kalaydo.de Anzeigen

Literatur

14. März 2013

Roman: Eine schöne Festlichkeit

 Von 
Der Architekt Tiefenthaler betrügt seine Frau, indem er heimlich und allein gut essen geht. Auch das wird ihm vergehen. Foto: getty/mark rigby

Dirk Kurbjuweit schildert in „Angst“, wie eine Familie von einem Stalker tyrannisiert wird. Der Ich-Erzähler heißt Randolph Tiefenthaler. Kurbujweit lässt ihn den Roman tatsächlich schreiben.

Drucken per Mail

Für die Literatur ist eine Familie immer dann besonders wertvoll, wenn das Unheil über sie hineinbricht. Dann kann sich beweisen, ob die Familienbande halten, was sie einst versprachen. In Dirk Kurbjuweits Roman „Angst“ heißt das Unheil Dieter Tiberius. Herr Tiberius, wie ihn der Ich-Erzähler selbst dann nennt, wenn er ansonsten jede Fassung verliert, wohnt im Souterrain eines Lichterfelder Mehrfamilienhauses, halb im Untergrund, wo das Unheil hingehört. Herr Tiberius ist ein arbeitsloser Einzelgänger, ein Sonderling. Er kommt mit Penny-Tüten nach Haus, die Frau des Erzählers mit Jutebeuteln vom Bioladen. Das Unheil bricht in die Familie ein, als der von unten der Frau von oben nachzustellen beginnt.

Der Ich-Erzähler heißt Randolph Tiefenthaler, ist Architekt und wohnt mit Frau und Kindern in einer schönen Eigentumswohnung über dem Unheil. Er ist ein aufgeklärter, liberaler Mann, einer, der die Gaslaternen liebt und sich mittels Unterschriftenliste für ihren Erhalt einsetzt, ein Bürger mit Geschmack, der Sätze wie diesen schreibt: „Seitdem meine Frau unser Weihnachten in die Hand genommen hat, gelingt uns eine schöne Festlichkeit.“

Aufgeklärter, liberaler Mann, der Gaslaternen liebt

Dirk Kurbujweit lässt Randolph Tiefenthaler den Roman tatsächlich schreiben. Tiefenthaler ist also nicht nur Ich-Erzähler, sondern Ich-Schreiber, will sagen: Der Roman ist als eine Art „Bericht“ gestaltet, in dem Tiefenthalter erklären möchte, wie es dazu kommen konnte, dass sein Vater das Unheil eines schönen Tages erschossen hat, und zwar dankenswerterweise. An der Wohnungstür geklingelt und dann: Rumms! Nicht erschrecken bei dem Wort „Bericht“. Dieser ist nämlich in einer wunderschönen Sprache abgefasst. Er weist tatsächlich Züge einer lakonischen Berichterstattung auf, dies aber in so mühelos anmutigen, unaufgeregten, federleichten Sätzen, dass das Lesen zum puren Vergnügen wird.

Wer gleich zu Beginn damit herausrückt, wie die Sache ausgehen wird, nämlich mit der Beseitigung des Quälgeistes, muss eine Menge Vertrauen in seine Fähigkeiten haben, den Leser bei der Stange zu halten. Dies gelingt Kurbjuweit, bis 2012 übrigens Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, durch die psychologische Intensität, mit der er die verheerenden Folgen des Stalkings schildert. Tiberius setzt der Familie immer mehr zu. Starrt vom Garten aus des Nachts ins Fenster, beschuldigt Mutter wie Vater des sexuellen Missbrauchs ihrer Kinder, sät Angst, Zwietracht, Misstrauen ins traute Heim über ihm. Gerade der Missbrauchsvorwurf entwickelt seine hysterische Dynamik – literarisch besonders effektvoll, weil er so gemessen und beherrscht geschildert wird: „Was mich in letzter Zeit mehr besorgt, ist die Tatsache, dass es Erinnerungen geben kann an Dinge, die nicht passiert sind. Zum Beispiel mache ich mir manchmal Sorgen, eines unserer Kinder könne irgendwann auf den Gedanken kommen, es sei von meiner Frau oder von mir sexuell missbraucht worden.“

Für Tiefenthaler wird die fortgesetzte Heimsuchung Anlass zur Selbsterforschung. „Das Thema, das mich nun umtrieb, hieß Männlichkeit.“ Warum Herrn Tiberius nicht einfach eins in die Fresse hauen? Dafür allerdings hat Tiefenthaler zuvor mit Polizei und Staatsanwaltschaft schon zu viele amtlich vorgesehene Kanäle vergebens bemüht. Für Tiberius wäre es nun ein Leichtes, sich selbst als Opfer darzustellen.

„Überraschende Wendungen am Schluss"

Die Angst, das titelgebende Hauptthema des Buches, ist dabei gar nicht mal das interessanteste Motiv der Familiengeschichte. Tiefenthaler ist ein lohnendes Selbsterforschungsobjekt vor allem hinsichtlich seiner Wohlanständigkeit, die einen einzigen, bizarren, nun ja, Abgrund erlaubt: Er betrügt seine Frau mit Essen. Berufliche Abendtermine vortäuschend, geht er alleine in Berliner Luxusrestaurants und futtert sich still durch fünf Gänge. Als seine Frau das entdeckt, fühlt sie sich durch die Leere des Restaurantstuhls ihm gegenüber noch mehr betrogen, als wenn dort eine schöne Geliebte säße.

Auch der anschließende Streit ist mit der eigentümlichen Noblesse Kurbjuweits geschrieben, der im realen Leben übrigens auf einen ähnlichen Stalkingfall zurückblickt. Als Bonus gibt es gleich zwei der beliebten „überraschenden Wendungen am Schluss“, von denen mindestens eine tatsächlich verblüffend ist.

Dirk Kurbjuweit: Angst. Rowohlt, Berlin 2013. 256 S., 18,95 Euro.

Jetzt kommentieren

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Deutscher Buchpreis - Shortlist
Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur