Ein schöner Titel: "Heldendämmerung". Und ein Untertitel, der fröhlich-polemische Einseitigkeit verheißt, was Ute Scheub in ihrem Buch dann glücklicherweise nicht einlöst: "Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist".
Tatsächlich ist der Band ein Emanzipationsbuch im weitesten, also besten Sinne. Und polemisch natürlich auch, wo es der Publizistin und "taz"-Mitgründerin vom Jahrgang 1955 geboten scheint. Denn nicht um schickes Gefunkel geht es der Autorin in ihrem klugen, meinungsstarken Feuilleton. Den nörgelnden Grundton besserwisserischen Räsonierens muss sie nicht anschlagen. Der Zeitgeis-terzug fährt weiter mit Volldampf nach nirgendwo, Scheub sitzt nicht drin.
Ute Scheub ist Politologin, Mitgründering der "taz" und war bis 1997 dort Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Zuletzt erschien von ihr "Das falsche Leben. Eine Vatersuche".
Dämmert es den Helden, dämmert es uns? Scheub stellt diese Frage ausdrücklich allen, denen es um gleichberechtigte Teilhabe an etwas geht, das man erst einmal herstellen müsste: einen zeitgemäßen gesellschaftlichen Diskurs. Der stellte nicht allein die tradierte Rollenverteilung, sondern das alltäglich aufgeführte Macht-Spiel überhaupt infrage.
Eine hübsche, tragische Geschichte
Scheub erzählt in der Einleitung eine hübsche, tragische Geschichte, die gleichnishaft einstimmt auf ihre Grundthese: Wir wissen Bescheid und haben nichts gelernt daraus. Auf der Osterinsel, so Scheub, habe es seinerzeit quasi paradiesische Zustände gegeben: Klima, Vegetation - alles prima. Dabei hätte es auch bleiben können, würden die Insulaner nicht einen sehr extensiven Ahnenkult gepflegt haben.
Für die Aufstellung immer noch höherer Steinstatuen ausschließlich männlichen Gschlechts, die jene der konkurrierenden Klans übertreffen sollten, seien die Bäume der Insel allmählich komplett als Rollenmaterial zum Transport der Fetisch-Kolosse verbraucht worden. Die Folge: eine ökologische Katastrophe, die vom 15. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zu dramatischer Nahrungsnot und schließlich sogar zu Kannibalismus geführt haben muss.
Die Autorin nutzt die überlieferte Geschichte als argumentative Plattform: "Sind die Götzenbilder des Männlichkeitswahns in unserer Kultur das, was für die Osterinselbewohner die Steinskulpturen waren?", fragt sie und bejaht insofern, als sie im "irrationalen Kult um starke, bewaffnete Männlichkeit" die Ursache bestehender wie kommender Konflikte um Ressourcen und Klimakriege sieht. Dabei geht es Scheub nicht um eine Abrechnung mit den Männern, sondern mit den Mechanismen, die Männer Gewalt ausüben lassen - gegen Frauen, Kinder und gegen ihresgleichen.Männer sind selbst oftmals Opfer männlicher Unterdrückung. Eine Botschaft, die aus der Arbeitswelt, dem Militär bekannt ist, aus Gründen der Peinlichkeit und Scham von den Unterdrückten aber lieber verschwiegen und durch "Heldentaten" am Biertisch oder zu Hause kompensiert wird, wo Gewalt sich zum gemeinsamen Schaden an Schwächere weitergeben lässt.
Anlässe für bissiger Spott gibt es genug
Geschickt, nicht routiniert nutzt Scheub das journalistische Handwerkszeug, sie schreibt assoziations- und beispielreich in populärer, pointierter Sprache. Anlässe zum bissigen Spott liefern die Protagonisten des Welttheaters selber. So lässt die Autorin im Kapitel "Wer regiert die Welt?" die aktuellen Potentaten als Kaiser in neuen Kleidern aufmarschieren. "Das einzige Glück für Italien ist, dass sich sein Chef weniger für Panzer und Kampfjets als für Blondinen interessiert", bemerkt Scheub sarkastisch und nimmt sich neben dem "Cavaliere" Berlusconi auch gleich noch der Herren Putin, Katzav, Sarkozy und Gaddafi an. Denen sei gemeinsam, "Frauen als Garnitur und Gebrauchsgegenstand" zu betrachten.
