noch um den Mächtigen zu gefallen.
Jedes Buch trägt bei zum Gedächtnis der Welt. Ich meine hier natürlich große Werke, die uns beim Leben geholfen und uns erwachsener gemacht haben, wie Cervantes’ „Don Quijote“, wie „Tausendundeine Nacht“, wie James Joyce’ „Ulysses“, wie Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, wie Célines „Reise ans Ende der Nacht“, wie Jean Genets „Tagebuch eines Diebes“ oder Thomas Manns „Zauberberg“. Zu diesem Pantheon gehören die auch großen Dichter, die die Menschheit erleuchtet haben, auch wenn deren Unzulänglichkeit und Grausamkeit so unverhohlen sind, dass man nicht mehr weiß, was man tun oder denken soll. Unser Durst nach Gerechtigkeit ist unstillbar.
Zurück zum Frühling und zum der Revolution zugeordneten Jasmin. Der Schriftsteller kann sich beim Benennen der Tatsachen und Dinge keine Fehler erlauben. Die Ereignisse Ende 2010, Anfang 2011 in Tunesien und Ägypten waren Revolten und keine Revolutionen. Hier bedeutet Revolte Wut, Erbitterung, radikale Ablehnung eines würdelosen Lebens. In Bezug auf Tunesien spricht man von „Jasminrevolution“. Jasmin ist hübsch. Doch eine Revolution ist kein Picknick an einem Sonnentag. Ich möchte die Bedeutung der Ereignisse in Tunesien und Ägypten keinesfalls herabwürdigen. Doch Wut ist keine Ideologie, sie ist eine körperliche Reaktion, ein Ausdruck der Unerträglichkeit. Hinter den Millionen Demonstranten stand weder eine Partei noch ein Anführer oder ein Programm.
Nietzsche hat einen Satz geschrieben, der eines der Zehn Gebote sein könnte und den auch der Islam nicht verwerfen würde: „Was ist dir das Menschlichste? Jemandem Scham ersparen.“ Demütigen bedeutet den Schwächeren Scham einflößen, sie mit Verachtung schlagen, sie als Untertanen behandeln, über die man nach Belieben verfügen kann. Als Ben Ali unter dem Vorwand des Kampfes gegen den islamistischen Terrorismus seiner Polizei befahl, alle Oppositionellen zu verhaften, sie zu foltern und sogar umzubringen (genau wie sein Kollege Mubarak), war das nicht nur eine Schandtat, sondern ein Verbrechen. Wenn das Verbrechen allgegenwärtig wird und die Demütigungen alle armen Menschen niederzwingen, befinden wir uns im Zustand der Barbarei. Es hat seine Zeit gebraucht, bis das Volk reagiert hat, doch als es dann auf die Straße ging, wurde die lange zurückgehaltene Wut zum Motor, zur Dynamik der Revolte.
Der Islamismus aber definiert sich durch eine wörtliche Auslegung des Korans, die jedoch seinen Geist negiert. Die Verfechter eines radikalen fanatischen Islams sind im allgemeinen Ignoranten, denn für sie gibt es keine anderen Texte als die religiöse Schrift. Dadurch grenzen sie jede Art von Literatur aus, denn in ihren Augen beruht jede literarische Schöpfung auf „schlechten Neigungen“ und verderbten Schwachstellen der Gesellschaft. Man kann den Islamismus als geistige Sperre bezeichnen. Er ist eine pathologisch gelebte Regression, die jeden abweichenden Diskurs ausschließt. Zum Glück wurden die Revolten in der arabischen Welt weder von den Islamisten initiiert, noch spielten diese dabei eine wesentliche Rolle. Sie mussten bei dieser Gelegenheit feststellen, dass ihre ideologische Software überholt ist und die Jugend nicht mehr überzeugt.
Wie kann man über eine laufende Revolte schreiben? Sollte man abwarten oder sich lieber selber beteiligen, indem man schreibt, beschreibt, entmystifiziert, erklärt? Wer inmitten der Ereignisse schreibt, läuft Gefahr sich zu irren, doch ich wollte nicht tatenlos zusehen. Die Opfergeste von Mohamed Bouazizi hat mich erschüttert. Ich habe mehrere Artikel geschrieben, dann habe ich beschlossen, von den Ereignissen zu erzählen.
