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Literatur

05. Juni 2014

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott: Das Leben ist schön!

 Von 
"Atheismus ist Freiheit". Demonstrant auf dem Petersplatz in Rom.  Foto: REUTERS

Unerhört mutig, gänzlich unzeitgeistig: Der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin entwirft in seinem Buch "Religion ohne Gott" das Programm eines religiösen Atheismus.

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Kann ja sein, dass Gott tot ist. Aber das ist nicht entscheidend. Viele Menschen nämlich, die sich als Atheisten verstehen, machen Erfahrungen und hängen Überzeugungen an, die denen, welche Gläubige als „religiös“ bezeichnen, ähneln und ebenso tiefschürfend sind. Das sagt der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin. Religion? Eine Weltsicht, derzufolge es eine „eigenständige Wirklichkeit von Werten“ gibt, die „alles durchdringt“.

Die Annahme, dass „das Universum und seine Geschöpfe Ehrfurcht gebieten“, dieses Universum eine Ordnung und das menschliche Leben einen Sinn hat. So gesehen gibt es kaum Menschen, die nicht religiös wären.

Religion ist tiefer als Gott

Diese Idee ist nicht neu. Der Berliner Philosoph Herbert Schnädelbach sprach schon vor 15 Jahren vom „frommen Atheismus“; der protestantische Theologe Hans-Martin Barth hat unlängst gefragt, inwiefern man „konfessionslos glücklich“ sein könne (Gütersloher Verlagshaus 2013); der italienische Philosoph Mario Perniola erkundete das „katholische Fühlen“ (Matthes & Seitz 2013) auf der Suche nach einem „Glauben ohne Dogma“. Das Gefühl ist auch für Dworkin die zentrale Instanz einer „religiösen Haltung“, das „starke Gefühl, dass das Leben Wert, Sinn und etwas Geheimnisvolles hat“. Und dafür brauche es keinen Gott. Denn Religion, sagt er, ist etwas Tieferes als Gott.

Das Buch

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott. Aus dem Englischen von Eva Engels. Suhrkamp, Berlin 2014, 146 S., 19,95 Euro.

Das ist eine starke These. Die Theologie behauptet gern das Gegenteil: Gott ist etwas Tieferes als Religion. Und die Philosophie hat berechtigte Zweifel an einer eigenständigen Wertwirklichkeit formuliert. Dworkin weiß das natürlich, er denkt absichtsvoll gegen den Strich. Dass seine Argumente skizzenhaft bleiben, ist dem Tod vorzuwerfen: Das Buch basiert auf den Einstein Lectures, die Dworkin im Dezember 2011 in Bern gehalten hat; er wollte sie erheblich erweitern, starb jedoch im Februar 2013. So ist „Religion ohne Gott“ eher ein Programmentwurf für einen religiösen Atheismus, zugleich jedoch die konsequente Fortschreibung seines großen Grundlagenbuches „Gerechtigkeit für Igel“ (2012).

Damals entfaltete er seine Werte-Theorie, jetzt wendet er sie an: Welche Werte schenken dem Leben Sinn? Dworkin spricht von Schönheit, Natur und Erhabenheit. Schönheit ist für ihn etwas Kosmisches, das ethische Ansprüche stellt. Sie gibt es in vielerlei Weise: für die Physik auf ihrer Suche nach einer „Weltformel“, für jeden Einzelnen als „Zauber“, als „Geheimnis“ und als Verpflichtung, „ein gutes Leben zu führen“. Ja, aber bleibt das Geheimnis dieser Schönheit nicht doch ein leeres Wort?

Die beiden Zürcher Theologen Ingolf U. Dalferth und Andreas Hunziker fragen in dem jüngst erschienenen Aufsatzband „Gott denken – ohne Metaphysik?“ (Mohr Siebeck, Göttingen 2014, 219 S., 64 Euro), ob es möglich ist, „nicht nur irgendetwas Göttliches zu fühlen oder zu imaginieren, sondern Gott zu denken, und zwar so zu denken, dass damit nicht irgendwas, sondern wirklich Gott gedacht wird“. Auch wenn man wie Dworkin sagt, man brauche Gott gar nicht zu denken, stellt sich die Frage, wie man etwas Konkretes fühlt und denkt – und nicht nur irgendetwas. Andernfalls verschwinden Begriffe wie Schönheit, Gefühl, Erhabenheit im Schaumbad der Differenzlosigkeit.

Eine heute unmöglich scheinende Versöhnung

Dennoch, Ronald Dworkins Ansatz ist unerhört mutig, gänzlich unzeitgeistig. Denn er behauptet damit eine Einheit des Kosmos und einen Versöhnung von Religion und Wissenschaft, wie sie in der Moderne unmöglich geworden schien.

Dass sich auf diese Weise allerdings auch die Religionskonflikte befrieden lassen, wie Dworkin meint, ist wohl kaum mehr als eine Hoffnung. Werden sich Gläubige und Atheisten je darauf einigen können, dass sie einen gemeinsamen „tiefen religiösen Impuls teilen“? Die einen müssten ihren Gott und die anderen ihre Gottlosigkeit weniger wichtig nehmen. Vielleicht kommt es dazu, vielleicht.

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