Literatur

26. April 2012

Renaissance: Der Ruck in die Moderne

 Von Ruth Fühner
Porträt des Florentiner Bücherjägers Poggio Bracciolini.  Foto: Staatliche Gemäldegalerie Berlin

Soeben erschienen: Stephen Greenblatts große Erzählung über die Renaissance, für die der Harvard-Professor auch den Pulitzerpreis erhalten hat.

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Der deutsche Titel des Buches führt in die Irre. Der Harvard-Professor Stephen Greenblatt, bekannt geworden vor allem als Shakespeare-Forscher, zielt nicht auf die Gesamtheit jener Kräfte, die aus Huizingas „Herbst des Mittelalters“ die Renaissance hervortrieben. Anders als Peter Burke, der die literarische und künstlerische Komplexität des humanistischen Umbruchs nicht nur im italienischen Zentrum, sondern auch an der Peripherie, im Osmanischen Reich oder in Peru in den Blick nimmt, anders als John Hale, der in der „Wiedergeburt“ der Antike den Ursprung Europas sucht, präpariert Greenblatt aus dem Geflecht der Ideen- und Wirkungsgeschichte der Renaissance einen einzelnen Strang heraus.

Im Zentrum seines fesselnden Buches steht der Text „De rerum natura“ des römischen Dichters Lukrez. Mit dem Glücksfund des Florentiner „Bücherjägers“ Poggio Bracciolini, der, nach der Gefangennahme seines ehemaligen Arbeitgebers, Papst Johannes XXII., in einem deutschen Kloster – bis heute ist unklar, in welchem – eine mittelalterliche Kopie dieses antiken Lehrgedichts auftreibt, beginnt Greenblatts Erzählung.

„Im Winter 1417 reitet Poggio Bracciolini durch die bewaldeten Täler und Höhen Süddeutschlands seinem fernen Ziel entgegen …“ Ein derart spannungsgeladener Auftakt könnte den Argwohn wecken, Greenblatt habe einen populärwissenschaftlichen Historienroman geschrieben. Dem ist nicht so. Eher leistet er für die Wissenschaftsprosa das, was Bracciolini schon an Lukrez faszinierte: die Verschwisterung von Gelehrsamkeit und Eleganz.

Greenblatt macht keinen Hehl aus seiner Bewunderung für das Werk des Lukrez, an dessen aktueller englischer Edition er maßgeblich beteiligt ist. Das betrifft nicht nur die herausragende poetische Qualität des Textes. Greenblatt baut das modern anmutende materialistische Weltbild des Römers indirekt, aber in unübersehbarer polemischer Absicht als Gegenpol zu jenem „intelligent design“ auf, das in den USA die Frontstellung gegen Evolutionstheorie, Säkularisierung und das Projekt der Moderne überhaupt markiert „How the world became modern“ lautet der Untertitel der englischen Originalausgabe, und nicht zufällig steht am Ende des Buches das Bekenntnis Thomas Jeffersons, Vaters der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, zum Epikureertum.

Vergnügen als Lebensziel

Wie sein griechischer Lehrer Epikur sieht Lukrez das Universum in seiner Vielfalt aus kleinsten Teilchen, Atomen, zusammengesetzt, die in einem endlosen Prozess von Schöpfung und Zerstörung ihre evolutionäre Richtung allein durch den Zufall erhalten – jene kleinen Abweichungen, Rucks, die dem Buch den englischen Titel gegeben haben: „The Swerve“. In diesem Universum gibt es keinen Schöpfergott und keine privilegierte Stellung für den Menschen. Für Lukrez – wie für Greenblatt – kein Grund für Furcht und Schrecken: Wenn es weder die Hölle noch auf Erden Sicherheit gibt, wird der Blick des Menschen frei für die Schönheiten der Welt und für ihren Genuss.

Stephen Greenblatt hat den Pulitzerpreis gewonnen.
Stephen Greenblatt hat den Pulitzerpreis gewonnen.
Foto: dapd

Ein Gedanke, zu radikal selbst für versessene Antiken-Ausgräber wie Poggio und seinen humanistischen Freundeszirkel. Die Befreiung, die der „Ruck“ dieses Fundes vorbereitete, vollzog sich langsam und zunächst durchaus nicht in direkter Konfrontation mit der Frömmigkeit des Mittelalters und ihrer Feier des Schmerzes. Greenblatt beschreibt, mit welchen unterschiedlichen Methoden der subversive Gehalt von „De rerum natura“ in den Jahrzehnten, Jahrhunderten nach seiner Wiederentdeckung entschärft wird: durch Hymnen auf Lukrez’ glänzenden Stil bei gleichzeitiger Distanzierung vom Inhalt (Poggio), in der scholastisch-dialogischen Widerlegung seiner Argumente, oder so, wie es Thomas Morus in seiner „Utopia“ macht: er rehabilitiert das Vergnügen als Lebensziel, stellt aber die Leugnung der göttlichen Vorsehung und des Ewigen Lebens unter Strafe.

Ganz folgerichtig stellt Greenblatt auch nicht Burckhardts „uomo universale“ in den Mittelpunkt. Folgerichtig, weil der Mensch schon bei Epikur nicht als Krone der Schöpfung im Zentrum der Welt steht – aber auch, weil er an Individuen wie Poggio und seinen Freunden eher die Verfangenheit in der Tradition betont als den Schritt ins Freie.

        

Stephen Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Siedler, München 2012. 343 S., 24,99 Euro.
Stephen Greenblatt: Die Wende. Wie die Renaissance begann. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Siedler, München 2012. 343 S., 24,99 Euro.

Trotzdem entfalteten die Zumutungen von Lukrez’ sinnenfroher Dichtung ihre Wirkung schon unter Poggios Zeitgenossen. Hier allerdings, wo es spannend würde, etwa in den Bildprogrammen eines Botticelli, belässt es Greenblatt leider bei Andeutungen. Dafür bietet er reiches Anschauungsmaterial für die Buch- und Lesekultur von den Bibliotheken des Alten Rom über die Schreibstuben mittelalterlicher Klöster (wobei das irrwitzigste Wunder jene Regel ist, die die Mönche zum Lesen verpflichtete und so unfreiwillig zum Überleben der verdammten heidnische Texte beitrug) bis zur Entdecker- und Sammelwut der italienischen Humanisten, die in der Antike eine Schönheit und Größe suchten, die sie in ihrer Gegenwart vermissten – so wie Poggio, der als apostolischer Sekretär nicht nur intimen Einblick hatte in Diplomatie und Intrigen in der Kurie, sondern auch den Abstand ermessen konnte zum Römischen Imperium von einst.

„Die Wende“ ist ein glänzend erzähltes, kenntnisreich souveränes Buch über einen bisher wenig beachteten Faden im schillernden Gewebe, als das die Renaissance bis heute fasziniert.

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