Wie kommt die Geschichte zu ihrem Gegenstand ... Was wir vom Vergangenen wissen ... ist nicht einfach das wahre Abbild von dem, was gewesen ist ... immer hat eine Zeit, nach ihren eigenen Interessen, ausgewählt, was in den Schulen gelehrt und gelernt werden soll...". Der Geschichtslehrer, der im Jahre 1937 vor der 7. Klasse der Wiener Bundesrealschule steht, greift, ohne Rousseaus Namen zu nennen, auf dessen Kritik der Geschichtsschreibung im vierten Buch von "Émile oder Von der Erziehung" zurück. Emilia, sein Zögling, weiß später, als er ihr vertraut, dass seine Sätze über das hinausgehen, was im Österreich der Vorkriegszeit zu sagen erlaubt ist. Stangls Erzähler errichtet ihm, in diesem Roman voller Schemen, Schatten und Schimären, ein Denkmal, indem er seinen Namen nennt: Dr. Steinitz.
In einem Katalog weltweiter Tagesereignisse ist zu Beginn dieses zweiten Kapitels ein Zug äußeren Lebens am Leser vorübergerattert und hat die Ungleichzeitigkeit von Geschichtszeit und Wiener Ortszeit beleuchtet. Während Amerika mit der Einweihung der Golden Gate Bridge in die Zukunft aufbricht, huldigen beim Kameradschaftsabend der Vaterländischen Front in St. Pölten die Bürgermeister und Vertreter der Berufsstände der Staatsführung des neuen Österreich und fährt eine gesellschaftliche Oberschicht, die ihre Titel dem langen Nachleben des mittelalterlichen Ständestaats im Kaiserreich verdankt, zum Ball am Hotel Imperial vor.
Anders als bei Musil ist der k.u.k.-Hintergrund des Romans nicht mehr liebenswert altväterlich, sondern gewalttätig. Zielscheibe der Aggression, personifiziert in Emilias Dienstmädchen, sind zuallererst die Juden.
Ein Geschichtsroman ist dieser dritte und wiederum grandiose Roman Stangls freilich nicht. Die ersten beiden Kapitel legen vielmehr das Fundament für einen zeitkritischen Roman, der den Zustand der Wirklichkeit unmittelbar vor der Geschichtskatastrophe untersucht. Zur Erosion der zivilisatorischen Ordnung tragen kulturelle Subsysteme wie die Kirche bei. Während Dr. Steinitz seine tapfere Geschichtslektion erteilt, verkündet der Wiener Kardinal Innitzer, dass die göttliche Vorsehung der Welt in Papst Pius XI. mit seinem stahlharten Willen und diamantenen Verstand den religiösen Meister für die Umgestaltung demokratischer Verhältnisse zu autoritärer Führung gesandt habe.
Das produktive Ideenlaboratorium der Nachweltkriegszeit Musils hat sich ein Jahrzehnt später in ein Laboratorium der Gewalt verwandelt, dessen immanente Dynamik der Roman bis in die Gegenwart eben jener Generation verfolgt, die mit der Wiener "Kronen Zeitung" aufwächst und heute politische Verantwortung trägt. Wie unwirklich ist diese Wirklichkeit, die den Glauben an einen Erlöser politisch ausgebeutet und umgelenkt auf "ein leeres Ich (das leere Ich eines Führers)", und wie wirklich ist die Möglichkeit zu Selbstentfaltung und lebendiger Vermittlung menschlicher Subjektivität? Das ist die Frage, die der Roman mit Blick auf Emilia Degen und Andreas Bichler stellt. Beide wachsen in der Obhut ihrer Großmütter ohne elterliche Autorität auf. Emilia Degen, Stangl-Lesern eine Bekannte, steuert auf die Matura zu. Andreas steckt vierzig Jahre später mitten in der Pubertät.
Stangls radikal subjektives erzählerisches Verfahren dient der Vergegenwärtigung individueller Bewusstseinsstrukturen. Dem Buch vorangestellt ist das Schreckbild eines lebenden Toten in einer Kellergruft. In hartem Gegenschnitt folgt eine alptraumhafte Szene aus einem Stroheim-Film, die sogleich ihr Echo in Emilias Geschichte findet, - der Geschichte einer Liebe, deren gewaltsames Ende schon stattgefunden hat, als die Erzählung sich ihrem Beginn nähert.
Der Erzähler führt seine Figuren im alternierenden Wechsel durch einen Alltag zwischen häuslichem Leben mit der Großmutter und morgendlichem Unterricht. Die Verwischung der personalen Konturen ist nicht nur eine Folge der (zeitversetzten) Simultaneität ihrer Verrichtungen; dafür sorgt auch der Zeitfluss, der als richtungsloses Nebeneinander punktueller, sprunghaft zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich bewegender Eindrücke erscheint. Es ist, als ob ein sich entwickelndes Geschehen ständig zerstreut würde. Meist sind es, vor allem in Emilias Fall, zukünftige Ereignisse, die als vergangene vom Gedächtnis erneut aktualisiert werden. Die eng an den Bewusstseinsstrom der Protagonisten angelehnte Erzählung spiegelt ein Inneres, dem die Zeit die Möglichkeit zu einer Selbstanschauung und gegenständlichen Erfahrung entzieht. Was geschieht, erscheint von den Figuren losgelöst, als gespensterhaftes Rohmaterial der Realität. Aus der Verdoppelung löst der Erzähler seine Figuren im Fortgang des Romantages, wenn Emilia den jungen Buchhändlersohn Georg kennenlernt und mit seinen Freunden in Kontakt kommt, einer Gruppe junger Kommunisten. Der jüngere Andreas hingegen kapselt sich von Gleichaltrigen ab und verbringt seine Abende mit der Großmutter. Die Kronen Zeitung, deren Leserin die alte Frau ist, setzt jene Hassgeschichte fort, die vierzig Jahre zuvor zum plötzlichen Verschwinden der jüdischen Buchhändlerfamilie führt. Als die Großmutter stirbt, ist auch Andreas" Welt entzwei. Er vollzieht denselben Tauchvorgang, den Emilia nach dem Verlust des Geliebten unternommen hat, unterwegs in ein trancehaftes anderes totes Leben.
Seinen zeitdiagnostischen Befund spiegelt der Roman in seiner Form. Die erzählerische Synthese weicht einer Montage von Textteilen, deren Risse, Löcher und Bruchstellen das Einander-Verfehlen der Zeit- und Bewusstseinsstrukturen und die Störung des Sprachsystems anzeigen. In Thomas Stangl hat die österreichische Literatur einen Nachfolger Musils und Thomas Bernhards gefunden.
Thomas Stangl: Was kommt. Roman. Droschl Verlag, Graz 2009, 183 Seiten, 19 Euro.