Mit der bröckelnden männlichen Hegemonie, beschleunigt durch den Bruch des Bildungsmonopols und das damit zunehmende Selbstbewusstsein der Frauen, steigt auch das Aggressionspotenzial der Männer. Kriegerische Konflikte, so Scheub, würden wahrscheinlicher, "wenn sich eine große Anzahl von Männern in ihrer männlichen Identität bedroht fühlt - umso mehr, wenn sie absturzgefährdeten Schichten angehört".
Mit unverhohlener Sympathie setzt Scheub Beispiele dagegen, die den Einbruch von Frauen in klassische Männerdomänen beschreiben: Im April 2008 reiste die spanische Verteidigungsministerin Carme Chacón nach Afghanistan. Strahlend und unübersehbar schwanger zeigte sich die 37-Jährige dort vor "ihren" Soldaten. Bezeichnend allerdings auch die Reaktionen der konservativen spanischen Presse auf diese Dienstreise: Spott und Häme regneten auf die Ministerin und ihren Chef Zapatero, der als "Weichei" durchgefallen war.
Respekt fürs Dekolleté
Unübersehbar auch Scheubs Sympathie für Angela Merkel. So genau die Autorin sonst hinsieht, so scharfsinnig sie das Missverständnis "ausbremst", Männer seien immer, Frauen niemals aggressiv - bei Merkel wird der Blick ein wenig vom Weichzeichner getrübt. Allerdings: Wie sich Helmut Kohls "Mädchen" gegen die altgediente und ausgebuffte Männerriege in der CDU durchgeboxt und schließlich Anerkennung als "mächtigste Frau der Welt" gefunden hat - es nötigt ohne Zweifel Respekt ab.
Auch die Mediendebatte um das Dekolleté, das die Kanzlerin vor zwei Jahren in Oslo gelegentlich eines Opernbesuchs enthüllt hatte, passt Scheub im Abschnitt "Merkeleien" in ihre Argumentation: Mit "rasanter Geschwindigkeit" seien die opportunistischen Medien vom Bild des "Aschenputtels" zu dem des "Superstars" umgeschwenkt, nachdem Merkel zur Kanzlerin gewählt worden war. Aber das Bemühen, der CDU-Politikerin Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, spricht zugleich auch für das Buch: Scheub schert sich nicht um den Mainstream, sie will nicht politisch korrekt sein, weil die Korrektheit letztlich zu den Kategorien der kritisierten Verhältnisse gehört. Scheub analysiert zu den Ursachen auch die tragischen Konsequenzen und Langzeitwirkungen deutschen Männlichkeitswahns.
Deutsche Männer verweigern das Nachdenken
Allein die These, deutsche Männer würden anscheinend konsequenter als die Männer anderer Länder das Nachdenken über ihre Männlichkeit verweigern - "offenbar aus Angst, Spuren der Gewalt ihrer Nazivorfahren in sich selbst zu entdecken", lädt zum Streit ein. Zumal vielen Jüngeren dieses Hinterland durch die oft verdrängten Vätergeschichten nicht bewusst ist. Es ist ein großer Vorzug dieses Buches, Partei zu nehmen, aber nicht parteiisch zu sein, dafür populär und journalistisch. Kulturgeschichte, Psychologie, Zeitgeschehen - reich illustriert mit Hintergründen, Zitaten, Sittenbildern aus der Welt der Politik und unverstellter Meinung, die aufklären, nicht manipulieren will: Das kann man in Scheubs "Heldendämmerung" abholen.
Und, was am schönsten ist: den unverwirklichten, aber ewig jungen Traum der Vernunft, dass es möglich sein muss, gleichberechtigt und fair in einer Welt zu leben, in der die Politik sich weniger um Rituale und Machterhalt schert als darum, den Menschen zugewandt zu sein.
Ute Scheub: "Heldendämmerung: die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist", Pantheon, 400 Seiten, 14,95 Euro