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Literatur

05. Januar 2016

Russland: Der kollektive Putin

 Von 
Public Putin-Viewing in Sewastopol, Dezember 2015.  Foto: REUTERS

Der Journalist Michail Sygar zeichnet ein Porträt der politischen Elite in Moskau - ganz im Stil der amerikanischen Fernsehserie „House of Cards“. Das Buch ist jedoch zu flott und frei erzählt.

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Wladimir Putin, so liest man im Buch des Moskauer Journalisten Michail Sygar, interessiert sich für amerikanische Fernsehserien. Seinem Verteidigungsminister Sergej Schojgu soll er empfohlen haben, „House of Cards“ anzuschauen: „Das wird dir nützen“, habe er gesagt, und damit gemeint: Das wird dir zeigen, wie Politik in Washington wirklich funktioniert.

„House of Cards“ dreht sich um einen mächtigen Kongress-Abgeordneten, dessen Zynismus keine Grenzen kennt. Man lernt aus der Serie tatsächlich viel über die Mechanismen der Macht, über die Umgangsformen der Elite, über den komplizierten Kreislauf von Geld und Wählerstimmen und Einfluss. Man darf nur nicht vergessen, dass es sich um eine Fiktion handelt.

Ein bisschen ist es auch mit Sygars Buch so. Es ist gewissermaßen ein „House of Cards“ für das politische Moskau – ein packend geschriebener Bericht über die Kämpfe, Bündnisse und Intrigen, die in den Kabinetten des Kreml und den Villen der Rubljowka stattgefunden haben. Es ist das Porträt einer politischen Elite und ihrer bizarren höfischen Kultur, gezeichnet von einem, der mit vielen Protagonisten hat reden können. Michail Sygar ist Chefredakteur des Fernsehkanals „Doschd“, eines liberalen kreml-kritischen Senders, der über das Internet zu empfangen ist.

Wie in den Episoden einer Fernsehserie, so steht auch in den 19 Kapiteln von Sygars Buch jeweils ein neuer Darsteller im Mittelpunkt; aus allem zusammen ergibt sich eine Geschichte von Putins 15-jähriger Herrschaft. Sie beginnt mit Alexander Woloschin, gewissermaßen Boris Jelzins Erbverwalter. Er war es, der als Chef der Kremlverwaltung die Unantastbarkeit des Jelzin-Clans und der neuen Eigentumsverhältnisse rettete, indem er den chancenreichsten Nachfolger Jelzins – Jewgeni Primakow – austrickste und dem jungen Wladimir Putin ins Amt half. Von diesem Ausgangspunkt führt Sygars Erzählung bis fast zum Mord an Oppositionspolitiker Boris Nemzow im Februar 2015.

Auf dem Weg begegnen wir bekannten Gestalten. Da ist Dmitri Medwedew, der Putin 2008 ins Amt nachfolgt; ein „idealer Gogol’scher Beamter“, der sich komplizierte Reformen ausdenkt, die nichts ändern außer den Bezeichnungen – ihm ist es zu verdanken, dass es in Russland wieder „Wirkliche Staatsräte 3. Klasse“ gibt. Da ist Igor Setschin, der den Öl-Reichtum kontrolliert („er jagt Angst ein, und er weiß das“); da ist Sergej Iwanow, der sich für Putins Nachfolger hielt („ein exemplarischer Sowjetoffizier“); und da ist Oppositionsführer Alexej Nawalny („der einzige echte Politiker in einem Land von 143 Millionen Einwohnern“).

Und da ist Putin selbst, der sich von Amtszeit zu Amtszeit verändert – in Sygars salopper Formulierung wird er von „Putin Löwenherz“, dem tapferen Reformer, zu „Putin dem Prächtigen“, der die Bequemlichkeit sucht; dann gibt er vier Jahre die Zügel ab an Medwedew, den „Falschen Demetrius“, bis er als „Putin der Schreckliche“ zurück ins höchste Amt strebt, weil er merkt, dass es anders nicht geht.

Diesen Moment beschreibt Sygar genauer: Wie Putin im Sommer 2011 drei Tage am Kaspischen Meer mit Medwedew angeln geht, und wie der Premier dem Präsidenten eröffnet, dass er seinen Sessel räumen müsse. „‚Die Lage in der Welt ist kompliziert, Dima. Sogar das Land kann verloren gehen.‘ So wird dieses legendäre Gespräch wiedergegeben. ‚Aber warum‘, gab Medwedew verwirrt zurück, ‚soll gerade ich es verlieren?‘. ‚Weil die Lage in der Welt so kompliziert ist, Dima. Gaddafi hat auch geglaubt, dass ihm das nicht passiert. Aber die Amerikaner waren schlauer.‘“

Auch das ist schön erzählt, und in einer künftigen Fernsehserie namens „Cremlin of Cards“ könnte man es sich gut vor der Kamera ausmalen – im Vordergrund die Angelruten, durch die Bäume leuchtet eine Ministerialdatscha, und über dem leisen Plätschern des Wassers hören wir die selbstgewisse Stimme des Älteren, die weinerliche des Jüngeren… Aber halt! Woher weiß Michail Sygar eigentlich den Wortlaut dieses vertraulichen Gesprächs?

