Sportler tun es, Manager und Politiker sowieso: Bestechung, Korruption und die Manipulation von Verfahren kommen nicht nur vor, sie fügen sich auch in ein Gesamtbild gesellschaftlicher Normalität. Es ist wohl nur scheinbar ein Widerspruch, dass die medialen Bewegungsmelder den Ausnahmezustand signalisieren, wenn Regelverstöße und Abweichungen bekannt werden. Mit unablässiger Meinungsfreude wird moralisiert und skandalisiert, was die juristische Behandlung des Falls übrig lässt. Zwar müsste alles, so der allgemeine Tenor, sofort anders werden, doch das meiste ist bald wieder vergessen.
Das ist wohl auch einer der Gründe, warum Korruption zwar als gesellschaftliches Übel erkannt, selten jedoch nach ihren inneren Bewegungsgesetzen gefragt wird. Letztes hat nun der am Chiemsee lebende Künstler und Autor Uli Reiter in ausladender Gründlichkeit getan. Sein Buch "Lärmende Geschenke" ist eine von Systemtheorie und Ethnologie inspirierte Studie, die weite Wege geht und Naheliegendes neu sortiert.
Uli Reiter: Lärmende Geschenke. Die drohenden Versprechen der Korruption. Velbrück Verlag, Weilerswist 2009, 512 Seiten, 49,90 Euro.
Korruption ist der systemtheoretischen Lesart zufolge Kommunikation. Sie ist ein Versprechen, das Vertrauen nicht mit Vertrauen beantwortet, sondern mit Bedrohung. "Sie verspricht insgeheim Zeitgewinne, Gerechtigkeit, Freiheit und wechselseitig bindende Verständigung und droht im nächsten Augenblick mit deren Verlust und rechtlichen, sanktionierenden Konsequenzen. Kontaktnetzwerke versprechen Hilfe und drohen mit Nicht-Hilfe und Isolation..." Korruption hat Syntax und Rhythmus, aber sie werden irritierend anders verwendet. Wenn jemand einen Geldschein in einen Pass legt, ist das solange nicht von Belang, bis es selbst zum Anlass für Kommunikation wird.
Der Ambivalenz der Korruption begegnet man bereits in frühesten Quellen. Im mesopotamischen Schamasch-Hymnus ist von korrupten Richtern die Rede, doch das mit korrupt übersetzte Wort heißt genau genommen: schief, schräg. Und mit dem Wort Geschenk verhält es sich ähnlich wie mit der besonderen Bezeichnungsvielfalt der Eskimos für Schnee. Reiter durchforstet untergegangene Hochkulturen nach ihrem Verständnis von Gabe und Gegengabe und rechnet die Gewinne und Verluste durch, die Bestechung, Ablass und Vergeltung in ihrer jeweiligen historischen Situation ergeben. So störend und schädlich Korruption gerade für komplexe Funktionssysteme sein kann, ist sie doch auch ein Effizienz verheißendes Phänomen.
Scharnier in der Gesellschaft
Korruption, so Reiter, unterbricht den Verlauf von Verfahren auf eine besondere Art und Weise, nämlich durch ein Verhandlungsangebot. Wo etwas festgefahren schien, geht es nun plötzlich mühelos weiter. Mit der Korruption geht nicht nur das Versprechen der Bereicherung und Vorteilsnahme einher, nicht selten erwartet man von ihr auch eine Pro-blemlösung. Uli Reiter führt die gesellschaftliche Scharnierfunktion der Korruption vor, mittels derer sich Organisationen und Individuen positionieren. Dabei hat er sich einiges vorgenommen und wenig ausgelassen.
Unterm Strich bleiben nicht nur Erkenntnisgeschenke. Ein manchmal auf die Spitze getriebener, an Niklas Luhmann orientierter Theoriesound dreht mitunter deutlich zu stark auf. Die Nebenkosten der Korruption sind eben manchmal sehr hoch.