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Literatur

27. Februar 2010

Sachbuch "Gleichheit ist Glück": Ungleichheit macht krank

 Von Matthias Becker

"Gleichheit ist Glück": Zwei englische Mediziner haben erforscht, dass für die Gesundheit der Menschen Reichtum weniger wichtig ist als Verteilungsgerechtigkeit. Von den Ursachen sozialer Psychosomatik.

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Manches, was man heute als Armut beklagt, wäre in meiner Kindheit beinahe kleinbürgerlicher Wohlstand gewesen." Viele denken wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der immer wieder betont, dass es den Unterprivilegierten hierzulande so schlecht nicht gehen könne, schließlich besäßen fast alle einen Fernseher, Videorecorder oder ein Auto - Dinge, die noch in den 70er Jahren für viele Facharbeiter unerreichbar waren. Falsch, sagen Richard Wilkinson und Kate Pickett, zwei englische Epidemiologen, deren Buch "Gleichheit ist Glück" gerade auf Deutsch erschienen ist. Zumindest in den entwickelten Ländern sei das Schlimme an der Armut nicht Mangel, sondern Kränkung.

Wilkinson und Pickett untersuchen seit Jahren, welche Faktoren das Wohlergehen der Menschen bestimmen. Sie sind überzeugt, dass Gesundheit und Lebenserwartung in einer Gesellschaft unmittelbar davon abhängen, wie gleichmäßig der Reichtum verteilt ist. Ungleichheit dagegen "führt zu geringerer Lebenserwartung, zu geringerem Geburtsgewicht und höherer Säuglingssterblichkeit. Die Menschen erreichen eine geringere Körpergröße, sie sind anfälliger für Infektionskrankheiten und Depressionen". Es kommt demnach gar nicht so sehr darauf an, ob jemand über einen Fernseher verfügt oder nicht. Wichtig ist, ob die anderen einen haben. In den USA verfügen 80 Prozent der nach offizieller Definition Armen über eine Klimaanlage, 75 Prozent über ein Auto und 33 Prozent über Computer, Zweitwagen oder Geschirrspülmaschine. Dennoch leiden sie häufiger unter Krankheiten als Menschen mit dem gleichen Konsumniveau in anderen Gesellschaften. Wilkinson und Pickett zeigen, dass derselbe Lebensstandard unterschiedliche Folgen hat - je nachdem, wie hoch der Lebensstandard der anderen ist.

Der wichtigste Grund dafür ist der "sozialen Psychosomatik" von Wilkinson und Pickett zufolge, dass Ungleichheit chronischen Stress erzeugt. Besonders die vermehrte Ausschüttung des Hormons Cortisol führe in den entwickelten Ländern zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen und Fettleibigkeit.

Keine Angst vor Unpopulärem

Deshalb führe ab einem bestimmten Niveau der Gesundheitsfürsorge mehr Wohlstand nicht zu einer entsprechenden Steigerung der durchschnittlichen Lebenszeit, wie gemeinhin angenommen wird. Das Pro-Kopf-Einkommen in Portugal beispielsweise ist nur halb so groß wie in den USA. Die Lebenserwartung aber liegt in beiden Ländern bei ungefähr 75 Jahren.

Anders gesagt: Je gleichmäßiger die Verteilung, desto weniger Reichtum ist nötig, um das gleiche Maß an Lebenszeit und Lebensqualität zu erreichen. Dabei geht es wohlgemerkt nicht um "Chancengleichheit", um faire Startbedingungen beim Wettlauf um Einkommen und Status, sondern um Gleichheit im Ergebnis: ein politischer Standpunkt, der heute völlig marginalisiert ist.

Aber die beiden Mediziner haben keine Angst, Unpopuläres auszusprechen. Lapidar stellen sie fest, Gleichheit könne durch geringe Lohnspreizung wie durch staatliche Umverteilung erreicht werden; der Effekt für den Gesundheitszustand der Bevölkerung sei derselbe.

Der Untertitel der englischen Originalausgabe - "Warum es egalitäreren Gesellschaften fast immer besser geht" - zeigt den Geist, der hier weht: Zwei Naturwissenschaftler, die ebenso fest an ihre Forschungsergebnisse wie an den kollektiven Erkenntnisfortschritt glauben, aufrichtig bis zur Naivität - beispielsweise wenn sie versuchen, die Begüterten davon zu überzeugen, dass weniger individueller Besitz in ihrem eigenen wohlverstandenen (Gesundheits-)Interesse wäre.

Wilkinson und Pickett argumentieren fast ausschließlich mit Statistiken, die Zahlen kommen von den UN, Unicef oder der WHO. Mit diesem Material können sie eindrucksvoll belegen, wie eng der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Gleichheit ist. Im Detail, wenn es etwa um die Häufigkeit von Gewalttaten, Drogenkonsum oder psychische Krankheiten geht, ist die Argumentation gelegentlich etwas holzschnittartig. Aber die Grundthese von Wilkinson und Pickett ist so unmissverständlich wie aktuell: Ungleichheit macht krank.

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