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Literatur

13. November 2014

Romane Wilder Westen: Und gestunken haben sie auch noch

 Von 
Schluss mit nostalgischer Cowboy-Romantik à la Hollywood.  Foto: Reuters

Zwei rabenschwarze Romane über einen elenden Wilden Westen: „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale und „God’s Country“ von Percival Everett.

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Bereits seit einer guten Weile wird in Film und Buch versucht, das coole Image amerikanischer Westernhelden, überhaupt des Lebens im so genannten Wilden Westen anzukratzen. Anfang der 90er stolperte in „Erbarmungslos“ Clint Eastwoods gealterter Revolverheld durch den Schweinedreck, schon ein paar Jahre früher schrieb Pete Dexter den Klassiker „Deadwood“, wo ein erblindender Wild Bill Hickock umstandslos erschossen wird (immerhin nimmt er regelmäßig ein Bad, da ist er im ungezieferverseuchten Titel-Kaff die Ausnahme).

Trotz aller mit „Deadwood“ vergleichbarer Brutalität und Dunkelheit ist Joe R. Lansdales „Das Dickicht“ („The Thicket“, 2013) eine Art Schelmen- und Bildungsroman, erzählt aus der Sicht eines verwaisten 16-Jährigen: Jacks Eltern sterben an den Pocken, sein Großvater wird von Gangstern erschossen, seine Schwester Lula, 14, entführt. Wenigstens sie möchte Jack zurückhaben, auch ahnt er zumindest, was die Gangster ihr antun wollen. So verspricht er einem schwarzen Fährtensucher und einem Liliputaner-Kopfjäger das Land seiner Eltern, wenn sie ihm helfen, Lula zu befreien.

Tatkräftiger Keiler

Der Schwarze wird von einem tatkräftigen Keiler begleitet, dem Trupp schließt sich eine Hure an. Dass sie ein Herz aus Gold hat und Jack in die Liebe einweiht, versteht sich leider von selbst – es ist ein Schwachpunkt in diesem sprachlich furiosen Roman, dass man seine Figuren so schnell in wohlvertraute Schubladen stecken kann. Das sorgfältig recherchierte Zeitkolorit macht dagegen froh: Ein Auftritt der Marx Brothers 1894 im „Opryhaus“ von Galveston wird beiläufig erwähnt, ebenso der Stahlarbeiter-Streik 1892, in dem die berühmte Detektei Pinkerton eine unrühmliche Rolle spielte.

„Das Dickicht“ scheint zunächst eine Variation auf den bereits 1994 im Original erschienenen Roman „God’s Country“ von Percival Everett zu sein. Denn auch in diesem wird eine, freilich nicht mehr minderjährige, Frau entführt, macht sich in diesem Fall der junge Ehemann auf, sie mit Hilfe eines schwarzen Fährtenlesers zu finden, wird dem Schwarzen als Honorar ein Stück Land versprochen. Und in beiden Büchern sind die Seiten voll blutiger und olfaktorischer Impressionen aus einem wahrhaft elenden Wilden Westen.

Custers Massaker

Everetts Ich-Erzähler Jock Marder allerdings ist, obwohl er so daherquatscht, beileibe kein Schelm wie Lansdales Jack, sondern berechnend, geldgierig, sexistisch, rassistisch. Letzteres waren im Jahr 1871 vermutlich aber 99,9 Prozent der weißen Amerikaner, so dass man „God’s Country“ in dieser Beziehung als realistisch bezeichnen muss.

Gegen Ende lässt Everett den Roman kippen, da wird Jocks Schandmaul deutlich weniger lustig, sein Verhalten moralisch (noch) schäbiger. Er verrät einen Indianer-Stamm, der ihm Zuflucht gab, an Colonel Custer. Der richtet ein Massaker an. Auktoriale Ironie trieft aus jedem Custer-Satz, wenn dieser Jock unter anderem erklärt: „Der Barbar als solcher achtet den Grundbesitz nicht“. Es ist der schwarze Fährtenleser, der Rache schwört für die gemetzelten Indianer. Da weist „God’s Country“ in die Zukunft, die ja etwa Tarantinos „Django Unchained“ brachte.

Joe R. Lansdale: Das Dickicht. A. d. Englischen von Hannes Riffel. Tropen 2014, 332 S., 19,95 Euro.

Percival Everett: God’s Country. A. d. Englischen von Susann Urban. Edition Büchergilde 2014. 224 S., 22,95 Euro.

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