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Literatur

08. März 2016

Roland Schimmelpfennig : Mensch, Wolf, Schießgewehr

 Von 
Ein Wolf im Winter.  Foto: REUTERS

Roland Schimmelpfennigs erster Roman heißt „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ und schickt seine Figuren auf die Suche.

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Spuren im Schnee werden in diesem Buch nicht umsonst verfolgt. Erstens funktioniert das auf dem Lande, wo nicht ständig jemand herumtrampelt, überraschend gut. Zweitens müsste der Roman ohnehin eine große Karte von Fußwegen ergeben, die sich vom Brandenburgischen aus Berlin nähern, sich in der Großstadt verknäueln, andauernd oder nie kreuzen, die kurzzeitig parallel verlaufen, aneinanderstupsen oder sich knapp verpassen.

Und erst als plötzlich Schluss ist, aber keine Frage beantwortet, wird klar, wer die Hauptfigur dieser ungewöhnlichen Wanderung gewesen ist: Der Wolf, der „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ die deutsch-polnische Grenze überquert, im so beginnenden ersten Satz des so betitelten Romans. Am Ende ist der Wolf nicht mehr da und das Buch endet damit so abrupt, dass man nun wird zurückblättern müssen, um nachzuschauen, an welchen Ecken Berlins und in welcher Begleitung und Situation all die Menschen zum letzten Mal gesehen wurden.

Ja, man muss schon sagen, ein Autor macht es sich gewissermaßen einfach, der seine Figuren auf diese Weise teils im Schlamassel, teils schlicht im Ungewissen hängen lässt. Andererseits ist diesem Debütroman in jeder Facette anzumerken, wie ein Schriftsteller sein Metier beherrscht, wie klug er sich sein Spielmaterial angerichtet hat, um es im Folgenden zu verwenden, damit zu spielen, verschiedene Kombinationen auf ihre Wirkung zu überprüfen, wie ein Forscher oder eben wie ein Spieler. Vieles ist auch sehr visuell gedacht, man sieht es vor sich, wie Agnieszka in einer Szene, in der es um eine völlig andere Figur geht, bloß die osteuropäische Putzfrau ist, die gut Deutsch kann, aber auch nicht weiß, wo der Hausherr steckt. Figuren bekommen manchmal erst dann Namen, wenn eine andere Figur sie zum ersten Mal beim Namen nennt. Manchmal ist es auch anders. Der Autor hat das Sagen.

Das Buch

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2016. 254 S., 19,99 Euro.

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, der viel-, der meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker, hat seinen ersten Roman vorgelegt. Und wie sein ebenfalls besonders erfolgreicher Kollege Nis-Momme Stockmann mit seinem Romandebüt „Der Fuchs“ ist er damit sogleich für die Belletristik-Kategorie des Preises der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Das ist natürlich eine interessante Entwicklung, nachdem seit Jahren Romanadaptionen die Theater fluten.

Überhaupt fließt alles und es ist nicht so, dass Schimmelpfennig für seinen Prosatext auf einmal grundlegend anders vorgehen müsste, als gewohnt (Stockmann auch nicht, dazu in Kürze mehr). Der Theatermann ist ein melancholischer Erzähler, der Romancier ist es ebenso, und die scheinbar kunstlose Unbekümmertheit, mit der er Informationen einschiebt, nachschiebt, entsprechen den herrlich unvorhandenen Regularien für Regieanweisungen. Nicht umsonst vermisst man diese auf der Bühne bisweilen, wenn sie nicht ohnehin mitverlesen / gesprochen werden. Die Lebensgefährtin eines Kioskbesitzers, eine Jacky, bekommt ad hoc eine halbe Seite für sich, und auf dieser halben Seite steht ein halbes Leben, und die andere Hälfte des Lebens, noch in der Zukunft liegend, wird zumindest umrissen. Die Dinge sind sehr kompakt, wenn man sie einmal so betrachtet.

Die Spielfläche in „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“: Fußwege und die Autobahn von der polnischen Grenze bis Berlin, Berlin selbst dann in aller Ausführlichkeit. Eine Anlaufstelle: Ein fast schon leerstehendes, in Luxussanierung begriffenes Haus in der Lychener Straße am Prenzlauer Berg. Dem hochbetagten Paar, das noch hier ist, haben sie den Strom abgestellt. Berlin ist kalt und nicht schön, wenn man kein Geld hat.

Das Spiel: Vier werden gesucht, ein Dutzend Suchende sind unterwegs.

Die Spielfiguren: Gesucht werden ein Junge und ein Mädchen, Kinder aus Sicht der Erwachsenen, Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen müssen, aus ihrer Sicht. An einem Morgen entschließen sie sich, nicht in den üblichen Bus in Sauen bei Beeskow, Landkreis Oder-Spree – einem nicht fiktiven Ort, der 2015 den Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gewonnen hat – einzusteigen, sondern sich durch den Wald in Richtung Berlin durchzuschlagen. Die Polizei meint, das wird schon werden, es wird aber nicht. Der Vater des Jungen und die Mutter des Jungen und die Mutter des Mädchens müssen selbst losziehen.

Gesucht wird außerdem der Wolf, von einer jungen türkischstämmigen Zeitungsvolontärin, die hier zu Recht ihre Chance wittert – und in der Redaktion glauben sie, eine Türkin kenne sich sicher mit Wölfen aus; von einem ein bisschen heruntergekommenen Kioskbesitzer (Jackys Freund); im Hintergrund überhaupt von Berlin, das nach Berliner Art ganz außer sich ist („Völker schaut auf diese Stadt ...“, „dieser Wolf ist ein Berliner“).

Gesucht wird außerdem Icke, der einzige Mensch, den der Junge in Berlin kennt. Icke ist auch aus Sauen.

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Im Spiel ist außerdem ein Gewehr, einem soeben verstorbenen Jäger im Brandenburgischen abgenommen, ein perfektes Theaterrequisit, dessen Reise kreuz und quer durch die Spielfläche sich ebenfalls stets verfolgen lässt.

Unter den weiteren Figuren: ein junges polnisches Paar, sie schon gut beheimatet, er sehr stumm und unglücklich; zufällig gelingt ihm das einzige Wolfsbild, darum gehören sie zwingend in die Geschichte, haben aber auch ihre eigene. „Ich bin schwanger, sagte sie. Aber das Kind ist nicht von dir. Das Kind ist von einem anderen Mann.“

Kapitel sind hier Szenenwechsel, Psychologie wird transportiert durch innere Monologe und durch starke Dialoge. Wie im Theater Schimmelpfennigs setzt sich aus den Mosaiksteinen eine vertraute und zugleich befremdende Welt zusammen, die nicht hoffnungslos ist, aber hart und anstrengend für die, die sich in ihr zurechtfinden müssen. Man kann einem Buch nicht vorwerfen, dass es nicht überrascht, man muss jedoch feststellen, dass es so ist. Aber man liest und liest.

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