Ich habe mir Bouazizis Geschichte vorgenommen und einen kurzen literarischen Text verfasst, ohne Adjektive, ohne Brimborium. Ich wollte einen trockenen, direkten, auf das Offensichtliche reduzierten Text. In meinem Kopf spukten die unvergesslichen Bilder aus Vittorio de Sicas „Fahrraddiebe“, einem universal gültigen Meisterwerk des italienischen Neorealismus. In „Der Funke“ habe ich mir die Wochen und Tage vor Bouazizis Selbstverbrennung am 17. Dezember 2010 ausgemalt. An jener höchst symbolischen und tragischen Tat hat mich interessiert, was dahintersteckte, was dem vorausging. Wie kommt ein Mensch dazu, sich so umzubringen in einem Land, in dem es keine Tradition des Selbstmords durch Verbrennung gibt? Umso mehr, als der Islam wie die anderen monotheistischen Religionen jede Art von Selbstmord verbietet.
Der Wind der arabischen Revolten verändert die Richtung, erfasst andere Länder und gerät mancherorts ins Stocken; in Libyen und Syrien wie auch im Jemen und in Bahrain wurden die Demonstranten von Maschinengewehren niedergemäht. Tausende Tote. Und die Ohnmacht der Welt. Die noch offensichtlichere Ohnmacht der Literatur. Schweigen und resignieren ist jedoch auch keine Lösung. Vielleicht verringern Worte und Sätze die Leiden nicht, vielleicht ist es sogar grausam, eine schriftliche Erinnerung zu schaffen. Doch wir müssen schreiben, aussprechen, uns vorstellen, entlarven, schreien.
Jorge Semprun zitiert André Malraux: „Ich suche die entscheidende Region der Seele, wo das absolute Böse sich der Brüderlichkeit entgegenstellt.“ Ich denke, das absolute Böse braucht keine Seele. Es ist absolut, gerade weil es seelenlos ist. Aus dieser Feststellung schöpft die Literatur ihre Energie. Wie Jean Genet sagt: „Man ist kein Künstler, wenn nicht ein großes Unglück mit im Spiele ist.“ Literatur existiert nicht, um zu reparieren oder zu heilen, sondern einfach, um da zu sein, damit wir uns der Illusion hingeben, Herren unseres Schicksals zu sein. Und das stimmt offensichtlich nicht oder ist in jedem Fall höchst unwahrscheinlich.
Zeugnis abzulegen, reicht nicht
Der Schriftsteller ist Zeitzeuge. Aber es reicht nicht, Zeugnis abzulegens. Wir müssen darüber hinausgehen und wagemutig übertragen, was wir nicht sehen können. Manche schreiben, um nicht verrückt zu werden, andere aus Schwäche, wieder andere, wie Beckett, weil sie „zu nichts anderem taugen“, andere, wie Faulkner, weil „die zwielichtige und lächerliche Finsternis der Welt“ sie fesselt, und dann sind da jene, die schreiben, weil sie untröstlich sind und sich im Speicher der Worte verirren. Manche wähnen, sie könnten die Menschen verändern. Doch Thomas Bernhard hat es uns immer wieder gesagt: „Kein Schriftsteller hat jemals die Gesellschaft verändert. Alle Schriftsteller sind gescheitert. Es hat immer nur gescheiterte Schriftsteller gegeben.
Das Wissen darum stärkt uns. Doch mehr denn je müssen wir schreiben und alles tun, um Schönes, Starkes zu schreiben, auch wenn sich die Menschheit immer mehr im Schein, im Mittelmaß und im Hässlichen suhlt. Doch von Zeit zu Zeit erstaunt und bewegt uns diese Menschheit. So war es während des arabischen Frühlings, der weiterlebt um den Preis des Blutes unschuldiger Menschen.
Das menschliche Leben steht im Zentrum des literarischen Schaffens. Wir müssen uns an seine Fersen heften, seine Erschütterungen verfolgen, Spuren der Hoffnung ausfindig machen und schreiben. In diesem Moment muss das Verbrechen gegen die Menschlichkeit Eintritt in die Literatur finden. Der Romanschriftsteller kann nur mit größtmöglicher Aufrichtigkeit schreiben, ganz einfach weil es seine Pflicht ist.
Gekürzte Fassung der Rede, die Tahar Ben Jelloun am Mittwoch im Haus der Berliner Festspiele hielt. Aus dem Französischen von Christiane Kayser.