Nach dem weltweiten Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems im Herbst 2008 sind sich fast alle darüber einig, dass sich etwas ändern muss. Angela Merkel wünscht sich eine "menschliche Marktwirtschaft", und Nicolas Sarkozy hält "die Idee, dass der Markt immer recht hat" für "eine verrückte Idee". Für den Nobelpreisträger Edmund S. Phelps ist schlicht "ein neues Denken nötig". Die Konsequenzen aus solchen Einsichten sind noch nicht zu erkennen, aber einige Akteure sind schon jetzt guten Mutes, dass das Spiel auch weitergehen könnte wie bisher. Kritikern des "Ökonomismus", d.h. einer Wirtschaftsauffassung jenseits von Ethik und Moral und einer "Marktlogik", die auf das Recht des Stärkeren hinausläuft, werden jedenfalls schon einmal Konsequenzen angedroht.
Das hat der an der Universität St. Gallen lehrende Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann jetzt erfahren. Ende März referierte er vorm Finanzausschuss des Bundestags in Berlin über das Schweizer "Bankgeheimnis". Insbesondere beklagte er, in der Schweiz fehle für den moralisch und politisch doppelten Boden dieses "Geheimnisses" jedes Unrechtsbewusstsein. Eine triviale Tatsachenfeststellung - doppelt gedeckt, erstens durch den Verfassungsgrundsatz der Freiheit von Forschung und Lehre, zweitens durch das Grundrecht der Meinungsfreiheit. Trotzdem drohten der Rektor und ein Emeritus seiner Universität dem "Nestbeschmutzer" mit Entlassung.
Ulrich Thielemann: System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt. Westend Verlag, Frankfurt/M. 2009, 252 S., 19,95 Euro.
Religion der Plusmacherei
Unter dem Titel "System Error" hat Thielemann jetzt eine Studie vorgelegt, in der er im Detail darlegt, dass die Wirtschafts-Lehrbücher, für die "vernünftig ist, was rentiert" (Max Frisch), umgeschrieben werden müssen. Die St. Galler Gralshüter des Bankgeheimnisses und der Marktlogik werden sich über dieses Buch nicht freuen. An die Stelle der Marktlogik bzw. der "unsichtbaren Hand" von Adam Smith sollten Thielemann zufolge ethisch-moralisch begründete Ziele treten - "die moralische und politische Autonomie", nach der das Wirtschaften reguliert und organisiert wird. Die alleinige Orientierung an Gewinn- und Nutzenmaximierung hat die Krise verursacht. Thielemanns Überlegungen zielen nicht auf die Abschaffung der Marktwirtschaft, sondern auf die aufklärerische Demontage der irrationalen Marktgläubigkeit und der Religion der Plusmacherei.
Markt und Wettbewerb schaffen Wachstum, sagen die ökonomischen Lehrbücher. Thielemann rechnet vor, was nicht in den Lehrbüchern steht - die Kosten des Wachstums: Menschen werden unabhängig von ihren individuellen Zielen zu einer "unternehmerischen Lebensform" gezwungen. Sie müssen Chancen wahrnehmen und Risiken eingehen, sonst werden sie zu Verlierern im globalen Wettbewerb. Diesen Zwang zur Marktorientierung bezahlen sie mit dem "Verlust der Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen". - Ein lesenswertes Buch.