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Roman: Zwei Dutzendherzen

Raffiniert unraffiniert: Arno Geiger erzählt in "Alles über Sally" von einer Heldin, die es ihm angetan hat. Von Judith von Sternburg

Chronist des bürgerlichen Beziehungswahnsinns: Arno Geiger.
Chronist des bürgerlichen Beziehungswahnsinns: Arno Geiger.
Foto: dpa

Alkmenes "Ach" aus Kleists "Amphitryon", das flirrendste "Ach", das in einer gebrochenen Ehe der Weltliteratur je gesprochen wurde, wird hier durch Sallys "Hhm" ersetzt. Es fällt in einer Szene, in der Sally wider Erwarten mit ihrem Mann schläft. Er entspricht nicht gerade ihrem Ideal, ist zu ungeschickt, und sein Rhythmus stimmt auch nicht. Hhm. Blöde Szene, blöde Situation. Aber auch nicht so wichtig.

Wenn Sally "Ach" sagen würde, wäre es höchstens flirrend vor Ungeduld. Als sie ihrer Affäre in spe vorschlägt, mit ihr zu "ficken", staunt der Mann. "Was ist schon dabei, dachte Sally. Sie verwendete gerne deutliche Ausdrücke, sie war der Meinung, die Vorgänge bekamen dadurch Fülle und Dichte und konnten sich dann behaupten in der Welt als etwas Stabiles und Unangefochtenes. Vielleicht sogar als etwas Schönes." Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger, 2005 für "Es geht uns gut" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, handhabt es in seinem fünften, am heutigen Montag erscheinenden Roman ebenso wie seine Titelheldin. Auch der Autor, scheint es, kann sich ihrem massiven Vorhandensein und ihrer bisweilen rücksichtslosen Energie schwer entziehen.

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Arno Geiger: Alles über Sally. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2010, 364 Seiten, 21,50 Euro.

"Alles über Sally" erzählt alles über Sally, unverblümt und durchaus drauflos, und wenn dem Erzähler oder Sally eine witzige Formulierung einfällt, dann wird sie aufgeschrieben oder gesagt, je nachdem. Sally und Geiger kommen prächtig miteinander zurecht. Dabei muss man sie nicht mögen, und manches über Sally ist banal. Sally, die sich über die schlechte Bildqualität des Fernsehapparats wundert, während ein Bericht über eine Steinigung läuft. Sally, die glückliche Mutter einer "amüsanten Bande" spätpubertierender Kinder. Sally, die sich große Mühe gibt, gut auszusehen. "Sie war jetzt zweiundfünfzig, nicht schön, aber auch nicht unattraktiv, ganz normal hübsch, eher sogar ziemlich hübsch." So eine also.

Womöglich braucht man eine Weile, um mitzubekommen, wie fulminant Geiger das gestaltet hat. Das Subtile besteht darin, dass es nicht subtil ist. Und alles über Sally erzählt Geiger nicht als Psychologe oder Chronist, im Gegenteil: Ständig erwartet man, in tiefere Schichten der Seele vorzudringen. Oder zum Beispiel mehr über Sallys anstrengende Jugend zu erfahren. Geigers Porträt setzt sich aber aus dem zusammen, was Sally tangiert. Und ihren Mann Alfred als Ko-Star.

Sally und Alfred, wenngleich mit Namen wie aus einer gemütlichen englischen Komödie versehen, sind ein modernes Akademiker-Paar. Ihre Ehe ist nicht glücklich, aber stabil. Sie ist Lehrerin. Er, 57, aber schon immer noch viel älter als sie, arbeitet im Museum. Sein Blick zurück gehört zu den wenigen symbolträchtigen Elementen des Romans. "Sie peilte ein neues Leben an, während Alfred am alten hing." Er führt lieber Tagebuch, sie erlebt lieber was. Er gefällt ihr längst nicht mehr, und sein Thrombosestrumpf tut ein Übriges. Dem gibt sie deutlich Ausdruck. Sie ist die Frau seines Lebens. Das kann er ihr schwerlich jeden Tag sagen. "Alfred schaut ihr zu, es kommt ihm noch immer wie ein Wunder vor, dass er sie in diesen alltäglichen Momenten nackt sehen darf, ohne ihr Misstrauen zu erregen."

Der Roman beginnt in den Sommerferien 2008 und endet, als schon die Jahresrückblicke laufen. In den Urlaub platzt die Nachricht, dass zuhause eingebrochen worden ist. Das Chaos, das die Einbrecher im vollgestopften Haus hinterlassen haben - nichts wegschmeißen zu können, ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten der Eheleute -, treibt Alfred in eine Depression und schärft Sallys Lebenshunger. Der führt zur schon länger fälligen Affäre mit dem Mann eines befreundeten Paares. Für Sally, die davon überzeugt ist, "dass man im Leben nicht nur EINEN Menschen lieben kann", lässt sich das vorzüglich an. Gewissensbisse quälen sie nicht, aber sie will Alfred mit ihrem Seitensprung auch nicht behelligen. "Im Unterschied zu Gefühlen spielten sich Lügen rasch ein", das trifft sich gut.

Beiden Einbrüchen in diese Ehe - dem im Wortsinn und der aus Sallys Sicht bedauerlicher-, aber nicht tragischerweise früh beendeten Affäre - dürfte der Leser allerdings zu viel Bedeutung beimessen. Oft wird in der Literatur die Langzeitwirkung von Vorfällen überschätzt, und darauf ist man eingestellt. Geiger jedoch imitiert das Leben raffinierter: die Vielfalt in der Ödnis, die Komplexität im Kontinuierlichen, die Gewöhnung an alles.

Dazu gehören auch zwei Einschübe: Kapitel sechs ist eine gut 60 Seiten lange Rückblende in die siebziger Jahre. Sally und Alfred wohnen in Kairo. Er liebt sie schon, sie liebt ihn schon nicht. Und Geiger bringt Kabinettstücke über österreichische Lebensart unter. Kapitel zehn überlässt das Feld für 40 Seiten Alfred. Im punktlosen Bewusstseinsstrom bekennt er seine Liebe. Es hat einen ironischen Aspekt, dass es nach Molly in Joyces "Ulysses" nun ein Mann ist, der auf diese Weise einmal zum Zuge kommt.

Die Außenwelt läuft in diesem originellen Porträt einer unoriginellen Ehe stets mit: die Fernsehnachrichten, andere Menschen, die Arbeit. Anders als dort draußen kommt es hier drinnen nicht zur Tragödie. Mit milder Wehmut verlässt Geiger seine Figuren: "Zwei Dutzendherzen in einem kleinen, überladenen Haus."

Einmal überlegt sich Sally, dass sie ihre Geschichte als "Idylle des bürgerlichen Beziehungswahnsinns" verkaufen könnte: "Ich sollte alles bisher Geschehene aufschreiben, ein Exposé daraus machen und es an Random House schicken, dachte Sally. Der große europäische Roman...". Auch das lenkt den Blick noch einmal auf die großen europäischen Ehebruchgeschichten, Effi Briest, Anna Karenina, Madame Bovary (Sally selbst liest eher Henry Miller). Außer den desillusionierten Blick auf ihren Mann hat Sally mit ihnen nichts gemein. Sie nimmt das Wort Scheidung "probeweise" in den Mund und bleibt doch völlig freiwillig mit Alfred zusammen. So steht am Ende das Staunen darüber, dass die andauernde Ehe ihre letzten Geheimnisse auch in Zeiten sämtlicher Möglichkeiten bewahren konnte.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  8 | 2 | 2010
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