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Romandebüt Olga Martynova: Die Welt ist davongeflogen

"Sogar Papageien überleben uns", das Romandebüt von Olga Martynova: Die Lyrikerin und Essayistin hat eine poetische Reflexion über die nicht vergehende Zeit geschrieben - die Geschichte eines Lebens. Von Ulrich Rüdenauer


Foto: Literaturverlag Droschl

Wir sind Zeitspeicher. Nicht nur unsere früheren Ichs sind in uns aufbewahrt, jene, aus denen sich unser jetziges Bewusstsein entwickelt hat. Auch die Vor- und Ur-Zeiten haben sich in uns abgelagert, unsere Gegenwart besteht aus lauter Vergangenheiten. Das ist vielleicht das zentrale Thema überhaupt der Literatur, gewiss aber das des Romans "Sogar Papageien überleben uns" von Olga Martynova.

Die Autorin, 1962 in Sibirien geboren, in Leningrad aufgewachsen, in Frankfurt lebend, hat ein Buch geschrieben, das die Zeitschichten offen legt - und das zu Beginn eines jeden Kapitels ganz direkt: Auf einer Zeitachse mit markanten Jahresdaten, die noch weit vor die Geburt von Martynovas Heldin Marina zurückreichen, sind stets jene Jahre markiert, die für das folgende Kapitel eine Rolle spielen. Dem Leser wird hier etwas vor Augen geführt, was eigentlich selbstverständlich ist: Dass man das Jetzt nicht ohne das Gestern denken, geschweige denn verstehen kann. Und dass die Vergangenheit unser heutiges Leben stärker beeinflusst, als uns lieb sein mag.

Marina ist auf einer Vortragsreise in Deutschland und auf einer Odyssee durch die wechselvollen Zeiten vor allem der russischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Sie hat in Leningrad studiert und sich ausgiebig mit Daniil Charms und dessen Oberiu-Kreis beschäftigt, über den sie nun sprechen soll. Das Absurde in den Texten von Charms ist ihr nah, weil auch ihre Welt absurde Züge annimmt und zuweilen nur der Unsinn zum Erkenntnismittel werden kann.

Als Studentin führte sie Touristen durch Leningrad und hatte eine Liebesaffäre mit dem deutschen Austausch-Studenten Andreas, zu einer Zeit, als die Sowjetunion begann, sich in "nichts" aufzulösen. "Was weiß ich noch von diesem Winter? Es war nicht mehr viel übrig von der Substanz der uns vertrauten Zeit. Sie wurde flüssig. Sie wurde spärlich. Man konnte sehen, dass sie fast alle war. Die runde abgeschlossene Welt, in die ich geboren war, flog wie ein Luftballon davon."

Heiratsantrag als Allesretter?

Natürlich blickt die Protagonistin diesem Luftballon, der die Form der bisher bekannten Welt hatte, hinterher: Schwerelos und gleichwohl mit einer erdenden Melancholie erzählt sie von ihrer Jugend, den Freunden, mit denen sie abenteuerliche Reisen unternimmt und sich poetische Lebensfragen stellt, die sich immer wieder verwandeln und doch treue Begleiter von Marinas Geschichte bleiben; sie geht noch weiter zurück, in die frühen vierziger Jahre, als Charms und seine Freunde verhaftet und ermordet wurden - und der Philosoph Jakow Druskin Charms´ Archiv auf fast unglaubliche Weise rettete.

Bis in die Zeit der Großeltern, denen ebenfalls der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, reichen die Spuren, die Marinas Denken prägen. Immer wieder wird sie von solchen "Zeitsplittern" getroffen, weil das Leben sich eben nicht im Gleichmaß voranbewegt, sondern ruckend und sogar ohne erkennbaren Sinn.

Deshalb erzählt Martynova ihren Roman auch in kleinen Episoden - in Splittern, die aus dem Kontinuum herausgebrochen sind. Sie hüpft zwischen Figuren und Zeitebenen und literarischen Bezügen hin und her, dabei immer wieder im Jetzt des Textes und des Jahres 2006 landend. Das ist das Jahr ihrer Deutschlandreise, in dem sie Andreas wieder trifft, der Anfang der Neunziger eine andere geheiratet hat und doch weiterhin ein Teil ihres früheren Lebens ist. Kann aber an dieses einfach so wieder angeknüpft werden, wie er mit seinem Heiratsantrag Marina glauben machen mag?

Einmal fragt sie den befreundeten Dichter Fjodor, wie man das Alter messe. Und der erwidert, "mit der Anzahl der Optionen, die du noch hast". Das Leben verengt sich immer mehr. Die Literatur aber kennt nicht nur die Optionen, die in die Zukunft zielen, sondern auch all jene der Vergangenheit. Sie können immer wieder neu erzählt werden. Die Lyrikerin und Essayistin Olga Martynova hat mit ihrem ersten Roman eine poetische Reflexion über die nicht vergehende Zeit geschrieben - und die Geschichte eines Lebens, das vor den Umwälzungen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts seinen Eigensinn behaupten muss.

Autor:  Ulrich Rüdenauer
Datum:  19 | 2 | 2010
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