Das ist das Problem an Sygars Buch, dass es zu flott und frei erzählt ist. Der Autor schöpft aus anonymen Quellen, er zitiert Klatsch und Gerüchte, es unterlaufen ihm ab und zu auch Fehler, und der Leser weiß nicht: Ist das eine Geschichte der russischen Elite der letzten 15 Jahre, oder ist das eine Summe der Geschichten, die sich die russische Elite über die letzten 15 Jahre erzählt – und von denen manche zutreffen, andere nicht? Deshalb ist die russische Ausgabe des Buches zwar mit großem Interesse, aber auch mit Kritik aufgenommen worden.

Da lesen wir etwa, dass die Idee des Oligarchen Potanin, die Olympischen Winterspiele in Sotschi durchzuführen, auf subtile Weise an Putin herangetragen wurde: Indem man Plakate einzig an Putins täglichem Weg zur Arbeit aufstellte und Radiospots mit Hilfe von Putins Sprecher so genau auf den Zeitplan des Präsidenten abstimmte, dass er sie im Auto hören würde. Wahr oder falsch? Ein Gerücht, sagt Sygar, und lässt die Frage offen.

Ein Buch, das mehr sein will als eine fiktionale Fernsehserie, müsste sich da eigentlich entscheiden. Andererseits spiegelt die Schwäche des Buches ja eine Schwäche des politischen Systems. Dieses System produziert ein Übermaß an Gerüchten, weil es gar nicht über jene Bühnen verfügt, auf denen politische Kämpfe öffentlich geführt und Entscheidungen vor aller Augen getroffen werden können. Wahlen, Parlament, Gerichte – das ist alles nur Kulisse, die niemand ernst nimmt. Putins Russland ist ein höfisches System, und die wichtigste Ressource darin ist das, was auf russisch „Zugang zum Körper“ heißt. Zugang zum Körper, also zum Präsidenten, lässt sich durch nichts anderes ersetzen.

So sind selbst Klatsch und Gerüchte, wenn sie sorgfältig notiert und vernünftig gedeutet sind, eine wichtige Quelle. Sie erzählen, wie die russische Elite ihre eigene Welt erfährt, welche Ängste und Hoffnungen sie teilt. Ihre Gefühle und Gedanken sind auf geradezu erschreckende Weise auf Putin fixiert. Wenn er verschwindet, gerät die Welt aus den Fugen. Im Herbst 2012 etwa rätselte Moskau, wo der Präsident sei – ein Termin nach dem anderen wurde ohne Erklärung abgesagt, von einer Krankheit oder einem Judo-Unfall wurde gemunkelt. Wer führte damals das Land?

Keiner, behauptet Sygar. Auch nach dem Mord an Boris Nemzow verschwand Putin für zehn Tage spurlos; auf den Webseiten des Kreml wurden Treffen mit Besuchern dokumentiert, die ganz offensichtlich falsch datiert waren. Das sollte Putins Fehlen kaschieren, schuf aber noch mehr Unruhe. War Putin krank? „Unter hohen Beamten lief das Gerücht um, der Präsident habe sich zurückgezogen, um nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Oder gar, weil er um sein eigenes Leben fürchtete. Oder um keine Entscheidungen treffen zu müssen und die Sache auszusitzen.“

Putins Moskau ist eine Welt, die nach Signalen lebt, nicht nach Gesetzen; in der niemand weiß, wohin die Reise geht; in der jeder rätselt, was der Präsident als nächstes tut; ja, in der auch der Präsident selbst rätselt, was er tun soll, weil er nicht weiter weiß. Putin entscheidet in Russland alles, schreibt Sygar, aber dieser Putin ist kein Einzelmensch, sondern ein kollektives Ich.

Und dieser kollektive Putin handelt unvorhersehbar und erratisch. Erst im Rückblick wird aus einer Abfolge von Zufällen eine zusammenhängende Geschichte vom ewigen Kampf gegen Feinde gewebt. Putin, so behauptet Sygar, wollte ursprünglich nicht dorthin, wo er sich heute befindet. „Wir alle haben uns unseren Putin erschaffen“, schließt er.

Das ist eine interessante, aber auch kühne These. Hat die russische Gesellschaft im Verein mit der Außenwelt Putin gezwungen, zum autoritären Herrscher zu werden? „Also wenn ich mir Putin erschaffen hätte, sähe er etwas anders aus“, hat der Oppositionelle Roman Dobrochotow auf Sygars Buch erwidert.

Michail Sygar: Endspiel. Die Metamorphosen des Wladimir Putin. Kiepenheuer und Witsch 2015, 400 S., 16,99 Euro.

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