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Sachbuch: Samsons Haar, Houdinis Zehen

Von Kopf bis Fuß, von Gott bis Norman Mailer: Michael Sims schreibt eine entdeckungsfrohe Natur- und Kulturgeschichte der Körperteile. Von Sylvia Staude

Michael Sims: Adams Nabel und Evas Rippe
Michael Sims: Adams Nabel und Evas Rippe
Foto: Klett-Cotta

Darauf muss man kommen. Und dann fleißig recherchieren. Dann landet man, wenn man auch noch schreiben kann, bei einem Buch wie dem von Michael Sims, das den menschlichen Körper erkundet, systematisch von oben bis unten, naturgeschichtlich und kulturhistorisch.

"Adams Nabel und Evas Rippe" heißt es auf Deutsch, weil es eben den Nabel nicht nur als die Narbe erklärt, die übrig bleibt, wenn man das Kind von seiner Mutter löst, sondern etwa auch die kirchliche und philosophische Debatte darlegt, die lange um den Nabel (oder auch nicht) der ersten Menschen tobte. Sogar Gottvater wurde laut Sims von Künstlern immer wieder mit Nabel dargestellt - da kann man sich schon fragen, von wem er einst abgenabelt wurde. Oder ob der Mensch einfach nicht anders kann, als Gott nach seinem Ebenbild darzustellen.

Der amerikanische Sachbuchautor Michael Sims geht wie gesagt planvoll und gründlich vor. Gedanken und Fakten zur Haut sind seine "Ouvertüre". Dann fängt er bei den Kopfhaaren an (die Beatles, Samson, Dreadlocks - vom weiblichen Haar ganz zu schweigen) und arbeitet sich in einzelnen Kapiteln über Augenbraue, Auge, Ohr, Mund, Hand, Brust undsoweiter runter zu den Zehen. Und landet zuletzt beim Gehen und wie sich unser Verhältnis dazu durch diverse Verkehrsmittel verändert hat.

Geschichte des Schamhaars

Sims denkt über das "Familiengesicht", also über vererbte Ähnlichkeiten nach. Übers Starren und Blinzeln und ihre Bedeutung etwa für den (Western-)Helden. Über die Wichtigkeit des Geruchssinns, weshalb vielleicht sich die Nase beim Fötus bereits in der fünften Woche ausbildet. Der Autor weiß zu erzählen, dass der berühmte Houdini kleine Bewegungen der Ohren nutzte, um heimlich mit seinem Assistenten zu kommunizieren; später begegnet einem Houdini nochmal, weil er auch unglaublich geschickte Zehen hatte. Sims hat sogar die Geschichte des Schamhaars in der Kunst erforscht. Bei der Gelegenheit kommt er auch auf den Kunsthistoriker John Ruskin (1819-1900) zu sprechen, der über die Tatsache, dass eine erwachsene Frau Schamhaare hat, so erstaunt und zugleich entsetzt war, dass er nach der Hochzeit nie die Ehe vollzogen haben soll.

Michael Sims ist oft fein ironisch, wenn er seine Wissensschätze ausbreitet, und ehrlich gesagt gibt ihm die Körper- und Kulturgeschichte auch allen Grund dazu. Vor allem, wenn es um die Zonen oberhalb (bei den Frauen) und unterhalb des Nabels geht (bei beiden Geschlechtern). Man glaubt, die diebische Freude mitzulesen, die es Sims macht, über die vielen Vorhäute Jesu zu schreiben, die irgendwo als Reliquie verehrt wurden. Und deren Echtheit man allen Ernstes einst mit einem Geschmackstest prüfte.

Eve Enslers "V-Monologe"

Aber nicht immer ist der Autor zu Scherzen aufgelegt. Vor allem dann nicht, wenn er berichten muss, wie Unwissen, Vorurteile und Verklemmtheiten zu weit mehr Unglück führten, als es eine nicht vollzogene Ehe ist. Es waren durch die Jahrhunderte nicht immer, aber überwiegend die Frauen, die unter angeblich streng wissenschaftlichen Erkenntnissen über ihre Körper leiden mussten.

Noch heute, schreibt Sims, werden Eve Enslers "Vagina-Monologe" in amerikanischen Theaterprogrammen und anderswo verschämt als "V-Monologe" abgekürzt. Das Wort könnte ja Kinder korrumpieren. In jedem seiner Kapitel begibt sich der Autor auch auf sprachliche Fährten, aber besonders interessant ist das im V- und P-Bereich: Slangwörter für die weiblichen Genitalien sind oft grob herabsetzend, für die männlichen angeberisch. Gern wird der Mann im Militärischen fündig: Schwert, Bajonett, kleiner General, Norman Mailer nannte seinen Penis sogar "Rächer". Ein Lob in diesem Zusammenhang für die beiden Übersetzer Christine Schmutz und Frithwin Wagner-Lippok.

Viele Kuriositäten und originelle Details hat Sims gesammelt. Wer in Sachen Wimpern, Lippen oder Zehen noch wissbegieriger ist, findet im Anhang eine ausführliche Literaturliste.

Autor:  Sylvia Staude
Datum:  21 | 12 | 2009
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