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Literatur

24. Juli 2015

Religion und Kunst: Nichts geht verloren, nichts ist abgelaufen

 Von Dirk Pilz

Ein erstaunliches, feines Buchprojekt von Johannes Rauchenberger über die Religion in der zeitgenössischen Kunst.

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Es gibt ein Bild der Video- und Fotokünstlerin Nives Widauer, das Papst Johannes Paul II. zeigt. Er kniet, die rechte Hand stützt dabei den Kopf, in der linken hält er ein Buch. Es ist ein Gebetsbuch, auf dem Cover steht „Nietzsche“. Das kulturelle Gedächtnis will, dass dem Betrachter hier sofort der berühmte Abschnitt aus Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“ einfällt, in dem ein „toller Mensch“ den Tod Gottes verkündet.

Das ist von schöner Ironie: Der Papst im Nietzsche-Gebet. Heißt: Die These vom Tod Gottes hat keinen Papst und keine Kirche abgeschafft, den Glauben schon gar nicht – sie wurde religiös eingemeindet. Auch schön, dass dieses vor fünf Jahren entstandene Bild Widauers eine Stickerei ist, sich also einer Technik bedient, die eher im kunstgewerblichen Alltagszeitvertreib, nicht in den heiligen Hallen der Kunst vermutet wird: Der Tod Gottes ist zur Banalität herabgesunken, zur billig nachgeplapperten Meinung.

Hat das je gestimmt?

Dieser Gott ist eben schon ziemlich lange tot: „Die fröhliche Wissenschaft“ erschien vor gut 130 Jahren. Aber Nietzsche schrieb dort auch, dass alle Götter verwesen – und das gilt auch von seiner eigenen Gott-ist-tot-Vermutung, die zum mächtigsten Gott der Moderne geworden ist. Stimmt sie noch? Hat sie je gestimmt? Das Bild von Nives Widauer antwortet: weder – noch. Weder ist Gott vom Tod auferstanden, noch war er je tot. Das gilt religionsgeschichtlich, gesellschaftspolitisch, theologisch – und in der Kunst.

Bereits 1957 hat der Kunsthistoriker Wolfgang Schöne behauptet, der christliche Gott habe zwar eine reiche, umfassende Bildgeschichte gehabt, diese Geschichte sei aber abgelaufen. Johannes Rauchenberger, Kurator, Kunstwissenschaftler und seit fünfzehn Jahren der überaus findige Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz, beweist nun das Gegenteil. Er hat jetzt ein Werk veröffentlicht, das Buch und Museum zugleich ist. Unter dem cleveren Titel „Gott hat kein Museum“ lädt es zum Flanieren durch die Gegenwartskunst ein, immer mit Blick darauf, wie sie es mit der Religion hält, dankenswerterweise aber frei von jedem missionarischen Eifer. Weder will er die Religion vor der Kunst verteidigen, noch bringt er die Kunst in Frontstellung zur Religion.

Drei Bände hat dieses Buch. Es will ein virtuelles Museum sein, es versammelt nicht, was verloren zu gehen droht, eine christliche Kunst oder Kirchenkunst etwa, sondern will „Ausschau halten, was sich in der Gegenwart ereignet“, wo und wie und warum Religion in den Bildenden Künsten international vorkommt. Sie tut es sehr verschieden – unter einen gemeinsamen Nenner lassen sich die gut 100 hier dokumentierten Künstler nicht bringen. Außer eben, dass für sie Religion keineswegs ins Museum, zum Gestern gehört.

Ergänzt durch erhellende Essays, kleinere Künstlerporträts und Interviews lässt sich anhand dieser drei schweren Bände mit ihren zahlreichen Abbildungen bestens erkunden, wie viel ästhetische Energie in den Entfremdungskonflikten und Nahverhältnissen von Kunst und Religion steckt. Nein, die Bildgeschichte der Religionen ist nicht zu Ende, sie hat vielmehr ein neues Kapitel aufgeschlagen. Wer die Kunst, die Politik, die Religion in der Gegenwart verstehen will, wird dieses virtuelle Museum immer wieder besuchen.

Johannes Rauchenberger: Gott hat kein Museum. Religion in der Kunst des beginnenden 21. Jahrhunderts. Deutsch und Englisch, übers. von Otmar Lichtenwörther, 3 Bände, Verlag Ferdinand Schönigh, Paderborn 2015, 1117 S., 148 Euro.

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