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CHRISTOPH SCHRöDER: Revolution des Kitsches

Romantisches Spritzinstrument: Erin Cosgroves " Baader-Meinhof-Affäre"

Die Illustrationen dieser Literatur-Rundschau stammen von Larissa Bertonasco, von der soeben das Kochbuch La nonna La cucina La vita im Gerstenberg Verlag erschienen ist. Mehr Informationen und weitere Illustrationen unter www.bertonasco.de.
Die Illustrationen dieser Literatur-Rundschau stammen von Larissa Bertonasco, von der soeben das Kochbuch "La nonna La cucina La vita" im Gerstenberg Verlag erschienen ist. Mehr Informationen und weitere Illustrationen unter www.bertonasco.de.

Wer als junger Gegenwartskünstler etwas auf sich hält, muss unbedingt irgendetwas mit der Roten Armee Fraktion machen. Die Wohnung nachbauen, in der Schleyer gefangen gehalten wurde, beispielsweise. Oder eben einen Roman schreiben, in dem sich die selbst ernannten Nachfahren von Baader, Meinhof und Ensslin auf dem Campus eines amerikanischen Elite-Colleges der Gegenwart tummeln. Ganz wichtig ist der Stil. Der Stil ist alles. Denn die RAF ist mittlerweile Pop. Oder sie war es schon immer, man hat es nur erst spät bemerkt.

Man trägt demonstrativ abgewetzte Kleidung. Man fährt ausschließlich BMWs 2002, den Terroristen-Klassiker der Siebzigerjahre, studiert Germanistik und trifft sich zur RAF-Lesegruppe. Der schöne Holden (Baader) trifft die so schöne wie dümmlich-naive Mara (Meinhof), man verliebt sich, redet viel wirres Zeug über die Revolution und die Ungerechtigkeit der Welt, am Ende explodiert eine Bombe und endlich gibt es dann auch Sex.

Das Buch

Erin Cosgrove Die Baader-Meinhof- Affäre. Ein romantisches Manifest Roman Aus dem amerikanischen Englisch von Hans Schmid. Blumenbar Verlag, München 2005, 333 Seiten, 18 Euro.

Ziemlich zu Beginn steht Mara im Zimmer von Regan (Ensslin) vor einem alten Fahndungsplakat: "Die Frisuren und das minimale Makeup sagten Mara, dass die Fotos entweder aktuelle Beispiele für 70er-Jahre-Retro waren oder tatsächlich aus den frühen 70ern stammten. So oder so waren die Fotos stark stilisiert, wie Verbrecherfotos, und sie wirkten sehr modisch."

Darum geht es, und um mehr leider nicht, denn so sehr die New Yorker Künstlerin Erin Cosgrove (die auch mit einer Arbeit bei der Berliner Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors" vertreten ist) ihren vollkommen banalen Revolutions-Schick-Kitsch ironisch abzufedern versucht und ganz offen als Kitsch deklariert - er bleibt, auf übergeordneter Ebene, trotzdem Kitsch der abstrusesten Sorte. Aber wenigstens (wie bei Blumenbar üblich) sehr hübsch gestaltet.

Der kalkulierte Trashfaktor dieses so genannten romantischen Manifests ist natürlich unübersehbar, erträglich ist er (nicht deswegen, sondern dennoch) kaum. Erträglich ist nicht die offensichtliche Dämlichkeit der Figuren, auch nicht die Plattheit der Gespräche und Parolen und schon gar nicht die sich immer wieder in kursiven Passagen einschaltende blöd quatschende Erzählstimme, die Sätze von sich gibt wie "Auch wenn die RAF zu Beginn idealistische Ziele gehabt haben mag, denke ich doch nicht, dass es angemessen war, 30-Kilo-Bomben zu verwenden, um Bürger der USA und Deutschland kaltblütig und ohne Vorwarnung zu töten und zu verstümmeln." Na so was.

Das Argument, man ginge mit seinem inneren Widerstand hier dem Kalkül der Autorin auf den Leim, zählt nicht - lesen muss man diesen (zutiefst amerikanischen) Unsinn schließlich trotzdem.

Als am Ende, nach all der romantischen, hippen - pardon - Hirnwichserei und den mehrtägigen Baader-Meinhof-Passionsspielen, sich endlich die Liebe als wahre revolutionäre Kraft zeigt, klingt das dann so: "Sein Spritzinstrument drang in ihr feuchtes Zielgebiet ein und ließ sie in Wellen der Sinnenlust explodieren. Als er ihr Schützenloch unter Strom setzte, musste Mara vor Freude laut aufschreien." Genossinnen und Genossen, leistet Widerstand. Liebt euch, aber lest nicht. Zumindest nicht das hier.

Datum:  16 | 3 | 2005
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