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Literatur

01. August 2014

Rüdiger Carl/Oliver Augst: Ab Goldap: Über Köpfe und Wände

 Von Hans-Jürgen Linke
Rüdiger Carl mit Instrument.  Foto: christoph boeckheler*

Musiker und Schnittmengen-Persönlichkeit Rüdiger Carl entwickelt in äußerst anregenden Gesprächen mit Oliver Augst seine Autobiografie.

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Goldap, etwa 150 Kilometer östlich von Kaliningrad, gehörte noch zu Ostpreußen, als dort Rüdiger Carl im April 1944 geboren wurde. Im Herbst kam die Rote Armee, Familie Carl floh und gelangte über Umwege nach Kassel. Rüdiger Carl trägt seine strukturelle Flüchtlings-Fremdheit seither als ein ständiges An- und Abreisenmüssen mit sich. Nicht als Bürde, sondern als künstlerisches Prinzip.

Carl gehört als Musiker, Komponist, Performer und Schnittmengen-Persönlichkeit seit den sechziger Jahren zu den Protagonisten der freien improvisierten Musik in Europa, die er eigentlich nicht „Jazz“ nennen will. In den neunziger Jahren kam er nach Frankfurt, wo er erhebliche Aktivitäten als Musiker und Konzertveranstalter entfaltete, mit Weggefährten unter anderem eine Konzertreihe im Portikus und das Pol-Festival im Mousonturm begründete und in Musiker-Initiativen aktiv war.

In einem ausführlichen Gesprächs-Zyklus mit dem Frankfurter Musiker, Produzenten und Autor Oliver Augst vergewissert sich Rüdiger Carl seiner Biografie und einigen speziellen Elementen seiner Umtriebigkeit. Die Gespräche sind in eine chronologische und sogar thematische Ordnung gebracht, so dass eine zwanglos erzählte Biografie entsteht.

Das Buch

Rüdiger Carl / Oliver Augst: Ab Goldap. Weissbooks, Frankfurt a. M. 2014. 224 Seiten mit Fotoseiten und CD mit 17 Liedern. 30 Euro.

Carl erzählt pointiert, aphoristisch, mit weitem Horizont und tief greifendem Witz. Er erzählt von seiner Flüchtlingskindheit, seiner Lehre als Schriftsetzer beim Kasseler Bärenreiter-Verlag, seinen leitmotivisch wiederkehrenden Auf- und Ausbrüchen aus jeder Enge, von Weggefährten wie Alexander von Schlippenbach, Sven Ake Johansson, Hans Reichel oder Peter Kowald, Aktivitäten zwischen bildender, klingender und aufgeführter Kunst, von Ereignissen in Wirtshäusern mancherlei Art. Das Buch ist durchzogen von erstaunlichen Aphorismen, persönlichen Klugheiten, präzisen und weitreichenden Gedanken, zwanglos unterfüttert von einem sinnlich orientierten Blick auf das Leben.

Oliver Augst als teilnehmend-beobachtender Gesprächspartner changiert elegant zwischen einem lässig-kundigen Redenlassen des Interviewten und einer sanften Beharrlichkeit im Verfolgen thematischer Stränge. Der eigentliche Held des Buches jedoch, obwohl er nur einmal erwähnt wird, ist der Helmkasuar, ein flugunfähiger Vogel mit einer soliden Hornplatte auf der Stirn, mit dem Rüdiger Carl sich im Vorbeiziehen vergleicht: „Das Schicksal“, sagt Carl, „kann man nicht bestimmen, aber man kann sagen, hier ist mein Tempo. Und man kann sich sagen, ich weiß, ich mache gern große Sprünge, ich brauche dann hier so ein Schild an der richtigen Stelle, dass ich mich nicht immerfort völlig wund haue, wenn ich mit dem Kopf durch die Wand will.“

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