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Literatur

11. Oktober 2012

Romane von Mo Yan: „Hauptziel Kommunismus, Nebenziel Yichis Taverne!“

 Von Sabine Vogel
Szene aus „Das Rote Kornfeld“Foto: Cinetex

Die Romane von Mo Yan, Träger des Literatur-Nobelpreises 2012, sind magisch, realistisch und voll grotesker Komik.

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Die Romane von Mo Yan, Träger des Literatur-Nobelpreises 2012, sind magisch, realistisch und voll grotesker Komik.

Wahnsinn! Ein Autor von brüllend komischen und zugleich unvorstellbar grausamen Geschichten bekommt den Literatur-Nobelpreis. Mo Yan, hier am ehesten bekannt für seinen von Zhang Yimou verfilmten Roman „Das Rote Kornfeld“, hat zwar vor drei Jahren neben Angela Merkel und den Funktionären der chinesischen Regierung den Gastauftritt Chinas auf der Buchmesse als Eröffnungsredner geadelt, aber seine Romane sind meilenweit entfernt davon, angepasste Literatur zu bieten.

Mo Yan ist keiner der hierzulande so beliebten Regimegegner, aber ein Opportunist ist er auch nicht gerade. Dazu sind seine Werke viel zu deutlich auf der Seite der Geknechteten und Entrechteten. Sie sind Chinesen, arme Bauern und Landarbeiter zumeist, aber ihr Leid ist so universell wie die Tyrannei der Mächtigen. Es sind Menschen, die schuldhaft sind, gemein, niederträchtig, geil, versoffen, grobschlächtig, ungebildet, närrisch, und in ihrem Überlebenswillen unschlagbar komisch über ihren Tod durch Ersäuft- oder Abgestochenwerden hinaus.

Mo Yans irrwitziges Romankonstrukt „Die Schnapsstadt“ ist mit betrunkenen Lastwagenfahrerinnen und kannibalistischen Funktionärskadern bevölkert, die sich lustvoll geifernd über knusprig frittierte Babies hermachen. Der monströs brutale Roman „Die Sandelholzstrafe“ beschreibt in schmerzhafter Akribie das Martyrium von Sun Bing, der eine Woche lang spektakulär zu Tode gefoltert wird. Sun Bing, ein umherziehender Gaukler und Erfinder einer „Katzenoper“ aus Bettlern, wiegelte zur Zeit der Boxeraufstände um 1899 die Landbevölkerung zur Rebellion gegen die „christlichen Kolonisatoren“ auf. Kostümiert wie eine Operettenarmee ziehen die Bauern mit Mistgabeln ins blutige Gemetzel.

Gerichtshöfe in der Unterwelt

Mo Yans fabelhafte Werke muss man nicht als versteckte Regimekritik interpretieren, sie verhandeln keine der unmittelbar politisch tabuisierten Themen. Seine Gerichtshöfe befinden sich in der Unterwelt, die Folterkammern in der Hölle oder einer historisch fernen Zeit. „Sozialkritisch“ sind diese epischen Romane freilich insofern, dass sie sich in ihrem märchenhaft magischem Realismus immer den gottserbärmlichen Verhältnissen der Landbevölkerung widmen. In seinem Roman „Die Knoblauchrevolte“ hat Mo Yan, der selbst aus einem Dorf in der Knoblauchanbauregion Gaomi stammt, 1987, ein Jahr vor dem Massaker auf dem Tian’anmen, einen Bauernaufstand gegen die willkürliche Preispolitik des Staates, den Morast aus Gewalt, Korruption und Klüngelei ausgemalt. Unpolitisch ist das nicht zu nennen.

Auch wenn in der „Schnapsstadt“sich ein Meister namens Mo Yan in die eh schon hochkompex verschachtelte Erzählstruktur einmischt, oder in „Der Überdruss“ ein Schweinefarmer namens Mo Yan auftritt, sind Mo Yans Romane nicht – westlich postmodern – selbstreferentiell oder gar experimentell. Im Gegenteil, er benutzt eine geradezu altmodische, an der derb elementaren, volkstümlichen Ausdrucksweise der einfachen Bauern geschulte Fabulierkunst in klassischen Erzählstrukturen.

Die Sprengkraft seiner Bücher besteht in ihrer Sprache selbst. Mo Yan schreibt im Duktus einer Volksoper, in Gesängen und Reimen, Chören, da hauen und stechen sich Sprichwörter und Volksweisheiten – wie etwa „Kein Honig ohne Bienenkotze“.
Mo Yans Volk der Schurken und Kanaillen, der Liebeskranken, Sturköpfe, Geldsäcke und Gockel darf nach Herzenslust, fressen, furzen, rülpsen, würgen, schwitzen und schmatzen. Von den aufrechten Helden eines sozialistischen Realismus ist da weit und breit keine Spur. „Hauptziel Kommunismus, Nebenziel Yichis Taverne!“ heißt die Parole von Mo Yans Alter Ego aus der Schnapsstadt. Zum Thema Selbstkritik hat dieser dort den Einwurf parat: „Schluss mit dem scheißblöden Geschwätz“.

Nobelpreisverdächtiger Verlag

Das ist vulgär, gemein, drastisch und voll grotesker Komik. Voll Saft und halluzinatorischer Kraft und einer beserkerhaften Sprachgewalt, die in der Weltliteratur seines gleichen sucht. Als hätten sie’s wieder mal geahnt, erscheint Mo Yans neuer Roman „Wa“ (Frösche) 2013 im Münchner Hanser Verlag, der jetzt insgesamt vierzehn Literaturpreisträger in seinem Programm hat, darunter jene der letzten drei Jahre.

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