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Roberto Bolaños "2666": Die seltsamste Ruhe des Lebens

Der chilenische Schriftsteller belässt es aber nicht bei einem intellektuellen Vexierspiel, sondern erzeugt eine Spannung, die jeden Stephen-King-Schinken blass aussehen lässt. Nicht nur die Europäer, auch der Philosophieprofessor Amalfitano, der Held des zweiten Teils von "2666", Vater einer zwanzigjährigen Tochter, wird von wahnhaften Zuständen befallen. Eines Tages hängt er im Garten ein Buch an einer Wäscheleine auf: Es heißt "Geometrisches Vermächtnis" und stammt von einem gewissen Dieste. Mit dieser Aktion kopiert Amalfitano ein Ready-made von Duchamp, gleichzeitig drückt er sein Unwohlsein aus, das wiederum mit der Mordserie in Santa Teresa und seiner Angst um Rosa zusammenhängt. Wie der Wüstenwind in den Seiten des Buches blättert, erzeugt eine quälende Beklemmung.

Dieses Gefühl nimmt noch zu. Roberto Bolaño zählt Mordopfer um Mordopfer auf, schildert Aussehen, Familienumstände, Todesart, nimmt Müllhalden und Kloaken unter die Lupe, die ärmlichen Behausungen der Arbeiterinnen und die zwielichtigen Etablissements der Prostituierten, beschreibt die Ermittlungen der Polizei und porträtiert die befugten Kommissare. Die Behörden reagieren mit Verschleppung: Beweisstücke gehen auf dem Postweg verloren, Zeugenaussagen werden verschlampt, Spuren nicht weiter verfolgt und die wenigen engagierten Ermittler wieder abgezogen. Bolaños Santa Teresa ist die literarische Verdichtung eines tatsächlich existierenden Ortes, nämlich von Ciudad Juárez, wo seit Anfang der neunziger Jahre eine Mordserie an jungen Frauen einsetzte, die niemals aufgeklärt wurde. Bei Bolaño bleibt das Ganze bewusst diffus - sein Santa Teresa ist eine Metapher des Bösen an sich, ein innerer Höllenkreis. Seine Figuren geraten unter den Bannfluch des Todes und widersetzen sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise der Gefahr der Auslöschung. Vor allem Sex ist immer wieder ein Bollwerk - in "2666" wird bis zur Besinnungslosigkeit gevögelt.

In seinen Essays äußerte sich Roberto Bolaño zur "Verbrecherliteratur" und nennt diese den einzig möglichen Ausgangspunkt zeitgenössischen Schreibens. Literatur sei ein Sprung ins Leere, und sie sei etwas Gefährliches. Die Seiten über die Morde starren vor Schmutz und Blut und verschlagen einem häufig den Atem - Bolaño nimmt die düsteren Seiten der Zivilisation ebenso in den Blick wie die lichtvollen. Ihm geht es nicht um Moral, sondern darum, etwas aufs Spiel zu setzen, nicht um das Wohltemperierte und Gedämpfte, sondern um das Ekstatische. Der vierte Teil von "2666", dessen Titel auf eine Episode aus den "Wilden Detektiven" anspielt und sich auf einen Friedhof aus dem Jahre 2666 bezieht, kommt dieser Vorstellung ziemlich nahe.

Zwei, drei unbestechliche Kommissare sind die letzten Kämpfer gegen die Barbarei, eine Wahrsagerin irrlichtert durch die Fernsehtalkshows, klagt die Behörden an und bezeichnet "die Welt als einen Sarg voller Geschrei". Zugleich skizziert Bolaño die typischen mittelamerikanischen Verhältnisse: eine selbstgefällige Oberschicht, einen korrupten Staatsapparat, zynische Drogenbosse, die Abwesenheit einer bürgerlichen Schicht, die Leibeigenschaft der Armen. Seine Entsprechung findet dieser Teil dann in der Schilderung des Zweiten Weltkriegs und in Archimboldis Geschichte, der in Wirklichkeit Hans Reiter heißt und wie Cervantes ein Soldat ist.

Nicht alle Teile des nachgelassenen Riesenromans sind gleichermaßen geglückt. Archimboldis Schriftstellerbiographie weist die meisten Ungereimtheiten auf, obwohl auch hier großartige Passagen vorkommen: so wie die über die Moskauer Intellektuellen nach der Revolution oder die eines fehlgeleiteten Judentransports. Aber dass bestimmte Erzählstränge zu wuchern beginnen oder scheitern können, gehört für Bolaño dazu. In der Nachfolge von Kafka, Borges und Cortázar begreift er Literatur als etwas Unausgegorenes. In "2666" zeigt er uns, was er damit meint. Er wagt sich hinab in die Grabkammern der Gegenwart und erzählt davon. Aufregender kann ein Roman nicht sein.

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Autor:  Maike Albath
Datum:  15 | 9 | 2009
Seiten:  1 2
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