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Literatur

26. März 2016

Sacha Batthyany: Könntest du Juden verstecken?

 Von Susanne Lenz
Sacha Batthyany auf der Leipziger Buchmesse, im Gespräch mit der Journalistin Luzia Braun.  Foto: imago/Manfred Segerer

„Was was hat das mit mir zu tun?“ Der Schweizer Journalist und Autor Sacha Batthyany erforscht die Geschichte seiner Familie.

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Das Buch

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun? Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 256 S., 19,99 Euro.

Sacha Batthyany ist Mitte 30 und lebt in Zürich, als ihm eine Kollegin bei der „Neuen Zürcher Zeitung“, wo er damals arbeitet, einen Zeitungsartikel auf den Tisch legt. Der Text hat die Überschrift „Die Gastgeberin der Hölle“ und handelt von seiner Großtante Margit. Margit Thyssen-Batthyany soll im März 1945 am Rande eines von ihr veranstalteten Festes an einem Massaker an 180 Juden im österreichischen Rechnitz, einer Stadt an der Grenze zu Ungarn, beteiligt gewesen sein. „Was hast du denn für eine Familie“, fragt die Kollegin. Batthyany ist schockiert.

Sacha Batthyanys Familie stammt aus Ungarn, er ist in der Schweiz geboren, auch die Eltern leben hier. Für die Geschichte seiner Familie hat er sich bisher nicht interessiert. Das ändert sich nun. Er befragt seinen Vater und andere Verwandte, schreibt Briefe, sucht in Archiven, liest Tagebücher. Er fährt nach Rechnitz, nach Ungarn, Sibirien und am Ende sogar nach Buenos Aires, zu einer Auschwitz-Überlebenden. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, doch über ihr steht die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“

Es ist eine Frage, die Maxim Biller Sacha Batthyany eines Abends bei einer zufälligen Begegnung in einem Zürcher Restaurant gestellt hat und die den Autor umtreibt, auch wenn er sie spontan mit „nichts“ beantwortet hat. Er begibt sich sogar in die Hände eines Psychoanalytikers, um Antworten darauf zu finden. „Ich will wissen, was von früher in meinen Knochen steckt“, sagt er diesem.

Manchmal schießt er mit seinen Antworten übers Ziel hinaus. Als „kleinen Nazi im Kinderzimmer“, beschreibt er sich, nachdem er dem Analytiker entsetzt über sich selbst gesteht, dass er seinem kleinen Sohn eine Ohrfeige gegeben hat. Das wirkt unangenehm kokett. Aber eigentlich fesselt das Buch, auch weil Batthyany nicht nur über das schreibt, was er herausfindet über seine Familiengeschichte, die mit der Geschichte Mitteleuropas verwoben ist, sondern auch über seine Gedanken, seine Zweifel, sein Ringen.

Gegenwart der Vergangenheit

Was die Gegenwart dieser Vergangenheit ist, diese Frage beantworten zwei Kapitel. Das eine handelt von dem Besuch im Moskauer Gulag-Museum und in Asbest in Sibirien, wo einst das Lager war, in dem der Großvater Feri jahrelang inhaftiert war, der als Leutnant der ungarischen Armee an der Seite der Deutschen gegen die Rote Armee kämpfte. Batthyany unternimmt diese Reise zusammen mit seinem Vater, und es gibt eine schöne Szene in einem Moskauer Sushi-Restaurant, in der es um Hitler, Religion und den Gulag geht. Dazu gibt es Wodka, und am Ende prügeln sich die beiden fast. Nein, das Vergangene ist nicht tot.

Dass es nicht einmal vergangen ist, erfährt Batthyany in Buenos Aires, wo Agnes lebt, die Auschwitz-Überlebende, deren Vater einen Laden im ungarischen Sarosd hatte. Dort stand das Schloss der Grafen Batthyany. Für Agnes’ Enkelinnen ist die Vergangenheit auf eine Weise gegenwärtig, die Batthyany aus der Fassung bringt. „Könntest du das, Juden verstecken“, schreibt er bei der Abreise in sein Notizbuch. Und da darunter die Antwort: „Nein.“

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