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Literatur

03. Mai 2012

Roman von Felicitas Hoppe: Das eiskalte Ritterspiel

 Von Steffen Martus
Felicitas Hoppe hat ihre „Traumbiografie“ geschrieben. Foto: dpa/Burgi

Übermütig, maßlos, fallsüchtig und sehr schlau: Mit "Hoppe" erfindet Autorin und Journalistin Felicitas Hoppe ihr eigenes Leben neu. Der Roman ist ein übermütiges, ein maßlos fabulierendes, ein sehr humorvolles und ein sehr ernstes Buch.

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Felicitas Hoppe: Hoppe.
        

Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 330 Seiten, 19,99 Euro.

S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 330 Seiten, 19,99 Euro.

Sie kennen Felicitas Hoppe? Sie denken, die Autorin sei in Hameln geboren und dort auch zur Schule gegangen? Sie glauben, Hoppe habe ihr Studium in Hildesheim aufgenommen und sich zunächst als Journalistin durchgeschlagen, bis sie 1996 mit „Picknick der Friseure“ die Leser so begeisterte, dass ein Leben als freie Autorin in Berlin möglich wurde?

Sie täuschen sich. „Vermutlich“ zumindest. Felicitas Hoppe soll nämlich sehr früh schon von ihrem Vater von Hameln nach Kanada entführt worden sein. Dort entwickelte sie eine Passion fürs Eishockey, das „eiskalte Ritterspiel“, sowie für den legendären Spieler Wayne Gretzky, ihre erste Liebe. Schließlich entdeckte man ihre musikalischen Neigungen. Der Klavierunterricht bei Lucy Bell, einer Nachfahrin des Telefonerfinders, wurde jedoch jäh von der Übersiedelung nach Australien unterbrochen. Von hier aus startete Hoppe ihre Karriere als Dirigentin in den USA. Dort, ausgerechnet an einem German Department, fand sie ihren literarischen Förderer. „Prof. Dr. phil. Hans Herman Haman“ verdanken wir es letztlich, dass Hoppe mit „Picknick der Friseure“ debütierte.

Ein Lebenslauf im Konjunktiv

Felicitas Hoppes „Hoppe“ ist ein übermütiges, ein maßlos fabulierendes, ein sehr humorvolles und ein sehr ernstes Buch. Hoppe geht in dritter Person zu sich selbst auf Distanz, um sich selbst näher zu kommen. Sie schreibt ihre Autobiographie als Lebenslauf jener Figur, die sie hätte sein können oder wollen, wenn der Konjunktiv Lebensläufe bestimmen würde. In dieser „Traumbiographie“ prahlt Hoppes Traum-Ich, was das Zeug hält, es schneidet auf, rühmt und beschert Hoppe viele spektakuläre Auftritte vor großem Publikum. Aber die Autorin lässt ihre Felicitas auch scheitern und schickt sie auf die vergebliche Suche nach der großen Liebe. Wenn man den Traum vom eigenen Leben ernst nimmt, dann verläuft es offenkundig nicht unbedingt besser als die Realität.

Spielerischer Ernst bestimmt alle Aktivitäten Hoppes – auf dem Eishockeyfeld, am Klavier, vor dem Orchester oder am Schreibtisch. Überall kurvt sie mit Hingabe hin und her, verlockt ihre Gegner, Mitspieler, Zuschauer, Hörer und Leser. Und auf allen Feldern zeigt sie sich ins „Fallen verliebt“, ein wenig überambitioniert, mit dem Willen zum Sieg, aber auch mit den unheilvollen „Hang, übers Ziel hinaus zu schießen“ und „über das Spielfeld hinauszudenken“, wie ihr Trainer Bamie Boots bemerkt – ein „guter Verlierer“ eben. Kein Wunder, dass auch Hoppes Handschrift zu schwungvoll ausfällt und unleserlich wird, weil sie „immer über die Ränder hinaus“ schreibt. Freilich muss man schon ganz genau hinsehen, so Hoppe über Hoppe, wenn man die raren Hinweise auf die Spielleidenschaft im Gesamtwerk entziffern will. „Nur intimen Kennern ihrer Biographie werden sich die wenigen und nicht immer leicht zu entschlüsselnden Details erschließen, die … zum Verschwinden sparsam in ihr Werk eingestreut sind“.

Spuren und Fährten des geistigen Lebenswegs

Tatsächlich hat das biographische Interesse am Autor zwei Seiten: Auf der einen Seite lenkt die Lebensgeschichte vom Werk ab, verdeckt es und dient als Surrogat für die Lust am Konkreten, Handfesten, am persönlichen Schicksal und an klaren Verhältnissen, die große Literatur so wenig und allenfalls so indirekt stillt wie das Leben selbst. Aus diesem Grund verachten viele Autoren und Leser die Biographie als ein Medium, das die Verhältnisse trivialisiert und die Aufmerksamkeit von dem abzieht, was eigentlich zählt: vom feinen Gewebe des Textes sowie von all jenen Umwegen, Verstrickungen und unübersehbaren Bezügen, die einen Menschen ausmachen. Auf der anderen Seite schärft das biographische Interesse die Sinne auch für eben jenes filigrane geistige Band, dass sich durch ein Werk hindurchziehen mag, für jene feinen thematischen und motivischen Zusammenhänge, für die Spuren, Überbleibsel und Fährten, die der geistige Lebensweg eines Autors hinterlässt.

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