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Literatur

15. August 2010

Roman: Wir haben den Krieg gewählt

 Von Kathrin Hartmann
Und welches Schweinderl hätten's gern? Gar keins, sagen immer mehr Esser.  Foto: dpa

Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ fordert seine Leser auf, neu über die Zivilisation zu denken. Das wird sicher ein Bestseller.

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"Nichts ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, schrieb Victor Hugo. Und viele Rezensionen, die sich mit Jonathan Safran Foers neuem Buch „Tiere essen“ beschäftigen, das jetzt auf Deutsch erscheint, sind im Tonfall dieser Erkenntnis gehalten. In den USA war „Eating Animals“ ein Bestseller, und das gewaltige Medieninteresse deutet darauf hin, dass Foer, wie schon bei seinen beiden Romanen, ein Platz auf der deutschen Bestenliste sicher ist.

„Tiere essen“ ist aber kein Roman, sondern ein persönlicher und schmerzhafter Tatsachenbericht über die Barbarei der Massentierhaltung. Zwar sind die Umstände der Fleischproduktion seit Jahrzehnten dokumentiert, aber kaum Gegenstand intellektueller Diskussion. Das ist so erstaunlich wie der Erfolg des Buchs.

Dabei ist Foers Werk nicht das erste dieser Art: Der Soziologe Jeremy Rifkin deckte schon in „Das Imperium der Rinder“ 1992 die Produktionsbedingungen auf, J.M. Coetzee lässt in „Das Leben der Tiere“ seine Protagonistin Elizabeth Costello das Tierleid mit dem Tötungssystem des Dritten Reichs vergleichen. Die Parallelen zwischen dem und den Ursprüngen des Massenschlachtens hat Charles Patterson in „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“ (das Zitat stammt vom jüdischen Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer) analysiert. Der Holocaustforscher hätte fast keinen Verlag dafür gefunden. Warum hat Foers Buch, wie ein Rezensent glaubt, „die Kraft, die Welt zum Fleischverzicht zu bekehren“?

Sicher trifft Foer einen Nerv, weil seit der Klimadebatte auch die ökologische Dimension des Fleischverzehrs evident ist. Nutztierhaltung ist eine Hauptquelle für Klima-Gase, und weil das Futter auf Äckern angebaut wird, wo Nahrung für Menschen wachsen könnte, ist sie auch ein wesentlicher Grund für Hunger. Doch nennenswerte Auswirkung auf den Fleischkonsum hat das nicht: In Deutschland werden jedes Jahr 56 Millionen Schweine, 3,8 Millionen Rinder und 500 Millionen Hühner geschlachtet, 98 Prozent aus Massentierhaltung. Einen rationalen Grund für das Fleischessen gibt es aber nicht.

Foer geht bei seinem Buch nicht vom Vegetarier aus, sondern vom Fleischesser

Es bedarf großer Anstrengung, all das auszublenden, um in Ruhe Schnitzel zu essen. Dass manche Rezensenten Foers Buch loben und trotzdem auf das „Sektierertum“ der Vegetarier abheben, ist ein Beleg für das Verdrängen (jeder Vegetarier wird bestätigten, dass nicht er den Fleischesser zur Erklärung zwingt, sondern andersherum).

„Es ist immer möglich, jemanden aus dem Schlaf zu wecken. Aber kein Lärm der Welt kann jemanden wecken, der nur so tut als würde er schlafen“, schreibt Foer. Dass er Simulanten berührt, liegt daran, dass er sie versteht. Er geht nicht vom Vegetarier aus, sondern vom Fleischesser: „Ich wusste nicht, was Tiere waren, oder auch nur annähernd, wie sie gehalten oder getötet wurden.“ Er sei nicht grundsätzlich gegen das Töten von Tieren. Für viele ist das eine Erleichterung, es scheint, Foer lasse einen Ausweg: „ethisches Fleisch“. Er lässt aber keinen Zweifel, dass dies keine echte Alternative ist: Er findet eine einzige Truthahnfarm, der er dies attestiert. Selbst eine tierfreundliche Rinderfarm, von einer Vegetarierin geführt, arbeitet zweifelhaft.

Vor allem löst „ethisches Fleisch“ nicht das Dilemma, „dass ein Leben sich von einem fühlenden Leben ernährt“. Foer fragt, was ein glückliches Leben für ein Rind sei – dazu müsste man es ja als Individuum betrachten. Wer Tiere isst, tut das nicht. Er müsste sich unerträgliche Fragen stellen. Foer fragt behutsam: Ist es grausam, Tiere langwierigen Todesqualen auszusetzen oder ist es nur bei manchen Tieren grausam? Ist humanes Schlachten alles, worauf wir uns einigen können? Wie zerstörerisch muss eine kulinarische Vorliebe werden, bis wir beschließen, etwas anderes zu essen? Wenn es nicht ausreicht, dass man zum Leiden von Milliarden von Tieren und zur größtmöglichen Zerstörung des Planeten beiträgt, was dann? Seine Erzählweise ist klar, wenn er etwa beschreibt, wie die Tierbefreierin, mit der er in eine Geflügelfarm einbricht, einem sterbenden Küken die Kehle durchschneidet. Foer stellt vor die Wahl: „Ist solches Leiden das Allerwichtigste auf der Welt?“

Foer begründet sein Buch damit, dass er seinem Sohn die Frage beantworten müsse, was auf seinem Teller liegt. Der persönliche Ansatz scheint logisch in einer Zeit, in der das Politische privat ist und große Ideen einer pragmatischen Aufforderung zu anderem Konsum gewichen sind. Doch Foer will die Kultur ändern.

„Wir haben das Schlachten, wir haben den Krieg gewählt. Das ist die wahrste Version unsere Geschichte des Essens von Tieren. Können wir eine neue Geschichte erzählen?“ fragt der Schriftsteller am Ende des Buchs. Es ist nicht nur eins gegen das Essen von Tieren, sondern eins gegen das Verdrängen. Eine Aufforderung, Zivilisation neu zu denken: nicht als Herrschaft der Starken über die Schwachen. Sondern als intellektuelle Fähigkeit, die Barbarei zugunsten von Empathie zu überwinden. Das ist die große Dimension von „Tiere essen“.

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