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Rettung für Mitteleuropa

Tomi Mäkeläs Buch zu Jean Sibelius räumt Rezeptions-Schutt beiseite

Kann es sein, dass ein kleiner, giftiger Text imstande ist, ein ganzes Lebenswerk madig zu machen? Tatsächlich gelang das mit der "Glosse über Sibelius" von Theodor W. Adorno, die nach dem letzten Weltkrieg den musikintellektuellen Umgang mit dem finnischen Komponisten zumindest in Mitteleuropa stark beeinflusste und nahezu lenkte. Adorno, ohnedies einer der meistzitierten Musikdenker des vorigen Jahrhunderts, wurde mit wenigem so wahr- und ernstgenommen wie mit dieser den Umfang einer Zeitungsglosse nicht überschreitenden Polemik, und im Guten wie im Bösen berief sich jeder darauf, der in unserer Weltgegend seither über Sibelius schrieb.

Der Frankfurter Philosoph hatte zwar Strawinsky als eigentlichen Antipoden des Modernitätskonzepts von Schönberg konstruiert; daneben erschien ihm Sibelius als abseitig und irrelevant, in eine musikhistorische Rumpelkammer gehörig. Gleichwohl ärgerte sich Adorno in den dreißiger Jahren im amerikanischen Exil über die hohen Aufführungszahlen des finnischen Symphonikers zumal in den angelsächsischen Ländern. So schlug er zu - und wäre gewiss nicht unzufrieden gewesen, wenn seine Auslassung für den unliebsamen Künstler einen Vernichtungsschlag bedeutet hätte.

Der Kultur- und Musikwissenschaftler Tomi Mäkelä, Landsmann von Sibelius und seit langem in Deutschland lebend (er ist Professor in Magdeburg), beschäftigt sich in seinem gewaltigen Sibelius-Buch besonders mit der mitteleuropäischen Rezeption dieses Oeuvres und widmet sich ausführlich und immer wieder auch der Rolle Adornos dabei. Er tut das respektvoll, etwa nach der Devise, dass die Irrtümer großer Autoren noch fruchtbarerer Diskussionsstoff sein könnten als die Korrektheiten der unerheblicheren. Es entsteht eine faire Gegenposition zu Adornos anregender, aber wenig sachkundiger Invektive. Sie hat Gewicht, zumal Mäkelä (auf Deutsch) sich als ein erstaunlich brillanter Stilist erweist, der auf 500 Seiten eine anspruchsvolle, niemals ermüdende Prosa präsentiert.

Natürlich räumt er auf mit dem auf Sibelius gemünzten "Krähwinkel"-Verdikt Adornos und stellt die urbane, gesamteuropäische Orientierung des Komponisten klar, der sehr wohl die neuesten Entwicklungen seiner Zeit wahrnahm, sich aber einen eigenen Weg suchte. In seinen wichtigsten Werken - etwa der 4. und 7. Symphonie und der späten symphonischen Dichtung "Tapiola" - gewann er expressives und satztechnisches Neuland. Mit dem Projekt seiner nie fertiggestellten 8. Symphonie beabsichtigte er zweifellos eine gültige Alternative zu den Arbeiten der Schönbergschule. Dass er damit offenbar nicht zurande kam (vor seinem Tode vernichtete er sämtliche Skizzen des Werkes), war ein tragischer biographischer Umstand, der freilich seinen (partiell vielleicht konservativen, aber nicht reaktionären) Ansatz und sein früheres Schaffen nicht zu entwerten vermochte.

Mäkelä widmet sich in vielen gleichsam essayistischen Einzeluntersuchungen den verschiedensten Aspekten des Sibelius'schen Oeuvres, setzt die Musik auch immer wieder in Beziehung zu den manchmal erhellenden, oft aber auch kryptischen oder gar irreführenden Selbstkommentaren des Komponisten (wobei erstmals in einem deutschen Text auch die Sibelius-Tagebücher zu Rate gezogen werden). Mag sein, dass die Begeisterung des monographischen Forschens auch dem Kleinen und Unbedeutenden gelegentlich zuviel Ehre erweist. Der durchaus ebenso geld- wie ruhmgierige Künstler hat sich vom Markt oft zu allerlei klingelnder Unbedarftheit verleiten lassen. Einer auratischen Pièce wie der "Valse triste" wird aber doch wohl zu Recht die Aura sogartiger Unwiderstehlichkeit verliehen. Der nicht leicht zu erschließende Werkblock der Lieder (die meisten in Sibelius' schwedischer Muttersprache geschrieben, wenige auf Finnisch oder Deutsch) findet in Mäkekläs verbaler Beschwörung gebührende Plastizität.

Ausdrücklich vermeidet Mäkeläs Buch die Kennzeichnung als "Biographie"; dem auf ein Zitat von Sibelius zurückgehenden Haupttitel ("Poesie in der Luft") ist ein präziser Untertitel beigegeben: "Jean Sibelius. Studien zu Leben und Werk". Mäkeläs Scheu vor der biographischen Gesamtdarstellung geht wohl auf Carl Dahlhaus zurück, nach wie vor eine Vaterfigur für deutschsprachige Musikwissenschaftler. Umso bewundernswerter, wie aus der thematischen Umkreisung allmählich auch die Person des Komponisten hervortritt, das Porträt eines Schwierigen und Zerrissenen, eines Universalisten zudem, der im Part des finnischen Nationalkünstlers keineswegs aufging, eines Tonsetzers, der mit seiner Haltung zur Zeit und den Zeitgenossen gerade auch wieder der gegenwärtigen Situation nach dem Ende moderner Orthodoxie näher rückt. Mäkelä, gründlich, aber kein Fliegenbeinzähler, macht die Lektüre durch unzählige, stets erhellende Querverweise auf Kunst, Kultur und Politik des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts spannend. Dem Verlag ist ein schön und nahezu opulent ausgestatteter Band zu danken.

Autor:  HANS-KLAUS JUNGHEINRICH
Datum:  31 | 10 | 2007
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