Bereits der Titel ist Programm. "Die Kraft Afrikas - warum der Kontinent noch nicht verloren ist" von Rupert Neudeck lässt ahnen, wie es um den Autor und sein Buch bestellt ist. Der Gründer von "Komitee Cap Anamur" und jetzige Chef der "Grünhelme" hat eine Leidenschaft für Afrika. Er verzweifelt an dem Kontinent, richtet sich wieder auf, schöpft Hoffnung, ist auch dort bereit, Kraft und Vitalität zu entdecken, wo andere sie in Staub und Armut übersehen - und steht kurz darauf wieder vor der nächsten Katastrophe und seinem Zweifel. Rupert Neudeck, der leidenschaftliche Humanist, lässt an diesem Auf und Ab den Leser teilhaben, es ist der innere Rhythmus dieser 288 Buchseiten.
In den mehr als 30 Jahren humanitären Arbeitens hat der heute 70-jährige Neudeck sich stets den Blick für die Menschen bewahrt, für die Hilfsbedürftigen oder Benachteiligten. Vielleicht auch deshalb haben seine Einsätze und sein Tun stets etwas Atemloses - es gibt so viel, wo man anpacken muss. Sein Buch spiegelt all das. Zum einen hat es immer wieder den Charakter einer Plauderei und wirkt mitunter dahingeworfen.
Rupert Neudeck hat eine Leidenschaft für Afrika. Der heute 70-Jährige ist der Gründer von "Komitee Cap Anamur", das 1979 Tausende vietnamesische Flüchtzlinge (Boat People) rettete. Seit über 30 Jahren engagiert er sich für humanitäre Hilfsprojekte. Sein Buch ist ein Plädoyer für die Hoffnung.
Zum anderen erfährt man etwas über Neudeck, wenngleich dieser eigentlich von anderen erzählt. Anekdotisch schildert er, wie 1980 ein "baumlanger Somali" an seiner Tür schellte und er, der Hausherr, kurz darauf mit 22 Tonnen Hilfsgütern in einem Jumbojet aufbrach und später eine Wüste durchquerte. Diese Mischung aus vermeintlich naivem Wagemut und Emotion steht für Neudeck und sein Buch. Er beginnt es fast akademisch, indem er eine politische Landkarte Afrikas entwirft, die sich den Beginn des Übels, den Kolonialismus, vorknöpft. Doch dann drängen die Begegnungen mit den Afrikanern, mit den Menschen nach vorn.
Scharfe Analyse
Der Augenblick ist immer so stark wie die Analyse. Es ist dieser immer den Menschen zugewandte Impuls, der "Die Kraft Afrikas" so lesenswert und zu einem Schmöker für jeden macht, der sich für Afrika interessiert. Ständig bereit, eine radikale Haltung einzunehmen, macht Neudeck uns mit dem Kontinent, seiner Geschichte und seiner Gegenwart vertraut. Er analysiert die Rolle der Kirchen, porträtiert politisch Mächtige und kritisiert die offizielle, staatliche Entwicklungshilfe, die, wie er sagt, letztlich nur die herrschenden Strukturen verfestigt.
Neudeck benennt die Abgründe, aber er stellt den Bösewichtern stets auch die Mutmacher gegenüber. Die "Kraft Afrikas" ist keinesfalls beschönigend und bedient sich einer klaren Sprache. Kritisch anzumerken wäre, dass Paul Kagame, der so erfolgreiche wie umstrittene Präsident Ruandas, zu leuchtend geschildert wird.
In einer Welt der Beliebigkeit, der wechselnden Standpunkte, der Kompromisse und der Realpolitik donnert hier ein Moralist, dem man sich nicht in jedem Punkt anschließen muss, der aber Respekt verdient für seine reflektierte Haltung. "Nach unseren Kriterien müsste weit über die Hälfte der Afrikaner längst gestorben sein", schreibt er. "Das Leben in Afrika ist viel anstrengender, risikoreicher als bei uns. Diese Menschen denken aber nicht daran zu sterben."
Rupert Neudeck: "Die Kraft Afrikas", C.H. Beck, 288 SEiten, 19,95 Euro