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Literatur

12. September 2012

Roman „ projekt@party“: Bei den Mission-Hoppern im Kosovo

 Von Norbert Mappes-Niediek
Beqe Cufaj stammt aus dem Kosovo. Er lebt seit siebzehn Jahren in Stuttgart.  Foto: imago stock&people

Ein neuer Blick, nicht nur auf das Kosovo, sondern auf das ganze zivilisatorische Projekt der Osterweiterung, Beqe Cufajs zweiter Roman „ projekt@party“ erzählt aus einem Land, in dem das Leben zur Verwaltung wurde.

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Ein kluger Mann mit eindrucksvoller Biografie reist in ein aufregendes Land und gerät in einen Aufstand der Einheimischen. Das wäre der Stoff für eine satte Erzählung. Aber es kommt ganz anders. Der Protagonist ist nämlich nicht im Herzen der Dunkelheit gelandet, sondern im Zwielicht einer grauen Landschaft aus Schnee und Beton. Seine Ideen verdünnen sich zu Papieren, über den Verhältnissen liegt als festes Raster der Geschäftsplan der Uno-Verwaltung. Gegen das Schicksal wird ein Projekt aufgelegt, und wenn es nicht hilft, dann eben ein neues. Die Rätsel der fremden Kultur kommen immer erst am Abend zur Sprache, wenn die „Friedensmissionare“ aus aller Welt bei ihren öden, beinahe täglichen Parties über die Vermieter oder den Straßenverkehr schimpfen.

Alles ist richtig, alles ist falsch

projekt@party ist der zweite Roman des kosovarischen Autors Beqe Cufaj, der seit siebzehn Jahren in oder bei Stuttgart lebt. In seinen Erstling „Der Glanz der Fremde“ (2005) hat der 42-Jährige seine Migrationsgeschichte eingewoben. Jetzt geht der Blick zurück ins Kosovo, das seit 1999 bevorzugtes Objekt staatliche und nichtstaatlicher Organisationen aus aller Welt geworden ist, wenn es gilt, „state“ oder „nation building“ zu betreiben oder sonst wie am dankbaren Objekt eine Idee auszuprobieren. Es ist ein neuer Blick, nicht nur auf das Kosovo, sondern auf das ganze zivilisatorische Projekt der Osterweiterung, auf das wir alle so stolz sind. Die kunstvolle Verbindung von Form und Inhalt verrät, dass Cufaj in der deutschen Literatur angekommen ist.

Er erzählt die quälende Geschichte von der Anmeldung seines traurigen Helden im Uno-Hauptquartier, die er nach der Unterschrift unter unverstandene Dokumente und stundenlangem Warten frisch initiiert wieder verlässt. Was gibt es heute zu Mittag? Was sagt New York zum neuen Geschäftsplan? Wer schläft mit wem, und wie viel zahlt Gabi für ihre Wohnung? Aus dem idealistischen Geist des deutschen Professors wird binnen Tagen eine austauschbare Figur mit einem „Badge“ auf der Brust, auf dem man das Ablaufdatum lesen kann. Für das Schulwesen ist der neue Mann zuständig. Das Wichtigste, sagt einer bei der Morgenbesprechung, sind die Lehrer, da muss man ansetzen. Aber zunächst braucht man Schulgebäude, sagt ein anderer. Und Brennholz, so ein dritter, sonst ist es zu kalt. Entscheidungen fallen irgendwie; alles ist richtig, alles ist falsch. Noch als es am Ende richtig brenzlig wird, wird es nicht wirklich brenzlig. Die Rebellion der Einheimischen erreicht den deutschen Bildungsexperten aus dem Autoradio.

Fortschritt und Vernunft

Alle schreiben sie hier Tagebuch – wie um sich einzureden, dass heute doch wirklich etwas geschehen wäre. Es ist der Bloggerstil als Mischung aus Erzählung, Stellungnahme, Aktenvermerk, der verrät, dass es einen wirklichen Gegenstand für die Hobby-Schriftstellerei gar nicht gibt. Wer im Kosovo war, erkennt sie alle wieder: die Idealisten, die Zyniker und die Alkoholiker, die Mission-Hopper, die schon überall waren „und nirgends etwas verstanden haben“. An der Bürokratie derUN und am Unverstand ihrer Missionare werden alle guten Absichten zuschanden.

Die Rebellion gegen die arroganten Fremden, in die der Roman mündet, hat in Wirklichkeit nie stattgefunden. Die Kosovaren sind nicht explodiert; sie waren vielmehr beschämt und haben höchstens die Faust in der Tasche geballt. Gegen die väterliche Autorität der ganzen Welt ist schwer rebellieren. Auf seinem Abstieg in die Niederungen der Mission hatte der deutsche Professor einen treuen Begleiter, seinen Dolmetscher Beqir, der am Schluss seine Lebensbeichte ablegt. Die Erzählung Beqirs macht das ganze Dilemma noch einmal offenbar.

Der Albaner, der sich seit seiner Konversion zum Islam den arabischen Verwandtschaftsnamen Abu beigelegt hat, kann gegen die Phrasen und die Leere der Ausländer nur Gewalt und Unvernunft setzen. Selbstbewusstsein, das Gefühl eigener Macht hat er sich aufgebaut, indem er seine deutsche Freundin vergewaltigt und geschlagen hat, zur respektierten Figur wurde er im Drogenhandel. Geendet ist er einstweilen als „Fundamentalist wider Willen“; genauso hätte er Baptist oder Börsenbroker werden können. Nur böse oder verrückt werden hilft. Es ist die alte Zwickmühle des Kolonialismus: Fortschritt und Vernunft kommen – gegen jeden Fortschritt und jede Vernunft – als Eroberer daher und machen sich ihre möglichen Verbündeten zu Feinden.

Beqe Cufaj: projekt@party. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Secession, Wien 2012. 142 S., 19,95 Euro.

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