Paritätisch besetzt hat Toni Morrison die Hauptrollen ihres jüngsten Romans, "Gnade": eine Indianerin; ein schwarzes Mädchen; ein Mischling, einzige Überlebende eines Schiffbruchs; eine junge weiße Engländerin aus armem Elternhaus, die herzlich wenig Optionen hat im Leben und sich deswegen in die Kolonie verheiraten lässt.
Sie hat Glück und erwischt einen guten Mann, Jacob Vaark, der sich nicht an einem verbreiteten Geschäft seiner Zeit - wir schreiben das 17. Jahrhundert, Ort ist die amerikanische Ostküste - beteiligen will: dem Sklavenhandel. Aber er übt die titelgebende Gnade aus, indem er die kleine Florens dann doch als Bezahlung akzeptiert. Deren Mutter weiß: "Es gibt keinen Schutz, aber es gibt Unterschiede." Darum sagt sie zu Vaark: "Nehmt die hier, meine Tochter."
Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison - nächstes Jahr wird sie 80 - wird immer auch von einem moralischen Impetus angetrieben. In diesem schmalen Roman erzählt sie, wie eine Nation erbaut wurde auf Unrecht und Ungleichheit. Die Figuren sind doppelt oder dreifach benachteiligt, durch ihre Armut, ihre Hautfarbe, ihr Geschlecht: Für Frauen gibt es vielleicht die eine oder andere "Gnade", das kleinere Übel, aber keine Sicherheiten. Und als Vaark, quasi Familienoberhaupt des Quartetts, an den Pocken stirbt, wissen die vier Frauen, dass sie nun Freiwild sind.
Morrison erzählt zu Anfang und erneut gegen Ende ihres Buches, wie auch Rebekka, Vaarks Frau, erkrankt, und Florens ausgeschickt wird nach einem schwarzen Mann, frei und Schmied, dem man zutraut, sie zu heilen. Denn sollte auch die Witwe sterben, haben die anderen drei überhaupt keine Zuflucht mehr in dieser bigotten, misogynen, selbstgerechten Siedlergesellschaft, in der auch mittellose Weiße eine - imaginäre Schuld - abarbeiten müssen. "Gesunde deutsche Frau wird in Pacht gegeben", lautet dann etwa der öffentliche Aushang.
Toni Morrison lässt den Leser nicht wissen, wie es ausgeht mit Rebekka, ihrer taffen indianischen Dienerin Lina, mit der in den heilkräftigen Schmied verliebten Florens und der einst vom Meer ausgespuckten Sorrow. Nicht sehr gut, vermutlich, nachdem Florens mit einem Hammer auf den prospektiven Retter losgeht. Aber wenigstens nennt sich Sorrow, Leid, "Complete", komplett, nachdem sie eine Tochter zur Welt gebracht hat.
Überwiegend erzählen und erklären sich die Frauen selbst - sehr nahe kommen sie einem dennoch nicht. "Gnade" hätte eine mehr als nur leicht hölzerne, konstruierte Anmutung, wäre nicht Toni Morrisons knappe, verdichtete, oft lakonische und doch auch aufgeladene Sprache. Kaum ein Wort ist im englischen Original entbehrlich - in der Übersetzung von Thomas Piltz leider schon. Nun ist Übersetzung zwar immer auch Deutung, aber wo diese nicht nötig ist, sollte sie nicht gegeben werden.
Doch während bei Morrison Sätze fallen wie Peitschenhiebe, wie Sprachblitze in das Dunkel der von ihr geschilderten Zeit, fügt Piltz da ein "dann", dort ein "aber" hinzu, auch mal ein "über den Boden", wo Krallen im Original nur "kratzen und kratzen". Und aus dem Haar fiebriger Kleinkinder, das bei Morrison "limp as maize hair" ist, also an die feinen, feuchten, blonden Fädchen am Maiskolben erinnert, macht er "welke Maisblätter".